worden waren . Als aber nach dem siebziger Kriege die Milliarden ins Land kamen und die Gründeranschauungen selbst die nüchternsten Köpfe zu beherrschen anfingen , fand auch Kommerzienrat Treibel sein bis dahin in der Alten Jakobstraße gelegenes Wohnhaus , trotzdem es von Gontard , ja nach einigen sogar von Knobelsdorff herrühren sollte , nicht mehr zeit- und standesgemäß und baute sich auf seinem Fabrikgrundstück eine modische Villa mit kleinem Vorder- und parkartigem Hintergarten . Diese Villa war ein Hochparterrebau mit aufgesetztem ersten Stock , welcher letztere jedoch , um seiner niedrigen Fenster willen , eher den Eindruck eines Mezzanin als einer Beletage machte . Hier wohnte Treibel seit sechzehn Jahren und begriff nicht , daß er es , einem noch dazu bloß gemutmaßten friderizianischen Baumeister zuliebe , so lange Zeit hindurch in der unvornehmen und aller frischen Luft entbehrenden Alten Jakobstraße ausgehalten habe ; Gefühle , die von seiner Frau Jenny mindestens geteilt wurden . Die Nähe der Fabrik , wenn der Wind ungünstig stand , hatte freilich auch allerlei Mißliches im Geleite ; Nordwind aber , der den Qualm herantrieb , war notorisch selten , und man brauchte ja die Gesellschaften nicht gerade bei Nordwind zu geben . Außerdem ließ Treibel die Fabrikschornsteine mit jedem Jahre höher hinaufführen und beseitigte damit den anfänglichen Übelstand immer mehr . Das Diner war zu sechs Uhr festgesetzt ; aber bereits eine Stunde vorher sah man Hustersche Wagen mit runden und viereckigen Körben vor dem Gittereingange halten . Die Kommerzienrätin , schon in voller Toilette , beobachtete von dem Fenster ihres Boudoirs aus all diese Vorbereitungen und nahm auch heute wieder , und zwar nicht ohne eine gewisse Berechtigung , Anstoß daran . » Daß Treibel es auch versäumen mußte , für einen Nebeneingang Sorge zu tragen ! Wenn er damals nur ein vier Fuß breites Terrain von dem Nachbargrundstück zukaufte , so hätten wir einen Eingang für derart Leute gehabt . Jetzt marschiert jeder Küchenjunge durch den Vorgarten , gerade auf unser Haus zu , wie wenn er mit eingeladen wäre . Das sieht lächerlich aus und auch anspruchsvoll , als ob die ganze Köpnicker Straße wissen solle : Treibels geben heut ein Diner . Außerdem ist es unklug , dem Neid der Menschen und dem sozialdemokratischen Gefühl so ganz nutzlos neue Nahrung zu gehen . « Sie sagte sich das ganz ernsthaft , gehörte jedoch zu den Glücklichen , die sich nur weniges andauernd zu Herzen nehmen , und so kehrte sie denn vom Fenster zu ihrem Toilettentisch zurück , um noch einiges zu ordnen und den Spiegel zu befragen , ob sie sich neben ihrer Hamburger Schwiegertochter auch werde behaupten können . Helene war freilich nur halb so alt , ja kaum das ; aber die Kommerzienrätin wußte recht gut , daß Jahre nichts bedeuten und daß Konversation und Augenausdruck und namentlich die » Welt der Formen « , im einen und im andern Sinne , ja im » andern « Sinne noch mehr , den Ausschlag zu geben pflegen . Und hierin war die schon stark an der Grenze des Embonpoint angelangte Kommerzienrätin ihrer Schwiegertochter unbedingt überlegen . In dem mit dem Boudoir korrespondierenden , an der andern Seite des Frontsaales gelegenen Zimmer saß Kommerzienrat Treibel und las das » Berliner Tageblatt « . Es war gerade eine Nummer , der der » Ulk « beilag . Er weidete sich an dem Schlußbild und las dann einige von Nunnes philosophischen Betrachtungen . » Ausgezeichnet ... Sehr gut ... Aber ich werde das Blatt doch beiseite schieben oder mindestens das Deutsche Tageblatt darüberlegen müssen . Ich glaube , Vogelsang gibt mich sonst auf . Und ich kann ihn , wie die Dinge mal liegen , nicht mehr entbehren , so wenig , daß ich ihn zu heute habe einladen müssen . Überhaupt eine sonderbare Gesellschaft ! Erst dieser Mister Nelson , den sich Helene , weil ihre Mädchen mal wieder am Plättbrett stehen , gefälligst abgewälzt hat , und zu diesem Nelson dieser Vogelsang , dieser Lieutenant a. D. und Agent provocateur in Wahlsachen . Er versteht sein Metier , so sagt man mir allgemein , und ich muß es glauben . Jedenfalls scheint mir das sicher : hat er mich erst in Teupitz-Zossen und an den Ufern der Wendischen Spree durchgebracht , so bringt er mich auch hier durch . Und das ist die Hauptsache . Denn schließlich läuft doch alles darauf hinaus , daß ich in Berlin selbst , wenn die Zeit dazu gekommen ist , den Singer oder irgendeinen andern von der Couleur beiseite schiebe . Nach der Beredsamkeitsprobe neulich bei Buggenhagen ist ein Sieg sehr wohl möglich , und so muß ich ihn mir warmhalten . Er hat einen Sprechanismus , um den ich ihn beneiden könnte , trotzdem ich doch auch nicht in einem Trappistenkloster geboren und großgezogen bin . Aber neben Vogelsang ? Null . Und kann auch nicht anders sein ; denn bei Lichte besehen , hat der ganze Kerl nur drei Lieder auf seinem Kasten und dreht eins nach dem andern von der Walze herunter , und wenn er damit fertig ist , fängt er wieder an . So steht es mit ihm , und darin steckt seine Macht , gutta cavat lapidem ; der alte Wilibald Schmidt würde sich freuen , wenn er mich so zitieren hörte , vorausgesetzt , daß es richtig ist . Oder vielleicht auch umgekehrt ; wenn drei Fehler drin sind , amüsiert er sich noch mehr ; Gelehrte sind nun mal so ... Vogelsang , das muß ich ihm lassen , hat freilich noch eines , was wichtiger ist als das ewige Wiederholen , er hat den Glauben an sich und ist überhaupt ein richtiger Fanatiker . Ob es wohl mit allem Fanatismus ebenso steht ? Mir sehr wahrscheinlich . Ein leidlich gescheites Individuum kann eigentlich gar nicht fanatisch sein . Wer an einen Weg und eine Sache glaubt , ist allemal ein Poveretto , und ist seine Glaubenssache zugleich er selbst , so ist er