O nein . So sehr dies wünschenswerth wäre , verkaufen mag ich mich nicht ! « Lady Dorrington hob mit komischem Erstaunen beide Hände empor . » Verkaufen ! Welch ' ein Wort ! Sie sollen eben thun , wie tout le monde ! Nur ruhig , Lieber , wir werden das schon in die Hand nehmen . Ueberlassen Sie das meinem Takt ! « Xaver küßte ihr verbindlich die Hand . » Wie soll ich Ihnen danken für das Interesse , gnädige Tante , das Sie mir entgegenbringen ! Doch fürs erste .. übrigens wird das wohl auch kaum so leicht sein wie Sie denken . « » Das überlasse man mir ! Ich denke doch , einem Grafen Krastinik stehen alle Pforten offen ! « Und Lady Dorrington warf stolz das Haupt in den Nacken , als wäre sie der vereidigte und patentirte Anwalt für alle Generationen Derer von Krastinik . » Apropos , haben Sie viele introductions nach London mitgebracht ? « » Nicht eine . All solche Pläne lagen mir ja ohnehin fern . Ich will nur einen Monat hier zubringen , um mich zu erholen - das ist Alles . Ich gedenke gar nicht , mich wieder in die Gesellschaft einzupferchen . Und im Sommer obendrein , wo sonst in ganz Europa die Saison längst endet ! Wie drollig verschieden hier alles doch ist ! « Lord Dorrington lachte leicht auf , die Lady lächelte . » Nehmen Sie gleich einen Hinweis und guten Rath , lieber Xaver : Finden Sie nichts drollig , was ihnen hier auffällt . Das wäre in England der gröbste Verstoß . Bedenken Sie , daß gerade den Engländern alles drollig , vorkommt , was sie auf dem Continent sehen ! Und jeder Brite nimmt stillschweigend an , daß man seine Sitten als etwas Superiores ehrt und anerkennt . - Nun , wir werden Sie schon in gute Gesellschaft bringen . « » George , my dear , « wandte sie sich an ihren Gatten , » Nächsten Sonnabend ist eine Garten-Parthie bei Egremonts . Sorgen wir dafür , daß unser Freund eine Einladung erhält , nicht ? « » Aha ! « machte der Lord , indem er verschmitzt ein Auge zudrückte . » Well . Das soll geschehn . « Der Graf verbeugte sich . Seine vornehme Reservirtheit verbot ihm , sich näher zu erkundigen , wer » Egremonts « seien . » Ich nehme das dankbar an . Heut Nachmittag will ich noch eine Karte bei unserem Botschafter abgeben ; dann ist mein gesellschaftliches Tagewerk fürs erste gethan . « Man unterhielt sich eine Weile über allgemeine Gegenstände . Es zeigte sich , daß der schneidige Kavallerist neben der gebräuchlichen Theilnahme für Pferde und Wettrennen als begeisterter Amateur der Musik und besonders der schönen Litteratur seine freien Stunden widmete . Als er jedoch seiner Landsmännin ein Ungarisches Lied vorsingen wollte und sie eifrig dabei accompagnirte , schienen ihre beiderseitigen Sprachkenntnisse im Magyarischen nur mangelhaft entwickelt . Hatten sie doch ihr Lebenlang nur Deutsch gesprochen und auf ihren ungarischen Gütern selten verkehrt . Dies hinderte aber nicht , daß sie völlig darüber d ' accord waren , die Deutschen seien eine maßlos arrogante und rohe Nation , welche gedemüthigt werden müsse . » Die armen Franzosen ! « seufzte Lady Dorrington wehmüthig . » Bismarck wollte Deutschland einen - und dafür mußten die Franzosen bluten . Und jetzt droht er schon wieder ! Dies Deutschland will nie Frieden halten . « » Hm ! « Der alte Lord runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf . Sein englisches Gerechtigkeitsgefühl bäumte sich auf . Er vermied jedoch , mit seiner Frau , deren Bruder bei Königsgrätz als Divisionär gefallen war , über diesen Punkt zu rechten . Lady Dorrington mußte sich verabschieden , um eine nothwendige Visite zu machen . Die beiden Männer plauderten bei einer Flasche Portwein und griechischen Cigaretten im Bibliothekzimmer weiter . Allerlei schnurrige und ernste Erinnerungen erwachten bei dem alten Herrn , aus der Zeit seines Aufenthalts in Wien , wo er als flotter Lebemann geglänzt hatte . Er erkundigte sich angelegentlich , ob die österreichischen Damen der großen Welt noch immer so naiv-liederlich seien . So gab er eine Anekdote zum besten , wie in einem gewissen Badeort die Damen am Fenster durch Operngucker zugesehen hätten , wie ihre Herren im See badeten . Dabei hatte die schöne Gräfin Mizi .. , die in dem Rufe stand , systematisch ihre Liebhaber zu wechseln , naiv ausgerufen : » O , dies Jahr nehme ich Dorrington ! « Man mochte wohl glauben , daß er früher ein sehr schöner Mann gewesen sei - noch die Ruine wies darauf hin . Der gute alte Herr kicherte behaglich mit wohlwollender Theilname für die menschliche Schwäche . » Die Arme ! Sie ist nun auch schon lange todt ! « Allein , er wußte auch ernstere Details aus seiner diplomatischen Carrière zu erzählen . Hatte er sogar Metternich noch gut gekannt , der ihm echten Johannisberger oftmals vorgesetzt hatte . Auf den ließ er nichts kommen . Beeinflussen die persönlichen Verbindungen doch stets das objektive Urteil auch bei urteilsfähigen Geistern . Und Lord Dorrington war ein Urteilsfähiger . Seine diplomatischen Spielereien lagen lange hinter ihm . Jetzt hatte er sich der Wissenschaft gewidmet und der Litteratur . In seinem Bibliothekzimmer hingen eine Reihe interessanter Zeichnungen und Portraits von berühmten Dichtern aus jener großen Epoche der englischen Litteratur zu Anfang des Jahrhunderts , die er in früher Jugend noch miterleben durfte und aus welcher er viele Autographen bewahrte . Als Xaver mit augenscheinlichem Eifer diese Sammlungen besichtigte , rief Dorrington , nachdem er ihn eine Zeitlang aufmerksam betrachtet hatte , plötzlich : » Et tu , Brute ? Du bist ja auch ein Poet ? « Der k.k. Rittmeister ward dunkelroth . » Ich - ein Poet ? « stammelte er . » Wie - kommen Sie darauf ? « » O ! Ich lasse mich nicht beirren .