hatten der plötzliche Übergang aus dem heißen Sonnentage in diese Kühle , die ganz veränderte Umgebung , die fremden Gesichter vollständig betäubt . Ich ging , den Rock meiner Mutter haltend , wie zu unserem Platz in der Kirche - es waren ganz die nämlichen Gefühle in Bangen , Frösteln , Unbehagen und - Behagen . Ich erinnere mich auch hier noch der Äußerlichkeiten : der braunen Täfelung dieses Gartensaales , des Grüns , das aus dem sonnigen Garten in die beiden hohen Bogenfenster hineinsah , der offenen Glastür , die zu den Gebüschen und Blumenbeeten führte , und des Pfaus , der wie neugierig in dieser Tür stand und seinen schönen Schweif gravitätisch langsam im Kreis über den feinen Kies zog . Wir haben nachher diesen Ort zu allen Jahreszeiten als Spielplatz gern gehabt , und es hat mich wenig gekümmert , daß man einst meinen sterbenden Vater dahin als in das nächst und bequemst gelegene Gemach bettete . An jenem Morgen waren viele Leute darin , und wahrscheinlich darunter auch ein Arzt . Meine Mutter warf sich jammernd über das Lager , und ich stand einen Augenblick wie allein unter den vielen Fremden . Es war der Herr Graf , der mich an der Hand nahm und mich gleichfalls zu dem Bette hinführte . Die Mutter lag da bewußtlos , und der Vater war tot . Das letztere Wort wurde im Kreise umhergeflüstert ; ich aber weiß nunmehr von jenem Tage nur noch , daß ich in ein anderes Zimmer geführt wurde und daselbst mit Irene , Komtesse Everstein , Milch trank und Weißbrot aß . Alles andere ist dämmerig , unbestimmt , dunkel - ist nichts . Es war mein Recht , durstig , hungrig und schläfrig zu sein von der Fahrt durch den heißen Sommermorgen ; nachher sehe ich mich wieder um in meiner Umgebung und - sie ist eine andere geworden , als sie war . Und hier ist die Stelle , ein weniges mehr von meiner Mutter zu reden , und wie sie in eine hohe Verwandtschaft gehörte und das Recht dazu von Gottes Gnaden besaß und aufweisen konnte . Den gottlob kaum erwähnenswerten Ansatz von Buckel , den mir das Schicksal zwischen die Schultern und , wie einige wissen wollen , in bedeutend höherem Grade auch auf die Seele gelegt hat , habe ich gewißlich nicht von ihr . Schlank , zart , scheu-mutig steht sie mir vor der Erinnerung , und ein Licht geht von ihr aus , das von keiner Dunkelheit und noch viel weniger von einem anderen Licht in der Welt überwältigt werden kann . Sie trägt ihre Freuden wie ihre bittersten , schwersten Schmerzen still und so , dem Schein nach , leicht . Ihr wurde alles zu einem Kranze , und woher sie ihre Bildung hatte , das bleibt ein Rätsel , und sie selber wußte vielleicht am allerwenigsten Rechenschaft darüber abzulegen . In der » Mädchenschule « einer kleinen Provinzialstadt hatte sie im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts Lesen , Schreiben , Rechnen und - Singen gelernt , das war alles ; aber wenn wo die ersten neun Worte , mit denen ich diesen meinen Lebensbericht eröffnet habe , zur Geltung kommen , so war das bei ihr der Fall . Sie ist dagewesen wie das große Kunstwerk von Gottes Gnaden ; sie ist vorübergegangen . Sie sind alle bei ihr wie bei ihresgleichen gewesen ; sie haben keine Ahnung davon gehabt , daß dem nicht so war ; ihr ist es nie in den Sinn gekommen , sie zu enttäuschen ; denn sie hatte ja eigentlich auch keine Ahnung davon . Ich bin fest überzeugt , sie hat einen argen Schrecken bekommen , als der Herr Graf sagte : » Meine verehrte Frau , Sie sind die Dame , die mir für die Erziehung meines armen Kindes in seiner jetzigen Lebensepoche gefehlt hat und die ich seit langem vergeblich gesucht habe . Bleiben Sie bei uns . Betrachten Sie sich als zu diesem Hause gehörig . Sie erziehen meine Tochter , und ich nehme die Erziehung Ihres Sohnes nach besten Kräften über mich . Wir haben einen recht gelehrten Pfarrer im Dorfe , der wird das Seinige dazugeben . Ist der Junge für das Gymnasium herangewachsen , so wird sich ja wohl auch das Weitere finden . Lassen Sie uns einander gegenseitig aushelfen , da uns das Schicksal in dieser Weise zusammengeführt hat . Sie wissen nicht , wie hülflos ich in hundert Beziehungen bin . « Nun war auch meine Mutter , wie sich das ja eigentlich von selber verstand , fast nach allen Richtungen und in allen Beziehungen hülflos . Außerdem aber , wie es sich baldigst herausstellte , für ihren und meinen Unterhalt nach dem Tode des Vaters auf eine Pension von sechzig Talern angewiesen , sonst aber auf ihrer Hände Arbeit . » Was soll ich Ihrem Kinde geben können ? « fragte sie in heftiger Aufregung ; aber der Herr Graf hat gelächelt , wenn auch sehr melancholisch . Er hat es sehr genau gewußt , was die arme Frau aus ihrem Reichtum zu geben hatte . Wir , das heißt meine Mutter und ich , siedelten im Laufe desselben Sommers nach Schloß Werden über . Der Herr Graf hatte sich aber nicht geirrt : wenn die Leute , die man in der Ferne aufsucht , sich stets in die Leute verwandeln , die man rundum in der nächsten Nachbarschaft wohnen hat , so ist das für seine Tochter und für ihn selber in Hinsicht auf die Witwe des reitenden Steuerkontrolleurs Langreuter nicht der Fall gewesen . Und ich - ich , wenn ich in die Sonne sehen will , so hebe ich nicht das Auge zu dem öden brennenden Stern auf , sondern denke mich in jene Tage und Jahre zurück , die da folgten . Viertes Kapitel Ich bin im Verlaufe der Tage in des Lebens Ernüchterungen wie andere tief genug hineingeraten , aber meine in Blau , Silber ,