schon die Klinke erfaßt , als sie sich plötzlich am Kleide ergriffen und zurückgehalten fühlte . Ohne sich umzusehen , versuchte sie von sich zu schieben , was sie hinderte in ihrer triumphierenden Flucht . Da berührten ihre Finger seidenweiche Locken , da lag ihre Hand auf dem Haupte eines Kindes . Schmerzdurchzuckt , als hätte sie ein glühendes Eisen berührt , fuhr sie zusammen . Ein Laut , nicht Schrei , nicht Schluchzen , ein qualerpreßtes Stöhnen entrang sich den halbgeöffneten Lippen der Riesin . » Fort , du Range ! « rief sie dann , und die mächtig erwachte , zornig bekämpfte Rührung gab ihrer Stimme einen heiseren , unheimlichen Klang . Aber der hartgewöhnte Zögling Bozenas ließ sich so leicht nicht einschüchtern . Nur heftiger zerrte Rosa ihre rauhe Freundin am Gewande und wiederholte ohne Aufhören und in allen Tonarten : » Bleib ! Bleib doch ! Bleib bei mir ! « Und Bozena , wie ein plötzlich ohnmächtig gewordener Simson , biß die Lippen und rang die Hände . Doch gärte in ihr die aufrichtigste Wut gegen den Unband , der sich zwischen sie und ihren Sieg drängte ; gegen das undankbare Geschöpf , das sich an ihr Kleid hängte und sagte : » Bleib ! « - anstatt zu sagen : » Geh , befreie dich ! « Oh , sie gibt nicht nach , die Rosa . Aber die Bozena noch weniger , das ist gewiß ; sie reißt sich los , sie geht , ohne einen Blick auf das eigensinnige Ding zu werfen . - Täte sie ' s - wer weiß , was noch geschähe ? Sie tut es nicht ! sie will nicht ! ... Und indem sie sagt : Ich will nicht - ist es geschehen . Du grundgütiger Gott ! Da steht das Kind vor ihr im Nachthemdchen mit ganz zerzausten Haaren , in denen noch ein Flaum aus dem Kissen wie eine Schneeflocke liegt , und sieht dem Bilde des Christkindleins so ähnlich , das Bozena auf dem letzten Jahrmarkte gekauft hat . - Aus dem Bette ist die Kleine gesprungen , um ihr nachzueilen , und stampft jetzt völlig ungeduldig den Boden mit ihren kleinen nackten Füßen und fragt zugleich schmollend und schmeichelnd : » Wer gibt mir heut mein Frühstück ? Wer kleidet mich heut an ? « Nun war ' s vorbei mit Bozenas Herrlichkeit . » Wer heut ? wer morgen ? wer je ? « ruft sie mit einem Ausbruch leidenschaftlicher Klage - ihr Zorn , ihr Trotz , ihre Stärke : alles dahin ! Sie hebt den Schützling empor und preßt ihn mit inbrünstiger Liebe an ihre Brust . Ein letzter Kampf , und die Gewaltige beugt sich , das Kind immer in den Armen , vor der Herrin , die sie verabscheute , beinahe bis zur Erde . Zum erstenmal im Leben kam ein Wort der Versöhnung aus ihrem Munde : » Verzeihen Sie mir , Frau , verzeihen Sie mir , Herr ! - Behalten Sie mich ! « bettelte demütig , die sich unentbehrlich und unersetzlich wußte . Und man behielt sie . Aber Bozena mußte das Eingeständnis , daß sie sich vom Hause Heißenstein nicht trennen konnte , teuer bezahlen . » Macht besitzen und nicht mißbrauchen ist Tugend « - Frau Nannette besaß diese Tugend nicht . Sie ersparte der überwundenen Löwin keinen Fußtritt und keinen Nadelstich . Ihre kleinlichen Nörgeleien wurden von Bozena mit Größe ertragen . Einmal zum Bewußtsein gekommen , daß sie in unzerreißbaren Fesseln lag , nahm sie die Konsequenzen ihrer Schwäche mit hochherziger Ergebung hin . Nur sehr scharfsichtige Augen merkten , daß sie leide . Ein alter Kommis des Kaufherrn , der Bozena immer mit Auszeichnung behandelte und zum Lohne dafür ein Wohlwollen genoß , welches die Schöne sonst nicht an das Männervolk verschwendete , fragte sie um diese Zeit : » Wie leben Sie ? « Und sie antwortete ohne Anmut , aber mit Kraft : » Wie soll ich leben ? Ich fresse Galle und saufe Tränen . « Es kam der Tag , an dem Herr Heißenstein der Magd befahl , die Wiege vom Bodenraum herabzuholen . Bozena gehorchte schweigend , aber nachts stand sie auf , trat an das Bettchen , in dem ihr Liebling schlief und jammerte : » O du armer Wurm ! Du armer Wurm , du ! « Und ein andrer Tag kam , an dem Herr Heißenstein , steif wie eine Bildsäule , im Fenster des dunkel getäfelten Speisezimmers lehnte und mit rotunterlaufenen Augen auf den großen Platz hinausstarrte . Trotz der äußeren Bewegungslosigkeit war sein ganzes Wesen in Aufruhr , er murmelte unverständliche Worte vor sich hin , und sein fahles Angesicht trug den Ausdruck der größten Spannung . Zusammengekauert auf einem der hochlehnigen Holzstühle saß Rosa . Sie hatte mehrmals versucht , sich leise aus dem Zimmer zu schleichen , und war daran ebensooft durch ein gebieterisches » Du bleibst ! « das ihr der Vater zurief , verhindert worden . Sie begann sich zu fürchten vor ihm , vor der Stille , vor der hereinbrechenden Dunkelheit ; sie regte sich nicht mehr , sie zählte , um sich die Angst zu vertreiben , die Gläser und Tassen auf dem altertümlichen Kredenzkasten , erst stumm , dann halbflüsternd , endlich halblaut singend nach einer selbsterfundenen Melodie . Da wurde ein Geräusch vernehmbar , die Tür öffnete sich , und auf der Schwelle stand Bozena , ein Licht in der Hand , das ihre Züge grell beleuchtete . Ein sonderbares Gemisch von Empfindungen , von Freude und Sorge drückte sich in ihnen aus . Heißenstein war aus der Fenstervertiefung hervorgetreten an den großen Speisetisch , auf den er seine beiden flachen Hände legte . Die Knie zitterten ihm , und pfeifend entrang der Atem sich seiner Brust . Bozena rief : » Kommen Sie , Herr ! Kommen Sie ! « Er sah die Botin unverwandt und mit fragenden , erwartungsvollen