kein Vertrauen zu dem , welcher mir , wie die Sache nun einmal lag , jene Alle hätte ersetzen müssen . Durch den beständigen Umgang mit einem so düstern , so skeptischen Geiste , nahm mein Gemüth eine Farbe an , die zu meinem sanguinischen , leidenschaftlichen Temperament sehr wenig stimmte . Ich war ein Epicuräer in der Schule eines Stoikers , ein Sybarit in dem Umgange eines cynischen Philosophen . Meine üppige Phantasie träumte die herrlichsten Welten , die mein trockner Verstand mitleidslos wieder zerstörte ; ich verzehrte mich in spitzfindigen Grübeleien , während mein heißes Blut mir das Herz zum Zerspringen füllte ; ich saß in meiner Klause und studirte in alten staubigen Scharteken , während sich mein abenteuerlustiger Sinn nach den Wundern des Orients und nach großen Thaten sehnte . Das ging so fort , bis ich in meinem neunzehnten Jahre die Universität bezog . Von meinem Vater trennte ich mich ohne Schmerz . Wie er diese Trennung empfand - ich weiß es nicht . Er sprach zu mir beim Abschied wie ein Philosoph , der seinen Jünger entläßt , indem er mir noch einmal alle die Hauptlehren seiner herben Weltweisheit in ' s Gedächtniß rief ; und in demselben Ton waren auch die Briefe , die er mir in regelmäßigen Zwischenräumen schrieb . Es wurden ihrer nicht viele , denn ungefähr ein halbes Jahr später erhielt ich ein Schreiben von dem Magistrat meines Heimathsortes , in welchem mir in kurzen , dürren Worten der Tod meines Vaters gemeldet wurde . Er hatte ein kleines Vermögen hinterlassen , das er nach und nach aus seinen Ersparnissen für mich gesammelt hatte und das bei mäßigen Ansprüchen für meine Studienzeit und vielleicht auch noch etwas länger ausreichen mochte . Ein Testament fand ich nicht , eben so wenig wie Familienpapiere , Briefe , Tagebücher oder dergleichen , woraus ich möglicherweise einige Aufklärung über die Geschichte meiner Eltern hätte gewinnen können . So stand ich denn ganz allein da in der Welt , ein Jüngling an Jahren mit der Lebensmüdigkeit eines Greises ; viel zu alt für meine Commilitonen , die mir wie spielende Kinder erschienen , und doch auch viel zu jung und viel zu unerfahren , als daß ich den Lockungen einer genußsüchtigen Stadt hätte Widerstand leisten , als daß ich in diesem Babel , ohne mich vielfach zu verirren , hätte umherwandern können . Wie wäre das auch einem Jüngling möglich gewesen , bei dem der Strom des vollen , jugendlichen Lebens so lange künstlich zurückgestaut war ! Ich wurde der Held mehr als einer Intrigue , der ich mich im Grunde schämte und auch zu schämen große Ursache hatte ; ich wurde von den Frauen verhätschelt und das unschuldig-schuldige Opfer herzloser Koketten . Ich machte viele Erfahrungen , ohne weise zu werden - das Schlimmste , was einem Menschen begegnen kann . Und dabei war das Merkwürdige , daß ich die Genüsse , denen ich fröhnte , durchaus verabscheute , daß mein Herz , während ich es an unedle Weiber wegwarf , nach einer edlen Liebe verschmachtete ; daß ich mich mit den ungeheuerlichsten Plänen trug , während ich meine Kräfte in lauter sinnlosen Zerstreuungen vergeudete . Ein Freund , der damals einigen Einfluß auf mich ausübte , riß mich aus diesem Strudel , in welchem ich über kurz oder lang untersinken mußte . Er rieth mir , nach Grünwald zu gehen . Ich folgte seinem Rath . Von diesem Augenblick an kennen Sie die Geschichte meines Lebens , zum wenigsten in den Umrissen . Sie wissen , daß ich in Grünwald den unglücklichen Mann kennen lernte , zu dem wir jetzt wallfahren . Sie werden sich nun auch erklären können , wir jetzt wallfahren . Sie werden sich nun auch erklären können , wie unmöglich es gerade für mich sein mußte , dem Zauber von Berger ' s dämonischer Persönlichkeit zu widerstehen ; wie ich in seinem Umgang nur noch tiefer in die Dornen der Widersprüche gerieth , an denen mein Herz verblutete . Berger wollte , daß ich nach Grenwitz ging , in einer adeligen Familie eine Stelle zu übernehmen , für die ich , wie der Erfolg gelehrt hat , genau so gut paßte , wie der Habicht in den Taubenschlag . Sie sind den einzelnen Phasen meines dortigen Lebens als aufmerksamer Zuschauer mit den Augen des Philosophen und des Freundes zugleich gefolgt . Wie viel Sie davon gesehen , wie viel Sie davon begriffen , wie vieles Ihnen unklar geblieben ist - ich weiß es nicht und will es nicht wissen . Ueber einen Theil dieser Ereignisse mag ich nicht reden ; über einen andern darf ich es nicht . Als die Katastrophe , die Sie vorausgeahnt hatten , hereinbrach und die frivole Welt , in der ich mich dort bewegte , mir über dem Kopfe zusammenstürzte - da standen Sie treulich zu mir ; Sie rissen mich aus diesem Wirrsal und luden sich damit eine Last auf die Schultern , über die Sie im Stillen wohl schon mehr als einmal geseufzt haben werden . Aber nein ! das ist nicht möglich ! Sie sind so klug , wie Sie weise , und so weise , wie Sie gut sind . Sagen Sie , Franz , welcher Odysseus hat Sie erzeugt , welche Penelope geboren , daß Sie Pallas Athene , die Göttin der Weisheit , immerdar so sichtbarlich in ihren gnädigen Schutz genommen hat ? Ich glaube , es ist in meinem Leben Alles auf ganz gewöhnliche Weise zugegangen , sagte Franz lachend , und denken Sie nur ja nicht , daß ich von der Scylla nicht gefährdet und von der Charybdis nicht geschädigt worden bin ! Ich habe , wie Sie , auf dem Punkte gestanden , an mir selbst zu verzweifeln . Was mich gerettet hat , ist eine Ueberzeugung , die zuerst in dämmernder Ahnung , dann immer klarer und deutlicher und zuletzt mit siegreicher Gewißheit in meiner Seele aufging , die Ueberzeugung nämlich , daß diese Welt