witzig war . Würde er sich meiner Sarkasmen und Ausfälle nicht in jener schlimmen Stunde erinnern , wo ich hülflos auf dem Secirtisch des Examinationssaales vor ihm lag ? Es war ein verzweifelter Fall . Da hebe ich vor einem Geräusche neben mir den Kopf , den ich nachdenklich in die Hand gestützt hatte ; - vor mir steht der Professor Berger . Ich fahre von meinem Sitze auf . Erlauben Sie , daß ich mich zu Ihnen setze , sagt der seltsame Mann , indem er auf dem Divan Platz nimmt und mich an seine Seite winkt . Sie gefallen mir und ich wünsche , Ihre nähere Bekanntschaft zu machen . Ich bin der Professor Berger ; mit wem habe ich die Ehre ? Mein Name ist Stein . Sie studiren , oder vielmehr , was haben Sie studirt ? Ich wollte , Herr Professor , ich könnte auf diese Frage einfach » Philologie « antworten , da dies aber eine grobe Unwahrheit wäre , so kann ich nur sagen : ich wünsche , ich hätte Philologie studirt . Wie so ? Weil mir alsdann die Ehre Ihrer näheren Bekanntschaft weniger bedenklich erscheinen möchte . Ein Lächeln spielte um den Mund des Professors die Wange hinauf und verlor sich im Winkel des rechten Auges . Sie stehen vor dem Examen ? Ja , wie - Sie kennen ja das Sprüchwort , Herr Professor . Das Lächeln zuckte vom Auge wieder herunter zum Munde . Und da erschrecken Sie vor mir wie Hamlet vor seines Vaters Geist ? Wenigstens erscheinen Sie mir in sehr fragwürdiger Gestalt . Nun wohl , da sehen Sie selbst , daß wir eben deßhalb näher mit einander bekannt werden müssen . Wollen Sie morgen Abend , oder wenn Sie sonst Zeit und Lust haben , ein Glas Theepunsch mit mir trinken ? Ich sagte natürlich nicht nein . Und dies war der Anfang meiner Bekanntschaft , ja , ich darf wohl sagen Freundschaft mit diesem außerordentlichen Manne . Wir sind von dieser Zeit an , so lange ich in Grünwald war , täglich zusammen gekommen , und ich schlage die praktischen Vortheile , die für mich aus dem Verkehr mit dem Gelehrten sich ergaben , lange nicht so hoch an , als die tiefen Blicke , die ich in dem vertraulichen Umgange mit dem Menschen in einen der räthselhaftesten Charaktere thun durfte , die mir vorgekommen sind . Es muß , fürchte ich , eine Wahlverwandtschaft zwischen seinem und meinem Wesen existiren oder wir hätten uns nicht so schnell finden , so rückhaltslos gegen einander aussprechen , so auf Wort und Wink verstehen können . Ich fürchte , sage ich ; denn Berger ist ein sehr unglücklicher Mann . Die Lichter seines glänzenden Humors spielen auf einem gewitterschweren Hintergrunde . Er steht allein in der Welt , verkannt von Allen , gefürchtet von den Meisten , geliebt von Niemand . Warum dem so ist , darüber könnte ich mich selbst Ihnen gegenüber nicht auslassen , denn jede Freundschaft ist ein Tempel , zu dem einem Dritten der Zutritt versagt bleiben muß . Aber ich schaudere , so oft ich das Dunkel heraufbeschwöre , das über ihn hereinbrechen muß , wenn einst das Alter die strahlende Fackel seines Genius , die jetzt einzig und allein die schauerliche Oede seiner Seele erhellt , düstrer und düstrer brennen macht . Vielleicht - wer weiß es ? - mag das auch ein Glück für ihn sein . Vielleicht mag dann das Wort , das er jetzt oft halb im grimmen Spotte und halb voll wehmüthigen Glaubens im Munde führt , das alte Wort : » Selig sind die Einfältigen « , an ihm zur Wahrheit werden . Der vertraute Umgang mit dem gelehrten Manne hatte mich in den Augen aller Andern in einen Nimbus gehüllt , in welchem ich , wie die homerischen Helden die Gefahren der Schlacht , die Schrecknisse des Examens ungefährdet durchwandeln konnte . Am Morgen des entscheidenden Tages sagte Berger zu mir : Wissen Sie , lieber Oswald , daß ich große Lust habe , Sie durchfallen zu lassen ! Warum ? Weil ich Sie zu verlieren fürchte : doppelt zu verlieren . Du lieber Himmel , welche Wandlungen können nicht mit einem Menschen vorgehen , dem man den Großvaterstuhl eines Amtes giebt und die Schlafmütze einer Würde aufsetzt ! Vielleicht kommen auch Sie noch dahin , den Horaz für einen großen Dichter zu halten , und den Cicero für einen eminenten Philosophen ; vielleicht werden Sie gar in dieser engbrüstigen Zeit aus lieber langer Weile ein gelehrter Professor , wie ich . Das Examen war vorüber ; ich hatte , wie Berger sagte , die Erlaubniß erhalten , das Stroh dreschen zu dürfen . Da kommt er eines Tages mit einem Briefe in der Hand zu mir und fragt : Haben sie Lust , in einer adeligen Familie Erzieher zu werden ? Das könnte ich eben nicht behaupten . Glaub ' s wohl ; aber die Bedingungen sind so vortheilhaft , daß es sich mindestens der Mühe verlohnt , die Sache in Ueberlegung zu ziehen . Sie müssen sich auf vier Jahre verbindlich machen . Und das nennen Sie vortheilhafte Bedingungen ? Vier Jahre ! nicht vier Wochen ! Hören Sie nur ! Von den vier Jahren haben Sie nur zwei in dem Hause zuzubringen , die übrige Zeit reisen Sie mit Ihrem Zögling . Sie wollen die Welt sehen und Sie müssen die Welt sehen , und wäre es auch nur , um sich zu überzeugen , daß die Menschen überall mit Recht die Hunde so lieben . Sie haben kein Vermögen , zum Vagabunden sind Sie zu civilisirt . Eh bien ! hier haben Sie die schönste Gelegenheit , die Ihnen so vielleicht nicht zum zweiten Male im Leben geboten wird . Und wer ist mein Alexander ? Ein junger Majoratsherr , wie der macedonische Pferdebändiger . Ich habe die noble Sippschaft im vorigen Jahre in Ostende kennen gelernt . Der Mann