nun vor - aber wie Miladas Augen . Einmal rief er laut : » Bist da ? « richtete sich im Halbschlafe auf , wiederholte : » Bist da ? « tastete suchend umher und erwachte darüber völlig . Mit der Schnelligkeit des Blitzes , mit der Gewalt des Sturmes kam das verwaisende Gefühl der Trennung über ihn und warf ihn nieder . Der harte Junge brach in Tränen , in ein leidenschaftliches Schluchzen aus , weckte die Leute in der Stube , weckte die Häusler , seine Wandnachbarn , mit seinem Geheul . Die ganze Gesellschaft kam herbei , bedrohte ihn , und da er taub blieb für jede , auch die nachdrücklichste Ermahnung , wurde er mit vereinten Kräften zur Tür hinausgeschleudert . Das war eine tüchtige Abkühlung , selbst für den heißesten Schmerz . Pavel blieb eine Weile ganz ruhig und still auf der fest gefrornen Erde liegen . Die ihm völlig neue und gräßliche Empfindung einer ungeheuren Sehnsucht verminderte sich allmählich , und eine alte wohlbekannte trat an ihre Stelle : Trotz , kalter , wühlender Groll . Wartet , dachte er , wartet , ich werde euch ! ... Der Entschluß , ein Ende zu machen , war gleich da ; der Plan zu dessen Ausführung reifte langsam in Pavels schwerfälligem Kopf . Nachdem aber die große Anstrengung , ihn auszudenken , überstanden war , erschien dem Burschen alles übrige nur noch wie Spielerei . Er wollte ins Schloß eindringen , die Schwester entführen , mit ihr über die Berge in die Fremde gehen , sich als Arbeiter verdingen und nie wieder den Vorwurf hören , daß er der Sohn seiner Eltern sei . Mit dem Bewußtsein eines Siegers erhob Pavel sich vom Boden und ging in weitem Bogen hinter den Häusern des Dorfes dem Schloßgarten zu . Die Pfeife des Nachtwächters warnte freundlich vor den Wegen , die zu vermeiden waren . Auf den Feldern lag harter , hoher Schnee ; die Erde schimmerte lichter als der Himmel , an dem die bleiche Mondessichel immer wieder hinter treibendem Gewölk verschwand . Pavel gelangte ans Gartengitter , überkletterte es und ließ sich von oben in die Fichten und dann von Zweig zu Zweig zu Boden fallen . Da befand er sich nun im Garten , wußte auch , in welcher Gegend desselben , in der dem Dorf entgegengesetzten , der besten , die er hätte wählen können , für jetzt sowohl wie später zur Flucht . Von steigender Zuversicht erfüllt , ging er vorwärts ... immer geradeaus , und man muß zum Schlosse kommen . Was dann zu geschehen hätte , malte Pavel sich nicht deutlich aus ; er ging , Milada zu befreien , das war ihm herrlich klar , und mochte alles übrige Zweifel und Ratlosigkeit sein , der Gedanke erleuchtete ihm die Seele , den hielt er fest . Daß er jämmerlich zu frieren begann in seinen elenden Kleidern , daß ihm die Glieder steif wurden , grämte ihn nicht ; aber schlimm war ' s , daß immer tiefere Finsternis einbrach und Pavel alle Augenblicke an einen Baum anrannte und hinfiel . Wenn er auch das erstemal gleich wieder auf die Beine sprang , beim zweiten Male schon kam die Versuchung : Bleib ein wenig liegen , raste , schlafe ! Trotzdem aber erhob er sich mit starker Willenskraft , tappte weiter und gelangte endlich ans Ziel , das er sich vorgesetzt - ans Schloß . Hochauf schlug ihm das Herz , als er an die alte verwitterte Mauer griff . Weiß Gott , wie nahe er der Schwester ist ; weiß Gott , ob sie nicht in dem Zimmer schläft , vor dessen Fenster er jetzt steht , das er zu erreichen vermag mit seinen Händen ... Es könnte so gut sein - warum sollte es nicht ? und leise , leise fängt er an zu pochen ... Da vernimmt er dicht am Boden ein knurrendes Geräusch , auf kurzen Beinen kommt etwas herbeigekrochen , und ehe er sich ' s versieht , hat es ihn angesprungen und sucht ihn an der Kehle zu packen . Pavel unterdrückt einen Schrei ; er würgt den Köter aus allen seinen Kräften . Aber der Köter ist stärker als er und wohlgeübt in der Kunst , einen Feind zu stellen . Das Geheul , das er dabei ausstieß , tat seine Wirkung , es rief Leute herbei . Sie kamen schlaftrunken und ganz erschrocken ; als sie aber sahen , daß sie es nur mit einem Kind zu tun hatten , wuchs ihnen sogleich der Mut . Pavel wurde umringt und überwältigt , obwohl er raste und sich zur Wehr setzte wie ein wildes Tier . 3 Was Pavel im Schlosse gewollt , erfuhr niemand ; aber die Hartnäckigkeit , mit welcher er jede Auskunft verweigerte , bewies deutlich genug , daß er die schlechtesten Absichten gehabt haben mußte . Einbrechen wahrscheinlich oder Feuer anlegen , dem Kerl ist alles zuzutrauen . So sprach die öffentliche Meinung , und die mit Elternrechten ausgestattete Gemeinde beschloß Pavels exemplarische Züchtigung durch den Herrn Lehrer Habrecht in Gegenwart der sämtlichen Schuljugend . Der Lehrer , ein kränklicher , nervöser Mann , verstand sich äußerst ungern zur Ausübung des ihm zugemuteten Strafgerichts . Seine Ansicht war , daß solche vor einem jugendlichen Publikum vorgenommene Exekution demjenigen , an dem sie vollzogen wird , selten nützt , und denen , die ihr zusehen , immer schadet . » Dieses Vieh wird durch den Anblick ein noch ärgeres Vieh « , äußerte er , viel zu derb für einen Pädagogen . Man hatte , wenn auch nicht ganz überzeugt , seine Einwendung oft gelten lassen , dieses Mal fruchtete sie nichts . An dem Tage , der zur Bestrafung des nächtlichen Einschleichers bestimmt war , übernahm ihn denn der Lehrer seufzend aus den Händen der Schergen und führte ihn am Schopfe bis zur Tür der Schulstube . Hier blieb er stehen , hob den gesenkten Kopf des Knaben in