, weil er noch zu dumm war , sie zu verstehen . Aber einer Sache erinnerte er sich ganz genau : Während er , schier atemlos vor Grauen und Erwartung , den Worten der Mutter lauschte , sah er plötzlich die graue Gestalt , von der sie sprach , leibhaftig an der Tür stehen - ganz dieselbe mit ihren erhobenen Armen und ihrem blassen , traurigen Gesicht . Er verbarg den Kopf im Arm der Mutter - sein Herz pochte , der Atem fing an , ihm zu fehlen , und in Todesangst mußte er aufschreien : » Mama , da ist sie , da ist sie ! « » Wer ? die Frau Sorge ? « fragte die Mutter . Er antwortete nicht und fing zu weinen an . » Wo denn ? « fragte die Mutter weiter . » Dort in der Tür , « erwiderte er , sich aufrichtend und ihren Hals umklammernd , denn er hatte große Angst . » O du kleiner Dummrian ! « sagte die Mutter . » Das ist ja Papas langer Reisemantel . « Und sie holte den Mantel her und hieß ihn Futter und Oberzeug betasten , damit er ' s ganz genau wüßte , und er gab sich darein , aber innerlich war er nur um so fester überzeugt , daß er die graue Frau von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte . Und nun wußte er auch , wie sie hieß . » Frau Sorge « hieß sie . Aber die Mutter war nachdenklich geworden und ließ sich nicht bewegen , das Märchen zu Ende zu erzählen . Auch in späteren Zeiten nicht . Mochte er sie noch so flehentlich bitten . Von dem Vater hatte er aus jenen Jahren nur eine dunkle Erinnerung bewahrt . Ein Mann mit großen Wasserstiefeln , der die Mutter schalt und die Brüder prügelte und ihn selbst zu übersehen pflegte . Nur bisweilen fing er einen scheelen Blick auf , der ihm nichts Gutes zu bedeuten schien . Manchmal , besonders wenn er in der Stadt gewesen war , hatte sein Gesicht eine dunkelrote Farbe wie ein überheizter Kessel , und sein Gang lief kreuz und quer von einer Diele auf die andere . Dann spielte sich immer dieselbe Geschichte ab : Zuerst liebkoste er die beiden Zwillinge , die er ganz besonders in sein Herz geschlossen hatte , und schaukelte sie auf seinen Armen , während die Mutter dicht dabei stand und mit angstvollen Blicken alle seine Bewegungen verfolgte ; dann setzte er sich zum Essen , stöckerte ein wenig in den Schüsseln herum und schob sie dann beiseite , indem er den » Fraß « power und unschmackhaft nannte , riß auch wohl Max und Gottfried eins mit der Gerte über den Nacken , war auf die Mutter böse und ging schließlich hinaus , um mit den Knechten Händel anzufangen . Weithin hallte dann seine wetternde Stimme über den Hofraum , so daß selbst der Karo an seiner Kette den Schwanz zwischen die Beine kniff und sich in den hintersten Winkel seiner Bude zurückzog . - Kehrte er nach einer Weile in das Zimmer zurück , so war seine Stimmung meistens von Zorn in Verzweiflung umgeschlagen . Er rang die Hände , klagte über das Elend , in dem er hier hausen müsse , und sprach zu sich selber von allerhand großen Dingen , die er unternommen haben würde , wenn nicht dies oder das ihn verhindert hätte , und wenn Himmel und Erde nicht miteinander verschworen wären , ihn zugrunde zu richten . Dann trat er wohl ans Fenster und schüttelte die Faust nach dem » weißen Hause « hin , das aus der Ferne so freundlich herüberblickte . Ja , dieses » weiße Haus « ! Der Vater schalt darauf , er runzelte die Brauen , wenn nur sein Blick nach jener Richtung hinschweifte , und er selbst , er hatte es so lieb , als wenn ein Stück seiner Seele dort weilte . Warum ? Er wußte es selbst nicht . Vielleicht nur , weil die Mutter es liebte . Auch sie stand ja gar oft am Fenster und schaute darauf hin , aber sie runzelte nicht die Brauen , o nein ! - ihr Gesicht wurde weich und wehmütig , und aus ihren Augen strahlte eine Sehnsucht , so inbrünstig , daß ihm , der still daneben stand , gar oft ein Schauer heiß über den Nacken lief . War doch sein kleines Herz von ganz derselben Sehnsucht erfüllt ! Erschien ihm doch , so lange er denken konnte , jenes Haus als der Inbegriff alles Schönen und Herrlichen ! Stand es doch , wenn er die Lider zudrückte , allezeit vor seinen Augen , schlich es sich doch selbst in seine Träume hinein ! » Bist du schon einmal in dem weißen Hause gewesen ? « fragte er eines Tages die Mutter , als er seine Wißbegier nicht länger zügeln konnte . » O ja , mein Sohn , « erwiderte sie , und ihre Stimme klang traurig und unsicher . » Oft , Mama ? « » Sehr oft , mein Junge . Deine Eltern haben einmal dort gewohnt , und du bist dort zur Welt gekommen . « Seitdem war ihm das » weiße Haus « dasselbe , was dem Menschengeschlechte das verlorene Paradies . - - - » Wer wohnt denn jetzt in dem weißen Hause ? « fragte er ein andermal . » Eine schöne , freundliche Frau , die alle Menschen lieb hat und dich ganz besonders , denn du bist ja ihr Patenkind . « Ihm war zumute , als ergösse sich eine unendliche Fülle von Glück über sein Haupt . Er war so aufgeregt , daß er zitterte . » Warum fahren wir denn nicht zu der schönen , freundlichen Frau ? « fragte er nach einer Weile . » Papa will ' s nicht haben , « erwiderte sie , und ihre Stimme hatte einen eigentümlich scharfen Klang