. Wissen Sie was ? Gehen Sie damit zu dem Ritter . « Das Fräulein folgt fast immer diesem Rate , wenn es sich nicht mit irgendeinem französischen Romane , Memoirenwerk oder , seltsamerweise , mit Hufelands » Kunst , das Leben zu verlängern « in einen Winkel zurückzieht , um das Leben zu verachten . In den sonnigeren Momenten seiner Existenz beschäftigt sich das Fräulein mit allerhand leider meistens vergeblichen Versuchen , von der Höhe des Daseins herabzusteigen und sich dem gemeinen Volke , dem Rest der Menschheit , soweit er durch die Bauern von Krodebeck vertreten wird , zu nähern und von » wohltätigem Einfluß « auf ihn zu sein . Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin hat das heftige Bedürfnis , gute Lehren zur unrichtigen Zeit und an dem unrichtigen Orte zu erteilen , wie sie immer noch imstande ist , eine Stunde nach Mitternacht plötzlich die Gitarre am blauen Bande umzuhängen und zum Entsetzen sämtlicher Bewohner des Lauenhofes zu beginnen : A Toulouse il fut une belle ; Clémence Isaure était son nom : Le beau Lautrec brûla pour elle , Et de sa foi reçut le don . Für die Stunden der Nacht ist der » schöne Lautrec « zwar sehr angenehm ; allein für den langen Tag genügt er doch nicht , und das Fräulein hat einen angemessenen Raum im Busen übrig für sein Hündchen Peccadillo , welches gleich seiner Herrin sehr nervöser Natur ist und mit dem stattlichen ruhigen Kater Mystax , dem Stuben- und Studiengenossen des Ritters , auf einem ähnlichen Fuße lebt wie das Fräulein selber mit dem Chevalier . Das ist ein Schattenspiel , aber ein etwas chinesisches , und der junge Herr Hennig von Lauen hat ausnehmenden Nutzen davon ! Das trippelt und tänzelt und ziert sich wie die Figuren auf einem Rokokodamenfächer . Wie auf alten Punschschalen und Teetassen lächelt und verbeugt sich das und führt unter den sehr abnormen Bäumen und Büschen der Phantasie sehr abnorme Tierlein spazieren , während erstaunlich merkwürdige Vögel die Luft durchschwirren und bedenkliche Nester in dem Flachskopfe des Junkers Hennig bauen würden , wenn die gnädige Frau Mutter nicht manchmal mit einem verständigen Holla ! und Halt da ! dazwischenführe . Es arbeitet mancher und manche an der Erziehung des kleinen Hennig ; denn viel Leute : Bergleute , Schäfer , Jäger , Bauern und Bettler , kommen und gehen auf dem Lauenhofe , und der Vagabund , der euch einst - vor langen , langen Jahren vielleicht - am Weidenbach die erste Pfeife schneiden und blasen lehrte , war oft von größerem Einflusse auf eure Erziehung und euer Leben als der sehr gelehrte und ernste Mann , welcher zuerst die lateinische und griechische Grammatik euch vor der Nase aufschlug und behauptete : nur in ihr sei das wahre Arkanum des Wandels im Fleisch zu finden und ohne sie kein Heil und Vergnügen auf Erden weder in den Tagen der Jugend noch in denen des Alters . Bergleute , Fuhrleute , Schäfer , Jäger , Bauern und Bettler hielten sich gern auf dem Lauenhofe auf , denn es war von jeher ein nahrhafter Hof , und die Geschichte weiß nur von einem einzigen Herrn von Lauen , der ein geiziger Hund war und deshalb in größter Mißachtung bei seinen Stammesgenossen steht . Menschen und Tiere haben es gut auf dem Lauenhofe , so wie auch die Geistlichkeit stets das Ihrige bekam , sowohl früher in katholischer wie jetzt in lutherischer Zeit . Freilich , was der Pastor von Krodebeck ein » inniges , gottgefälliges Verhältnis « nennt , findet nicht statt . Die gnädige Frau geht so resolut an ihre Erbauung wie an ihre Arbeit , bringt einen merkwürdig scharfen und geraden Blick sonntags in die Kirche mit und hat häufig nach der Predigt ihrerseits ihrem frommen Seelenhirten den Text gelesen . Der Chevalier und das Fräulein sind katholischen Bekenntnisses , wovon jedoch der Chevalier nie Gebrauch macht , während das Fräulein sich häufig eines etwas enzyklopädistischen Anhauches nicht erwehren kann , was nicht immer vollständig zu ihren Verpflichtungen gegen den Papst Honorius den Dritten paßt . Der Pastor von Krodebeck speist nicht selten mit seiner Gattin auf dem Lauenhofe zu Mittag , aber der Ritter von Glaubigern spricht immer das Tischgebet . Drittes Kapitel Die Landstraße führt durch das Dorf Krodebeck , und jenseits des Dorfes , dem Norden zu , liegt ein wenig abseits der Straße ein kleines ärmliches Haus oder vielmehr eine niederträchtige verwahrloste Hütte neben einem Wassertümpel und dem Kirchhofe : das Armen- und Siechenhaus der Gemeinde . Unmalerisch ist das Ding nicht . Die Eschen- und Holunderbäume des Kirchhofs bilden einen ganz freundlichen Hintergrund für das graue Strohdach ; allein ein Vergnügen ist es keineswegs , in dem Siechenhaus von Krodebeck leben und dem Dorfe zur Last liegen zu müssen . Die Hütte enthielt zwei Gemächer , das eine rechts , das andere links von der morschen Eingangstür , dazu eine sehr primitive Zigeunerküche und unter dem Dache einen engen Bodenraum , in welchen Wind , Regen und Sonnenschein nach Belieben eindringen konnten . Manch liebes langes Jahr hatte an den schwarzen klebrigen Pfosten gerüttelt , und niemand zählte die schleichenden Schritte der Verlorenen , welche diese unglückselige Schwelle ausgetreten hatten . Von den kahlen Wänden hatte sich der Kalküberwurf längst abgelöst . Die Scheiben in den niedrigen Fenstern schillerten in jenen ironischen Regenbogenfarben , welche ein so arger Hohn auf jenes lieblichste Himmelszeichen sind , das einst der liebe Gott als den Bogen des Friedens über die ertränkten Geschlechter ausspannte ; und gerade weil das alles so war , so hatte das Haus seine Geschichte wie das stolzeste Königsschloß , so gut wie das Heidelberger Schloß , die Alhambra , und was es sonst für Ruinen in der Welt gibt . Aber niemand hatte diese Geschichte aufgezeichnet , und so müssen wir uns an der melancholischen Moral genügen lassen , welche aus allen Ruinen aufwächst , einerlei ob sie einen Historienschreiber fanden oder nicht . In dunkeln