Bub . « Als sie das Fenster geschlossen hat , schiebt sie den Bettschirm vor ihr Lager und liegt nun still dahinter mit gefalteten Händen , bewegt die Lippen wortlos und horcht auf die Atemzüge ihres Kindes . Er muß ja heute gut schlafen , zum erstenmal wieder daheim nach Jahren . Eine Weile lauscht die Hanni vergeblich , dann hört sie ihn leise reden , wie im Traum . » Jungfer Murter ! « Sie horcht gespannt , jetzt wieder : » Jungfer Murter ! ? « » Was denn , Poldl ? « » Ich kann nicht schlafen , schau , da scheint mir der Mond mitten ins Gesicht - der läßt mich nie in Ruh - b ' sonders in den letzten Jahren . Wenn ich auch die Fenster mit Kotzen verhängt hab , ich g ' spür ihn doch , und er findet mich . Wenn ich aber doch einschlafen kann , so träum ich allerweil eine Menge durcheinander , drum bin ich schon lieber munter , wenn ich auch schnurgrad ins Mondlicht schaun muß . « Die Hanni seufzt verzagt und murmelt befangen : » Das hast schon als kleines Kind g ' habt , hast ' s von dein Vattern geerbt , der hat oft lange Reden g ' halten im Schlaf , wenn Vollmond war . « » So - so - ? « sagt der Soldat unvertraut aushorchend : » Aber du , ich glaub , die Rosen von der Frau Mutter riechen jetzt noch stärker , oder sein wir das nicht g ' wöhnt ? « » Wird schon so sein ... wir werden ' s halt erst g ' wöhnen . « Die Schwarzwälder Uhr neben dem Bett der alten Jungfer schlägt zwölf . » Gute Nacht « , lispelt die Hanni . Das Gemach ist wie in bläuliche Schleier gehüllt , das unbewegliche Mondlicht erfüllt es ganz , und die beiden schauen hinaus in den feucht glitzernden Hof und lauschen den heimlich wispernden Stimmen der träumenden Herbstnacht . » Jungfer Murter , heut war ich fünfundzwanzig Jahr alt , schau , sei gut , erzähl mir , weil du auch nicht schlafen kannst , die G ' schicht von meinen Eltern . Jetzt bin ich doch alt genug dazu , daß ich alles wissen kann ? - Morgen , wenn ich ausgerast ' t bin , muß ich nachschauen , wie ' s der Frau Mutter geht . « Eine Weile schweigt die Hanni , denn das Herz klopft bleischwer , sie setzt sich in ihrem Bett sachte auf und sagt halblaut verlegen : » Ja , das ist halt schwer ... Wissen tu ich alles ganz genau , aber erzählen kann ich ' s dir nicht so wie es eigentlich war , so nacheinander . Der einsame Spatz hat sich die ganze G ' schicht aufgeschrieben , so , wie ich sie ihm einmal erklärt hab . Dann hat er sie mir wieder vorg ' lesen , und es war alles ganz recht , nur so , so halt , als ob er besser gewußt hätt , was wir uns alle miteinander denkt haben . Les ' das in Gottes Namen , mein Kind , wenn du eh ' nicht schlafen kannst . Im Schubladkasten , in der ersten Lad auf der rechten Seiten liegt das geschriebene Büchel . « Der junge Soldat zündet die Lampe wieder an , holt sich das Buch , atmet so tief , als ob er den süßen Rosenduft trinken wollte , und beginnt dann zu lesen . Aus der Chronik der Blauen Gans Niedergeschrieben von Virgilius Stramirisko Die kleine Walter Hanni war vom Dach gestürzt , als sie dem eben Heimgekehrten , dem Weis Leopold , seinen Kreuzschnabel holen wollte , der davongeflogen war und neben dem hohen Rauchfang saß . Sie war damals noch ein halbes Kind und meinte , der junge Invalide , der nur einen Arm aus Italien mitbrachte , sei plötzlich so traurig des entflohenen alten Vogels wegen . Der Kreuzschnabel steckte noch unversehrt in ihrem Jäckchen an ihrer Brust , sie selbst aber hatte Arm und Bein gebrochen , und ich war der erste , der das all den heulenden Weibern sagte und dem Arzte half die Glieder einrichten . In der Blauen Gans , dem langgestreckten Vorstadthaus , war man darüber einig , daß die Hanni nichts Besseres tun könne als rasch sterben , denn : » Nur kein krüppelhaftes Kind , lieber ein totes « , erklärte selbst ihre Mutter , die eine böse Zunge und ein rohes Herz hatte . » Die Lenerl ist die Schönste und der Hannerl ihre beste Freundin , die muß schwarz verschleiert mit der abgebrochnen Kerzen hinter der Totentruhen gehn als allererste « , bestimmten die halbwüchsigen Mädeln . Aber die Hanni ist nicht gestorben , das Kind hat sich langsam erholt , nachdem die Glieder gut eingerichtet waren , und nach einem Jahr gemahnte nichts mehr an das Unglück . Und nun kam die Zeit des Lachens wieder : » Laß nur gehn , bis d ' heiratst ist alles gut « , wurde ihr bei jedem Anlaß lustig zugerufen , und so gewöhnte sich das junge Mädchen daran , alles das , was ihr an Freude und Glück fehlte , nur von der Ehe zu erwarten , Arbeit und Ungemach aber als das Notwendige hinzunehmen wie die meisten Bewohner der Blauen Gans . Die Jahre gingen hin , und eines Tages stand die Hanni wirklich wohlgemut im weißen Kleide beim Traualtar , doch nur als Brautjungfer , neben der bräutlich geschmückten Lene . Das war eine Braut , an der sich keiner satt sehen konnte ! Und dann die Hochzeit ! So etwas hatte dort unten , wo die letzten Häuser stehen , seit Menschengedenken niemand erlebt , und will ich ehrlich sein , so muß ich gestehen , daß auch mich das frische , gesunde , lustige Treiben angemutet und erfreut hat . Es war ja