Diese Worte waren an einem der letzten Apriltage beim Frühstück gewechselt worden , und es mochte Mittag sein , als der Kommerzienrat von seinem Comptoir aus die Frau Kommerzienrätin bitten ließ , mit ihrer Ausfahrt eine Viertelstunde warten zu wollen , weil er ihr zuvor eine Mitteilung zu machen habe . Melanie ließ zurücksagen , » daß sie sich freuen würde , ihn zu sehen , und rechne danach auf seine Begleitung « . In Courtoisien dieser Art , denen übrigens auch ein gelegentlicher Revers nicht fehlte , hatten sich die van der Straatens seit Jahren eingelebt , namentlich er , der nach seiner eignen Versicherung » dem adligen Hause de Caparoux einiges Ritterdienstliche schuldig zu sein glaubte « und zu diesem Ritterdienstlichen in erster Reihe Pünktlichkeit und Nichtwartenlassen zählte . So erschien er denn auch heute , bald nach erfolgter Anmeldung , im Zimmer seiner Frau . Dieses Zimmer entsprach in seinen räumlichen Verhältnissen ganz dem ihres Gatten , war aber um vieles heller und heiterer , einmal , weil die hohe Paneelierung , aber mehr noch , weil die vielen nachgedunkelten Bilder fehlten . Statt dieser vielen war nur ein einziges da : das Porträt Melanies in ganzer Figur , ein wogendes Kornfeld im Hintergrund und sie selber eben beschäftigt , ein paar Mohnblumen an ihren Hut zu stecken . Die Wände , wo sie frei waren , zeigten eine weiße Seidentapete , tief in den Fensternischen erhoben sich Hyazinthenestraden , und vor einer derselben , auf einem zierlichen Marmortische , stand ein blitzblankes Bauer , drin ein grauer Kakadu , der eigentliche Tyrann des Hauses , sein von der Dienerschaft gleichmäßig gehaßtes und beneidetes Dasein führte . Melanie sprach eben mit ihm , als Ezechiel in einer gewissen humoristischen Aufgeregtheit eintrat und seine Frau , nach vorgängiger respektvoller Verneigung gegen den Kakadu , bis an ihren Sofaplatz zurückführte . Dann schob er einen Fauteuil heran und setzte sich neben sie . Die Feierlichkeit , mit der all dies geschah , machte Melanie lachen . » Ist es doch , als ob du dich auf eine ganz besondere Beichte vorzubereiten hättest . Ich will es dir aber leicht machen . Ist es etwas Altes ? Etwas aus deiner dunklen Vergangenheit ... ? « » Nein , Lanni , es ist etwas Gegenwärtiges . « » Nun , da will ich doch abwarten und mich zu keinem Generalpardon hinreißen lassen . Und nun sage , was ist es ? « » Eine Bagatelle . « » Was deine Verlegenheit bestreitet . « » Und doch eine Bagatelle . Wir werden einen Besuch empfangen oder vielmehr einen Gast oder , wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf , einen Dauergast . Also kurz und gut , denn was hilft es , es muß heraus : einen neuen Hausgenossen . « Melanie , die bis dahin ein Schokoladenbiskuit , das noch auf dem Teller lag , zerkrümelt hatte , legte jetzt ihren Zeigefinger auf van der Straatens Hand und sagte : » Und das nennst du eine Bagatelle ? Du weißt recht gut , daß es etwas sehr Ernsthaftes ist . Ich habe nicht den Vorzug , ein Kind dieser eurer Stadt zu sein , bin aber doch lange genug in eurer exquisiten Mitte gewesen , um zu wissen , was es mit einem Logierbesuch auf sich hat . Schon das Wort , das sich sonst nirgends findet , kann einen ängstlich machen . Und was ist ein Logierbesuch gegen eine neue Hausgenossenschaft ... Ist es eine Dame ? « » Nein , ein Herr . « » Ein Herr . Ich bitte dich , Ezel ... « » Ein Volontär , ältester Sohn eines mir befreundeten Frankfurter Hauses . War in Paris und London , selbstverständlich , und kommt eben jetzt von New York , um hier am Ort eine Filiale zu gründen . Vorher aber will er in unserem Hause die Sitte dieses Landes kennenlernen , oder sag ich lieber wieder kennenlernen , weil er sie draußen halb vergessen hat . Es ist ein besonderer Vertrauensakt . Ich bin überdies dem Vater verpflichtet und bitte dich herzlich , mir eine Verlegenheit ersparen zu wollen . Ich denke , wir geben ihm die zwei leerstehenden Zimmer auf dem linken Korridor . « » Und zwingen ihn also , einen Sommer lang auf die Fliesen unseres Hofes und auf Christels Geraniumtöpfe hinunterzusehen . « » Es kann nicht die Rede davon sein , mehr zu geben , als man hat . Und er selbst wird es am wenigsten erwarten . Alle Personen , die viel in der Welt umher waren , pflegen am gleichgiltigsten gegen derlei Dinge zu sein . Unser Hof bietet freilich nicht viel ; aber was hätt er Besseres in der Front ? Ein Stück Kirchengitter mit Fliederbusch und an Markttagen die Hasenbude . « » Eh bien , Ezel . Faisons le jeu . Ich hoffe , daß nichts Schlimmes dahinter lauert , keine Konspirationen , keine Pläne , die du mir verschweigst . Denn du bist eine versteckte Natur . Und wenn es deine Geheimnisse nicht stört , so möcht ich schließlich wenigstens den Namen unseres neuen Hausgenossen hören . « » Ebenezer Rubehn ... « » Ebenezer Rubehn « , wiederholte Melanie langsam und jede Silbe betonend . » Ich bekenne dir offen , daß mir etwas Christlich-Germanisches lieber gewesen wäre . Viel lieber . Als ob wir an deinem Ezechiel nicht schon gerade genug hätten ! Und nun Ebenezer . Ebenezer Rubehn ! Ich bitte dich , was soll dieser Accent grave , dieser Ton auf der letzten Silbe ? Suspekt , im höchsten Grade suspekt ! « » Du mußt wissen , er schreibt sich mit einem h. « » Mit einem h ! Du wirst doch nicht verlangen , daß ich dies h für echt und ursprünglich nehmen soll ? Einschiebsel , versuchte Leugnung des Tatsächlichen , absichtliche Verschleierung , hinter der ich nichtsdestoweniger alle zwölf Söhne Jakobs stehen sehe . Und