fortgerissen von dem kalten Arm des Lebens aus der waldumgebenen , friedlichen Heimat , einsam in der dunkeln , stürmischen Nacht arbeitet , als ein anderer Schatten seine Träume von Glück und Ruhm durchkreuzt . Da ist eine andere Gestalt ; schwarze , dichte Locken umgeben ein sonnverbranntes Gesicht , die Augen blitzen von Lebenslust und Lebenskraft , es ist der Maler Franz Ralff , der , aus Italien zurückkehrend , voll der göttlichen Welt des Altertums und voll der großen Gedanken einer ebenso göttlichen jüngern Zeit , den Freund umarmt . Und weiter schweift mein Geist . - Ich sehe noch immer die junge Waise in ihrem kleinen Stübchen unter Blumen arbeitend . Ich sehe zwei Männer im Strom des Lebens kämpfen , ein Lächeln von ihr zu gewinnen ; und ich sehe endlich den einen mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den schönen Preis erfassen , während der andere weitergetrieben , willenlos und wissenlos auf einer kahlen , skeptischen Sandbank sich wiederfindet . - Ich sehe mich , einen blöden Grübler , der sich nur durch erborgte und erheuchelte Stacheln zu schützen weiß , bis er endlich , nach langem Umherschweifen in der Welt , hervorgeht aus dem Kampf , ein ernster , sehender Mann , der Freund seines Freundes und dessen jungen Weibes . Ich lebe durch kurze Jahre von schmerzlich süßem Glück ; ich sehe während dieser Jahre eine feine blondlockige Gestalt lächelnd , wie unser guter Genius , Franz und mich umschweben und ihre schützende Hand ausstrecken über seine leicht auflodernde Wildheit und meine hinbrütende Traurigkeit ; - ich sehe bald ein kleines Kind - Elise genannt in den Blättern dieser Chronik - des Abends aus den Armen der Mutter in die des Vaters und aus den Armen des Vaters in die des Freundes übergehen , mit großen , verwunderten Augen zu uns aufschauend - - - Plötzlich hört der Regen auf , an die Fenster zu schlagen ; ich schrecke empor - es ist späte Nacht . Einen letzten Blick werfe ich noch in die Gasse hinunter . Sie ist dunkel und öde ; der unzureichende Schein der einen Gaslaterne spiegelt sich in den Sümpfen des Pflasters , in den Rinnsteinen wider . Eine verhüllte Gestalt schleicht langsam und vorsichtig dicht an den Häusern hin . Von Zeit zu Zeit blickt sie sich um . Geht sie zu einem Verbrechen oder geht sie , ein gutes Werk zu tun ? Eine andere Gestalt kommt um die Ecke ; - ein leiser Pfiff - » Du hast mich lange warten lassen , Riekchen ! « » Ich konnte nicht eher , die Mutter ist erst eben eingeschlafen ... « Ein in der Ferne rollender Wagen macht das übrige unhörbar . Die Figuren treten aus dem Schatten ; ich sehe Ballputz unter den dunkelen Mänteln . Sie verschwinden um die Ecke , und ich schließe das Fenster . So endet das erste Blatt der Chronik , die wie die Geschichte der Menschheit , wie die Geschichte des einzelnen beginnt mit - einem Traume . Am 2. Dezember Es ist heute für mich der Jahrestag eines großen Schmerzes , und doch trat heute morgen der Humor auf meine Schwelle , schüttelte seine Schellen , schwang seine Pritsche und sagte : » Lache , lache , Johannes , du bist alt und hast keine Zeit mehr zu verlieren . « Jener sonderbare lange Mensch von drüben , im abgetragenen grauen Flausrock , einen ziemlich rot und schäbig blickenden Hut unter dem Arme , klopfte an meine Tür , kündigte sich als der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel an , breitete eine Menge der tollsten Blätter auf dem Tische vor mir aus und verlangte , ich solle ihm für den Winter - den Sommer über bummele er draußen herum - eine Stelle als Zeichner bei einem der hiesigen illustrierten Blätter verschaffen . Er behauptete , meinen dicken Freund , den Doktor Wimmer in München , sehr gut zu kennen , und malte wirklich als Wahrzeichen das heitere Gesicht des vortrefflichen Schriftstellers sogleich auf die innere Seite des Deckels eines daliegenden Buches . Ich versprach dem wunderlichen Burschen , dessen Federzeichnungen wirklich ganz prächtig waren , von meinem geringen Ansehen in der Literatur hiesiger Stadt für ihn den möglichst besten Gebrauch zu machen , und er schied , indem er in der Tür mir die Hand drückte , mich süß-säuerlich anlächelte und sagte : » Sie tun sehr wohl , mich so zu verbinden , verehrtester Herr , denn als braver Nachbar würde ich doch manche angenehme Seite an Ihnen entdecken , die , zu Papier gebracht , sich sehr gut ausnehmen könnte . Gute Nachbarn werden wir übrigens diesen Winter hindurch wohl sein , teuerster Herr Wachholder , denn - Sie sehen gern aus dem Fenster , eine Eigentümlichkeit aller der Leute , mit welchen sich auf die eine oder die andere Weise leicht leben läßt . Guten Morgen ! « Um eine originelle Bekanntschaft reicher kehrte ich zu meiner Chronik zurück mit der Gewißheit , dem Meister Strobel von Zeit zu Zeit darin wieder zu begegnen . Am Nachmittag Es ist heute Jahrestag . Ich werde die Erinnerung nicht los , sie verfolgt mich , wo ich gehe und stehe . Es war ein ebenso trüber , regenfarbiger Winternachmittag wie jetzt , als ich traurig dort drüben in jenem Fenster saß - vor langen Jahren - , dort drüben in jenem Fenster , von welchem aus mir eben der Zeichner Strobel zunickt - und traurig hinaufblickte zu der grauen , eintönigen Himmelsdecke . Die Gasse sah damals wohl nicht viel anders aus als heute ; doch sind viele Gesichter , deren ich mich noch gar gut erinnere , verschwunden und haben andern Platz gemacht , und nur einzelne , wie zum Beispiel der alte Kesselschmied Marquart im Keller drunten , der heute wie vor so vielen Jahren lustig sein Eisen hämmert , haben sich erhalten in diesem ununterbrochenen Strom des Gehens und Kommens . Diese sind denn auch