Arbeiten ? « » Die Freude , sie zu machen ! « war die Antwort Feßlers , und das Herz schwoll ihm vor Wonne über die Anerkennung , die sein weitgereister Sohn ihm zollte . Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit . Eine Zeit voll beseligenden Friedens und erfolgreicher Tätigkeit . Feßler war mit der Vollendung eines Chronometers beschäftigt , den er selbst für sein bestes Werk hielt . Gottfried lieferte dazu eine Kompensationsunruhe von so einziger und zarter Ausführung , daß Meister Johannes bei ihrem Anblick laut ausrief : » Unübertrefflich ! « - Dieses Lob hatte er noch nie einer Leistung gespendet , die aus seiner Werkstatt hervorgegangen war . Lotti hingegen gelang es , eine höchst merkwürdige und komplizierte Taschenuhr aus dem 16. Jahrhundert in Gang zu bringen . Es bedurfte dazu außerordentlicher Geschicklichkeit , unsäglicher Geduld - aber welche Freude , als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding seine abenteuerlich geformten Räder in Bewegung zu setzen begann . Feßler und Gottfried lachten , staunten , bewunderten ; das Herz des jungen Mädchens pochte vor Entzücken ... Ja , es war eine herrliche Zeit ! - warum mußte sie so rasch vergehen ? Warum mußten ihr , die so erfüllt war von stillem und harmlosem Glück , Tage folgen voll Pein und Qual ? Böse Tage , in denen die fleißigen Hände Lottis ruhten , aus ihrer Seele jedoch die Ruhe gewichen war . Tage , in denen alles , was sonst ihr Leben erhellte , ihr gleichgültig geworden , und das Leben selbst - eine Last . 3 Diese schreckliche Zeit war nun längst vorüber ; doch hielt Lotti die Erinnerung an sie in ihrer Seele wach . Sie wollte nicht vergessen , daß auch ihr ein gehöriges Maß an Leid und Enttäuschung zugeteilt worden , sie wäre sich sonst im Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht bevorzugt erschienen . Wie vielen wird es denn so gut , mit ihr sagen zu können : Ich habe das Leben , das ich brauche ! Ihrer alten Beschäftigung , zu der sie zurückgekehrt war , verdankte sie täglich neue Freude , verdankte ihr Frieden , Frohsinn und Unabhängigkeit . Wäre ihr Vater nur noch dagewesen , um dies alles mit ihr zu genießen ! Aber leider , Meister Johannes ruhte schon seit geraumer Zeit in der kühlen Erde . Er hatte keine Mühseligkeit des Alters kennengelernt ; niemals hatten ihm Auge und Hand bei Ausführung der Gedanken seines erfinderischen Kopfes ihre Dienste versagt . Wohl waren seine Haare weiß geworden , hatten seine Wangen sich entfärbt , aber aus seinen klaren Zügen leuchtete der Glanz einer unverwelklichen Jugend . Die Jugend des mit Bewußtsein Werdenden . Unermüdlich strebend und lernend , hatte er sich nicht Zeit genommen , recht zu überlegen , wieviel er schon erstrebt und erlernt - da plötzlich , ohne auch nur einen seiner Vorboten geschickt zu haben , trat der Tod an ihn heran . Und jetzt , im Angesicht der ewigen Trennung , fiel dem Meister der Gedanke schwer aufs Herz , daß er seine Tochter fast mittellos in der Welt zurücklassen müsse . Er hätte ihr so leicht eine behagliche Wohlhabenheit sichern können ! - Vor einem Jahre noch fand sich die beste Gelegenheit dazu , da bot ein reicher Kenner , der sich in die Uhrensammlung Feßlers vernarrt hatte , eine Summe dafür , eine lächerlich hohe Summe , wahrhaftig ein Vermögen . Allein Johannes hatte nicht einmal geschwankt , war ruhig dabei geblieben : » Die Uhren sind mir nicht feil . « Über diesen Leichtsinn , diese törichte Selbstsucht machte er sich in seiner letzten Stunde bittere Vorwürfe und bat noch sterbend seinen Sohn Gottfried , jenen abgewiesenen Käufer aufzusuchen und ihm zu melden , die Sammlung , nach welcher er so heißes Verlangen trage , stehe ihm nun zur Verfügung . Lotti jedoch erklärte , daß sie ebenso gern ihre Seele verkaufen ließe wie diese Uhren . So blieben sie denn in ihrem Besitze , wenn auch nicht ohne manchen harten Kampf . Die Sammlung Meister Feßlers war allmählich doch in einem Kreise von Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebührenden Rufe gelangt . Es fehlte nicht an zudringlichen Leuten , die trotz der standhaften Zurückweisungen , die sie erfuhren , immer wieder erschienen , immer neue Bewerbungen anstellten , immer glänzendere Anerbietungen machten . Das war denn oft herzlich langweilig , trug aber nur dazu bei , die Liebe , welche Lotti für ihre Uhren empfand , noch zu erhöhen . Sie hörte niemals auf , ihnen ihre Sorgfalt angedeihen zu lassen , und wenn es noch soviel zu tun gab und wenn die Zeit noch so sehr drängte , ging sie nicht an ihr Tagewerk , ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben . Hätte sie das jemals unterlassen müssen , die rechte Begeisterung , die rechte Lust zur Arbeit hätte ihr gewiß gefehlt . Auch heute war sie an das Schränklein getreten , das in der Ecke stand neben der Schlafzimmertür , dem großen Schreibtisch gegenüber . Eben fiel ein Sonnenstrahl schräg durch das Fenster auf das Kästchen , auf Lottis Hände , und als sie die erste Lade öffnete , schlupfte er sogleich hinein . Prächtig war ' s , wie er die kleinen ehrwürdigen Meisterwerke beleuchtete , welche darin auf einem Bettlein von purpurrotem Sammet lagen . Die glatten Gehäuse aus Messing , Kristall , Silber und Gold und die reich verzierten und die durchbrochenen , und in dieser die sorgfältig geputzten , polierten und wieder zusammengesetzten Werke erglänzten und gaben dem leuchtenden Strahl des Lichtes , der sie in ihrer Verborgenheit und Ruhe besuchen kam , seinen Gruß zurück , Das war Lade Nummer eins ! Sie enthielt drei sogenannte » lebendige Nürnberger Eier « und drei » Halsvrln « . Kein einziges Stück jünger als dreihundert Jahre , manches noch älter und gerade die ältesten von der künstlichsten Beschaffenheit . Was wollten sie nicht alles können ,