geächtet . So kann der Träge nirgendwo besser fortkommen als dort , wo ihm die fromme Satzung unter allen Umständen den Unterhalt sichert ; in der Fremde hat er nicht bloß mit der Polizei zu kämpfen , sondern auch mit den einheimischen Bettlern , die den Zugereisten grimmig verfolgen . Es hat also noch andere Gründe , als die Trägheit , daß dennoch alljährlich , und zwar in unseren Tagen genau ebenso , wie vor hundert Jahren , Tausende von Ost nach West , von West nach Ost wandern , und daß vollends Hunderttausende innerhalb Halbasiens von der Leitha bis zur Wolga , von der Newa bis zum Bosporus ihr unstetes , armseliges Wesen treiben . Hier spielt die Wanderlust mit , die dies Volk einst noch weiter geführt , noch mehr zerstreut hat , als ohnehin durch seine furchtbaren Geschicke bedingt war , dann die Eitelkeit des » Schnorrers « , vor allem aber das Bedürfnis der seßhaften Leute nach dem Verkehr mit diesen fahrenden Gesellen . Das klingt seltsam und dennoch ist es jener Grund , der das Schnorrertum forterhält . Auch der Jude Halbasiens weiß sehr wohl , daß es sich da um eine rechte Landplage handelt ; er empfindet dies umso deutlicher , als er selbst nichts übrig hat . Die fromme Satzung aber würde höchstens hinreichen , dem Fremden den Bissen Brot zu gewähren , nicht aber den freundlichen Empfang , der ihm wird , namentlich in kleinen Gemeinden , die abseits der großen Heerstraßen liegen . Nur die wohlhabendsten Leute des Ortes wagen es , dem eintretenden Vagabunden zunächst ein bärbeißiges Gesicht zu zeigen , aber auch sie lenken rechtzeitig ein , damit er ihnen nicht davongehe . Am Wochentag ist er nur eben willkommen , aber am Festtag unentbehrlich - was wäre ein Sabbat ohne » Schnorrer « ? ! Denn es ist ein überaus dumpfes , stilles , eintöniges Leben , das der Jude in diesen Kotstädtchen des Ostens führt ; noch gleichförmiger verbringt höchstens der slawische Bauer seine Tage , und der empfindet ihren Druck weit weniger , weil sein Geist ganz ungeweckt ist . Der Jude aber hat hebräisch lesen und schreiben gelernt ; die Thora , der Talmud haben seinen Verstand bis zur Spitzfindigkeit geschärft , ihm einen heißen Wissensdurst erweckt , aber befriedigen kann er ihn nur immer aus derselben Quelle : dem uralten Wissen der Väter . Von der modernen Bildung hält ihn ja ebenso der Wille der Machthaber , wie der eigene fromme Wahn fern ! Nachdem er von Morgens bis zum Abend für die Notdurft des Lebens gesorgt , möchte er erfahren , was in der Welt vorgeht , ob sich der Deutsche und der Franzose vertragen ; vor achtzig Jahren hat er wissen wollen , ob Napoleon noch nicht aus St. Helena zurückgekehrt ist , heute , ob Bismarck nicht wieder Reichskanzler ist , denn Napoleon wie Bismarck sind für ihn buchstäblich unsterbliche Menschen . Seine Zeitung will der Mann haben , und die gedruckte christliche nützt ihm nichts , weil er sie nicht lesen kann . Auch ist ihm nichts lieber , als ein guter Witz , ein » gleiches Wörtel « , das irgend eine schwierige Talmudstelle scharfsinnig erklärt oder doch so , daß man über die Auslegung lachen kann ; auch nach Liedern oder Gassenhausern , nach einem » Spiel « ist er begierig . Und im Ghetto gibt es keinen gedruckten Anekdotenschatz , kein Konzert , kein Theater . So hat es denn der Himmel gnädig gefügt , daß es dort wenigstens » Schnorrer « gibt . Denn der richtige Schnorrer ist alles zugleich : Witzbold , Sänger , Schauspieler , vor allem aber die lebendige , zweibeinige Zeitung . Vor den gedruckten hat diese Zeitung voraus , daß sie immer in jenem Format erscheint , das dem Abonnenten wünschenswert ist ; will er in Kürze bedient sein , in Duodez ; liebt er die Ausführlichkeit , in Folio . Auch kann man gleich fragen , wenn man etwas nicht versteht , und findet immer , was man finden will : wer Schnurren liebt , bekommt sie aufgetischt und die Staatsgeschichten nur als Anhang ; der Politiker des Ghetto aber kann die längsten Leitartikel genießen , immer nur die hohen diplomatischen Affären , mit einem Feuilleton wird er nicht belästigt . Freilich lügt der Schnorrer oft , während in der gedruckten Zeitung immer nur die Wahrheit steht ; auch ist seine Auffassung der Tatsachen oft eine subjektive , ja geradezu einseitige , während in jedem Leitartikel die einzige Meinung zu finden ist , die man als vernünftiger Mensch über ein Ereignis haben kann . Aber dafür leistet er daneben auch noch Besonderes , was sogar ein Weltblatt nicht gewähren kann . Denn keine andere Zeitung singt und führt komische Soloszenen auf , und so viel Anekdoten auf einmal , wie er mitbringt , könnte auch keine bieten und erschiene sie dreimal täglich in der Größe eines Bettlakens . Darum braucht der Jude des Ostens seine » Schnorrer « , und es gibt viele unter diesen Landstreichern , die sich die Kundschaft förmlich auswählen können und nicht für jeden zu haben sind , der sie als Gäste begrüßen will . Aber auch bei jenen , die er seines Besuches würdigt , bleibt der » Schnorrer « kaum länger als einen Tag , und selbst in einer größeren Stadt kaum länger als eine Woche . Die Unrast treibt ihn hinweg , aber auch die Klugheit , die Eitelkeit . Er will immer neu , anziehend , willkommen bleiben . Man sieht , das » Schnorrertum « ist eine Erscheinung im Volksleben des Ostens , die so sehr an die eigentümlichen Verhältnisse wie an den Volkscharakter gebunden ist , daß man in aller Welt und Geschichte nichts Gleiches finden könnte . Es läge ja nahe , an den » Schmieren « -Künstler zu denken , wie er bei uns in Deutschland von Dorf zu Dorf , von Flecken zu Flecken zieht , durch