Da liegen die architektonischen Modezeitungen . Man hat alle Stilmuster auf Lager : das klassische , das gotische , das deutschrenaissanceliche , das kompromißliche u.s.w. Alle Vierteljahre schiebt man , den neuesten alten Stil als den tonangebenden in den Vordergrund : dem gehört die Zukunft ! Wie man zum Schneider geht , um sich einen Anzug nach neuester Mode zu bestellen , so geht man jetzt zum Baumeister und steckt die Nase in das letzte architektonische Modejournal und bestellt sich ein Haus nach neuester Mode . » Sie befehlen , Herr Kommerzienrat ? « » Wünsche mir ein Haus beizulegen . « » Sehr schön . Stehe zu Diensten . Habe die größte Auswahl . « » Was können Sie mir als das Modernste empfehlen ? « » Hier dieses Barock , ein steinaltes famoses Muster , würde Ihnen ausgezeichnet stehen . « » Gut . Lassen Sie das Maß nehmen . Baugrund liegt da und da . « » Wie Sie befehlen . « » Und bis wann kann ich das Haus haben ? « » Wir liefern in kürzester Frist fix und fertig ab . Ist die Witterung günstig , spätestens in drei Monaten . Garantie für gute Ware . « Auch die architektonischen Abzahlungsgeschäfte kommen mehr und mehr in Schwung . Da werden im Fabrikbetrieb gleich eine ganze Anzahl Häuser fertig gestellt . In irgend einer unmöglichen , aber billigen Gegend , in der Nähe der Vororte , auf steiniger , schattenloser Ebene , wo alle Winde im Winter zusammenheulen und pfeifen , daß es ein Grauen ist , schießen plötzlich Dutzende von Häusens , gleich Pilzen aus einem Sumpfe , aus der Erde . Nun sucht das wohllöbliche Baukonsortium seine Fabrikware stück- oder wenigstens stockwerkweise an den Mann zu bringen . Natürlich gibt man dieser noch unbewohnten Ansiedlung gleich einen lockenden , am liebsten recht patriotisch klingenden Namen , z.B. Neuwittelsbach , Neugermanien u.s.w. Und eine solche Kunst soll das Volk ins Herz schließen ? Eine solche Kunst soll unsere nationalen Bestrebungen , unsere sozialen Ideale verkörpern ? Eine solche Bauerei soll einen edleren , lebendigeren Zusammenhang zwischen den Menschen stiften und zur Begeisterung für höhere Ziele entflammen ? Wenn Du einmal , mein lieber Max von Drillinger , in kritischer Stimmung bist und nicht gerade in verliebten Absichten durch die Quaistraße schlenderst , bitte , betrachte Dir diesen ungeheuerlichen Häuserblock mit ästhetisch prüfendem Auge ; stelle Dich unter eine der schönen alten Kastanien , die man bei der Quai-Anlage allerdings bis zum Halse hinauf in Kies eingestampft hat , so daß sie über kurz oder lang elend ersticken müssen , einstweilen aber lebensmüden Münchener Packträgern als einladende angenehme Naturgalgen zum Aufhängen dienen - und mustere einmal Haus für Haus ! Daß das Material unecht und der Sandstein nur nachgeahmt ist , wäre noch die geringste Ausstellung an diesen erlogenen Prachtbauten , die wie Schwalbennester aneinandergeklebt sind , plump und massig ; aber diese Öde der Stilmengerei , diese entsetzliche Langeweile in der Linienwirkung , dieser Ungeschmack im gelben , roten , grauen , ochsenblütigen Verputz ! Und nun überschreite die Isar auf der Maximiliansbrücke und betrachte Dir am andern Ufer von der Höhe , der Gasteig-Anlagen nochmal dieses Barbarenwerk der Quaistraße , wie es mit seiner blöden , plumpen , protzenden Massigkeit die schöne , malerische Silhouette der alten Stadt zudeckt , als hätte man einen Riesenwürfel oder eine Kulisse davorgeschoben , so daß mit knapper Not noch einige ferne Turmspitzen über diese dicke wagerechte Linie am Horizonte aufragen . Und erst bei Mondschein , wie schlägt diese trostlose Ausgeburt der Architektenspekulation aller Poesie des Isar-Ufers ins Gesicht ! Überhaupt die ganze Gegend der Maximiliansbrücke : ist das nicht alles wie eine Satyre auf die vielbelobte Kunststadt , die hier das schönste Stück Natur , zu den geistreichsten architektonischen Aufgaben lockend , jammervoll verpfuscht hat ? Die imposante Maximilianstraße durch den schauerlichen Kasten des Maximilianeums in eine » innere « und » äußere « auseinandergerissen , hart an der Brücke auf der Praterinsel eine Schnapsfabrik , weiter hinauf eine stinkige Fell-Niederlage , eine Gipsmühle u.s.w. u.s.w. ! Was ließe sich hier Herrliches schaffen , wenn die Isar einmal aus ihrem Bette treten und diese Schandgeschichten fortspülen wollte ! Aber ich weiß , ich entrüste mich vergeblich : um eines holden Weibes willen , das dort zwanzig Schritte von der Brücke aus einem Eckfenster Dir heimliche Liebesgrüße und verheißende Liebeszeichen zuwinkt , - nichtwahr , ich bin gut unterrichtet ? - spottest Du aller Architekten-Phantasieen und erklärst die Quaistraße an der rauschenden Isar für das größte und schönste Bauwunder der Welt . Und wenn Du noch einer seligen Stunde am Busen des süß verbuhlten Weibes im nächtlichen Sternenschein heimwandelst , isaraufwärts , am baufälligen Torf-Magazin mit dem hohen , windschiefen Ziegeldach , am alten Ketterl- und grünen Baum-Wirt und an der schweren Reiterkaserne vorüber , immer den rauschenden Fluß , mit seinen hochwaldduftigen Flößen zur Linken , weiter und weiter bis unter die hochragenden Uferbäume an der Auenstraße : da ziehen Dir andere Märchen durch die Seele , als die ich hier träume mit offenen Augen , auf der Höhe des neapolitanischen Vicoletto del Petrajo gegenüber dem Vesuv , im sehnsüchtigen Gedenken an die ferne bayerische Heimat . Ah , es hat ausgeblitzt und ausgedonnert . Es ist , als ob die ganze Spektakel-Maschinerie im Krater des Berges , des alten Feuerspeiers , versunken wäre . Darüber hin schweben , ziellos , planlos , wie vergessen , einige Wolkenfetzen . Der Himmel hat eine Regenmiene aufgesetzt . Das ist immer das nasse Ende vom Lied , aber es ist ein gutes , erfrischendes Ende . Man kann dabei wieder aufatmen . Mir selbst ist jetzt so wohl und leicht , nachdem ich mich ausgegrollt , und bei Gott , wenn jetzt plötzlich meine bayerische Landsmännin hereinträte , die jungfräuliche Flora Kuglmeier , ich wäre im stande , sie in die Arme zu schließen und an die vaterländische Brust zu pressen , daß uns beiden Sehen und