leichtfertigen Tessin nie gestattet haben . Und so versetzte er : » Die üble Nachrede trifft auch manchmal das Richtige . « Ein schwerer Seufzer stieg aus der Brust Marias . » Du tust ihm vielleicht Unrecht « , wagte sie einzuwenden . » Er ist unwahr und gewissenlos - unterbrich mich nicht - ich spreche von jener Gewissenlosigkeit , die sich von der des Falschspielers oder des Diebes unterscheidet wie das Ungreifbare vom Greifbaren ... Genug . « Er wandte sich ihr plötzlich zu und sah sie an : » Du hast schlecht geraten . Der mich bat , ihm Gelegenheit zu geben , von dir gekannt zu werden - denn dich zu kennen , behauptet er - , ist Hermann Dornach . « Sie biß sich auf die Lippen . » Welche Ehre ! Und was hast du ihm geantwortet ? « » Daß ich mit dir reden und ihm dann Bescheid geben will . Er wird bejahend lauten , wenn du Rücksicht nimmst auf das , was ich wünsche . Du verbindest dich damit zu nichts . Ich verlange nur : beobachte ihn , prüfe dich . Er wird deine Achtung gewinnen , aber die Sympathie allein gibt den Ausschlag , und - da stehen wir an der Grenze unseres freien Willens . Der Verstand sagt , der klare Blick sieht , hier ist ein Mensch , so vortrefflich , daß eine brave Frau mit ihm glücklich werden muß . Es ist kaum anders möglich , als daß ihre Freundschaft und Hochschätzung für ihn sich allmählich zur Liebe und Begeisterung steigert . Und dort ist ein anderer , an dessen Seite sie Enttäuschung auf Enttäuschung zu erwarten hat . Sie wird gewarnt , ahnt wohl selbst etwas davon - was hilft ' s ? - Ein dunkler Instinkt bleibt der Herr . Das Echte läßt sie gleichgültig , und unwiderstehlich fühlt sie sich zum Falschen hingezogen . « » Unwiderstehlich ? « Trotz und Zorn funkelten aus Marias Blicken . » Wenn du das auf mich anwendest , kennst du mich nicht . « » Hoho ! « sprach er , sehr zufrieden mit dem hervorgebrachten Eindruck . » Da bleibt mir nichts übrig , als mich zu entschuldigen . Aber das möchte ich wissen - ob du nie ausgelacht worden bist , wenn du die Verteidigung Mademoiselle Nicolettes und ihres Gönners übernahmst ? « - Er ersparte ihr die Antwort , die sie mühsam vorzubringen suchte . » Und dann , warum hast du gesagt : Welche Ehre ! als ich dir die Botschaft Dornachs bestellte ? « » Weil alle Welt es dafür ansehen würde . Es ist ja unglaublich , wie sie es mit ihm treiben . Die Papas und Mamas machen dem jungen Manne den Hof ... Oh , wenn sie ihm die Töchter buchstäblich an den Kopf werfen könnten - da sähe man Komtessen fliegen ! ... Und die überbieten noch die Taktlosigkeit der Eltern , ihm und seinem zweiten Ich , seiner Mutter gegenüber ... Ich schäme mich für die anderen ... Das alles ist so empörend und für Dornach so demütigend , weil es so unpersönlich ist und nur seinem Rang und seinem Reichtum gilt . « Sie ereiferte sich und sprach mit einer Heftigkeit , die außer Verhältnis zu deren scheinbarem Grunde stand . Peinlich berührt , lenkte der Graf das Gespräch ab und brachte es erst später auf den Freier zurück , der , wie es bei ihm feststand , sein Schwiegersohn werden sollte . Als er sie verlassen hatte , ging Maria zu Bette und konnte zum ersten Male in ihrem Leben nicht sogleich einschlafen . Jedes Wort über Tessin , das ihr Vater gesprochen hatte , klang schmerzhaft in ihrer Seele nach . Die Erinnerung an alles wurde lebendig , das Maria ein tolles Geschwätz genannt und dem sie ihr Ohr verschlossen hatte . Nun aber wußte sie , die Menschen , die von ihr der Verleumdung angeklagt worden , die hatten recht , und ihr Vater hatte recht und sie allein unrecht mit ihrer törichten Glaubensseligkeit , mit ihrer übel angebrachten Bewunderung Tessins , mit ihrem Stolz auf sein ritterliches Werben ... Guter Gott , das war so unpersönlich wie die dem Grafen Dornach dargebrachten Huldigungen . Ein ehrgeiziger Diplomat , ein praktischer Mann hatte gewünscht , der Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg zu werden , und die dazu unerläßlichen Schritte mit liebenswürdiger Formgewandtheit unternommen ... Das Herz war bei dem Geschäfte nicht im Spiele - wäre auch nicht zu vergeben gewesen , es befand sich bereits in anderweitigem Besitz . Ein Schwall von neuen Empfindungen brach über Maria herein . Sie war die Beute von etwas Fremdartigem und Unschönem , dem sie sich entreißen wollte , und wollen konnte sie noch , das sollte ihr Vater sehen - ihr Vater und noch ein anderer ... Ihre Lider wurden schwer und schlossen sich . Ein Augenblick der Betäubung , dann fuhr sie auf ... Ob sie jetzt wußte , was es heißt : hassen ? ... Nein , nein ... sie fühlte nur ein tiefes Bedauern , wie wenn ihr ein Herrliches und Schönes , an dem ihr das Herz gehangen hatte , verunstaltet worden wäre . Er , den sie hoch über alle Menschen gestellt , unwahr und gewissenlos ! Sie hörte noch vom Turme der nächsten Kirche zwei Uhr schlagen , dann schlief sie ein und träumte , Tessin trete als Schneeschaufler verkleidet an ihr Bett , präsentiere mit dem Besen und engagiere sie zum Kotillon . Sie folgte ihm durch den Ballsaal und schämte sich ihrer Nachttoilette und ihrer nackten Füße . Auch ihres Tänzers schämte sie sich , der in einem fort grinste und der wirkliche Schneeschaufler war . Und wie sie ihn jetzt so recht ins Auge faßte , entdeckte sie etwas Merkwürdiges . Der zerlumpte Mensch erinnerte an ihren Vater , er hatte wie jener die breite Stirn , die dichten , zusammengewachsenen Brauen . Maria neigte sich zu ihm