auch geglückt , ein Theaterreferat über eine Sommertheaterbühne für eine untergeordnete Zeitung zu erlangen : da ließ er sich denn die Gelegenheit zu allerlei Coulissenstudien nicht entgehen ... und ob es wohl nicht vorgekommen war , daß er sich mit dem ... Kusse einer Soubrette bestechen oder belohnen ließ ... ? Auch im Strudel der studentischen Kameradschaften trieb und wirbelte er eine Zeit lang herum - und so floß dieses Stück Leben hin voll Wirrwarr , Zerrissenheit und Zerstücktheit ... Eines Tages stand Adam vor dem Staatsexamen . Er genügte gerade noch den Prüfungen - und kroch eine kleine Frist später in das Joch einer Hauslehrerstellung bei einer adligen Gutsbesitzersfamilie . Seine beiden Zöglinge erfreuten sich zwar einer ganz braven Leibesgesundheit - mit der Kraft und Gesundheit ihres Geistes jedoch war es ein Bissel schwächer bestellt - und so redliche Mühe sich Adam zuweilen auch gab , dem edlen Blaublut die Geheimnisse des » Accusativi cum infinitivo « zu erschließen : im Grunde erreichte er nur verdammt Wenig mit seiner Abquälerei . Nach zwei Jahren hing er den Präceptorrock an den Nagel und zog von dannen . Er hatte sich wenigstens einige hundert Mark erspart und war somit in der Lage , sich den Doctorhut , welchen zu tragen doch nun einmal unter Anderem » auch « in das corpulente Pflichtenregister eines » akademisch gebildeten « Menschen gehört , zu kaufen . Fortan durfte er sich also mit Fug und Recht die sehr gewöhnliche Anrede » Herr Mensch « verbitten und die jedenfalls wohllautendere » Herr Doctor « verlangen . - An dem Progymnasium einer kleineren Provinzialstadt absolvirte er sein Probejahr . Hier wurde das Maß voll . Adam konnte durchaus nicht begreifen , warum er seinen Schülern außer den interessanten Anfangsgründen der lateinischen Syntax auch noch die Schönheiten alttestamentlicher Mythen , Märchen und mindestens sonderbarer Opfergeschichten zu Gemüthe führen sollte . Zudem ekelten ihn die kleinen und engen Verhältnisse dieser lobesamen Spießerwelt unbeschreiblich an . Und so schnitt er das Tafeltuch zwischen sich und einer soliden , gesicherten Zukunft entzwei - einer Zukunft , welche so gern eine der reizenden Honoratiorentöchter des Städtels , allwo er ihren Brüdern ein in mancherlei Hinsicht doch etwas merkwürdiger Lehrer gewesen war , mit ihm getheilt hätte - sotanes Tafeltuch schnitt er also mitten durch - und ließ sich auf den curiosen Einfall kommen , ein ... » moderner « Mensch zu werden . - Hm ! So war er denn wirklich ein » moderner « Mensch geworden . Und so saß er zu dieser Stunde dort auf dem Sopha , zog seine Virginia-Cigarette mechanisch durch die Lippen , gab den Qualm mechanisch von sich , preßte ab und zu Zeige- und Mittelfinger der linken Hand gegen die linke Seite seiner Schläfen und dachte manchmal an Hedwig Irmer . Wie dumm ihm jetzt die Geschichte vorkam , die er vor kaum einer Stunde mit dieser Dame in Scene gesetzt ! Nein ! Er wußte es : er besaß kein ... wenigstens noch kein tieferes Interesse für dieses Weib ... Ob er wohl jemals in den Besitz dieses » tieferen Interesses « für Fräulein Irmer gelangen würde ? Kaum ... Er konnte sich allerdings nicht trauen . Zuweilen überraschte ihn sein sonderbar complicirtes Ich mit Thatsachen , die ihn in Erstaunen setzten . Er hätte eigentlich immer en vedette sich gegenüber sein müssen . Doch vorausbestimmen konnte er absolut Nichts . So mußte er sich denn eben überraschen lassen . Besaß er Ellenbogen ? O ja ! Aber er gebrauchte sie nicht , sich Platz auf der Welt zu verschaffen . Wollte er sie nicht dazu gebrauchen ? Hm ! War er blasirt ? Gâté ? Nein ! Nein ! Er kannte ja das Leben noch kaum . Es war ja eigentlich noch gar nicht so lange her , daß er aus dem Ei gekrochen . Ein paar Eierschaalenrestchen hafteten ihm sicher noch an . Was verschlugs ! Das Eine stand jedenfalls fest : frei , ganz frei , keiner Machtsphäre unterthan , keinem Urtheilstribunal unterworfen mußte er sein , wenn er wenigstens die Absicht gebären sollte , sich - irgend einem Joche zu fügen . Er spielte wohl zuweilen , mit dem Gedanken , aus diesem allmählichen Zerfallen , Verwittern und Vermorschen seiner » Persönlichkeit « an Kraft und Talent und Muth noch zu retten , was zu retten wäre , und mit den Resten und Stümpfen , die trotz ihrer relativ-subjektiven Kärglichkeit vielleicht noch zehntausend Mal bedeutender und werthvoller waren , denn die zur Einheit gesammelt gebliebenen Fähigkeiten manches unzersplitterten Durchschnittlers - mit ihnen also in eine normale und genau abgesteckte Laufbahn einzubiegen . Ach ! Adam wußte so manches Mal sehr genau , daß er mit diesem Gedanken nur spielte . Konnte er sich zu dieser That der Umkehr wirklich noch aufraffen ? Hm ! Hielt er die Umkehr denn überhaupt noch der Mühe für werth ? Sein psychologisches Feingefühl sagte ihm doch wahrhaftig genau , daß man schließlich Alles gehen lassen muß , wie es geht . O ja ! Man faßt Entschlüsse . Aber man kehrt doch bald wieder in die Bahn zurück , der man eben verfallen ist . Adam gehörte zur Sippe jener » unglücklichen « Naturen , bei denen Willenskraft , Phantasie und nüchterner Verstand gleiche Stärke- oder gleiche Schwächegrade besitzen . Wohl löst zeitweilig , gleichsam das eine Persönlichkeitsmoment das andere in der Herrschaft ab . Jedoch sind diese Menschen sehr oft nachdrücklichster Hochgefühle fähig , dabei alle Kräfte sich zu einheitlicher Stärke zusammenschließen - und darum müssen sie so oft auch die Gegenwirkung auf diesen Aufschwung : eine allgemeine Gleichgültigkeit , eine schwere , blutleere Herabgestimmtheit , über sich ergehen lassen . Ist das nicht eigentlich ihr - was man so nennt : ihr » Normalzustand « ? Adam Mensch war sich soweit klar über sich , daß er diese Wesenheit seiner Natur erkannt hatte und sie zuweilen berücksichtigte , das heißt : sich mit ihr tröstete . Die klare Einsicht in eine Thatsache