schärfer : » Praxedis ! « Es dauerte nicht lange , so schwebte die Gerufene ins Klosett herein . Praxedis war der Herzogin in Schwaben Kammerfrau , von griechischer Nation , ein lebend Angedenken , daß einst des Byzantiner Kaisers Vasilius Sohn um Hadwigs Hand geworben6 . Der hatte das des Gesangs und weiblicher Kunstfertigkeit erfahrene Kind samt vielen Kleinodien und Schätzen der deutschen Herzogstochter geschenkt und als Gegengabe einen Korb erbeutet . Man konnte damals Menschen verschenken , auch kaufen . Freiheit war nicht jedem zu eigen . Aber eine Unfreiheit , wie sie das Griechenkind auf der schwäbischen Herzogsburg zu tragen hatte , war nicht drückend . Praxedis war ein blasses feingezeichnetes Köpfchen , aus dem zwei große dunkle Augen unsäglich wehmütig und lustig zugleich in die Welt vorschauten . Das Haar trug sie in Flechten um die Stirn geschlungen ; sie war schön . » Praxedis , wo ist der Star ? « sprach Frau Hadwig . » Ich werd ' ihn bringen « , sagte die Griechin . Und sie ging und brachte den schwarzen Gesellen , der saß so breit und frech in seinem Käfig , als wenn sein Dasein im Weltganzen eine klaffende Lücke auszufüllen hätte . Der Star hatte bei Hadwigs Hochzeit sein Glück gemacht7 . Ein alter Fiedelmann und Gaukler hatte ihm unter langwieriger Mühsal einen lateinischen Hochzeitsgruß eingetrichtert ; das gab einen großen Jubel , wie beim Festschmaus der Käfig auf den Tisch gestellt ward und der Vogel seinen Spruch sprach : » Es ist ein neuer Stern am Schwabenhimmel aufgegangen , der Stern heißt Hadwig , Heil ihm ! « und so weiter . Der Star war aber tiefer gebildet . Er konnte außer dem gereimten Klingklang auch das Vaterunser hersagen . Der Star war auch hartnäckig und konnte seine Grillen haben , so gut wie eine Herzogin in Schwaben . Heute mußte dieser eine Erinnerung an alte Zeit durch den Sinn geflogen sein , der Star sollte den Hochzeitsspruch sagen . Der Star aber hatte seinen frommen Tag . Und wie ihn Praxedis ins Gemach trug , rief er feierlich : » Amen ! « und wie Frau Hadwig ihm ein Stück Honigkuchen in den Käfig reichte und schmeichelnd fragte : » Wie war ' s mit dem Stern am schwäbischen Himmel , Freund Star ? « da sprach er langsam : » Führe uns nicht in Versuchung ! « Wie sie aber zur Ergänzung seines Gedächtnisses ihm zuflüsterte : » Der Stern heißt Hadwig , Heil ihm ! « - da fuhr der Star in seiner Melodie fort und intonierte würdig : » Erlöse uns von dem Übel ! « » Fürwahr , das fehlt noch , daß auch die Vögel heutigentages unverschämt werden « , rief Frau Hadwig , » Burgkatze , wo steckst du ? « und sie lockte die schwarze Katze herbei , der war der Star schon lange ein Dorn im Auge , mit funkelnden Augen kam sie geschlichen . Frau Hadwig erschloß den Käfig und überantwortete ihr den Vogel , der Star aber , dem schon die scharfen Krallen das Gefieder zausten und etliche Schwungfedern geknickt hatten , ersah noch ein Gelegenheitlein und entwischte durch einen Spalt am Fenster . Bald war er verschwunden , ein schwarzer Punkt im Nebel . » Eigentlich « , sprach Frau Hadwig , » hätt ' ich ihn auch im Käfig behalten können . Praxedis , was meinst du ? « » Meine Herrin hat bei allem recht , was sie tut « , erwiderte diese . » Praxedis « , fuhr Frau Hadwig fort , » hol ' mir meinen Schmuck . Mich gelustet , eine goldene Armspange anzulegen . « Da ging Praxedis , die immerwillige , und brachte der Herzogin Schmuckkästchen . Das war von getriebenem Silber , mit starken unfertigen Strichen waren etliche Gestalten darin angebracht in erhabener Arbeit , der Heiland als guter Hirt und Petrus mit dem Schlüssel und Paulus mit dem Schwert , samt allerhand Blattwerk und reich verschlungener Zierart , als wenn es früher zur Aufbewahrung von Reliquien gedient hätte . Es war durch Herrn Burkhard eingebracht worden , doch sprach er nie gern davon , denn er kam zu selber Zeit von einer Fehde heimgeritten , darin er einen burgundischen Bischof schwer überrannt und niedergeworfen hatte . Wie die Herzogin das Kästchen aufschlug , gleißten und glänzten die Kleinodien mannigfalt auf dem roten Sammtfutter . Bei solchen Denkzeichen der Erinnerung kommen allerhand alte Geschichten herangeschwirrt . Auch das Bildnis des griechischen Prinzen Konstantin lag dort , zierlich , geleckt und sonder Geist vom Byzantiner Meister auf Goldgrund gemalt . » Praxedis « , sprach Frau Hadwig , » wie wär ' s geworden , wenn ich deinem spitznasigen , gelbwangigen Prinzen die Hand gereicht hätte ? « » Meine Herrin « , war Praxedis ' Antwort , » es wäre sicher gut geworden . « » Ei « , fuhr Frau Hadwig fort , » erzähl ' mir etwas von deiner langweiligen Heimat , ich möchte mir gern vorstellen , was ich für einen Einzug in Konstantinopolis gehalten hätte . « » O Fürstin « , sprach Praxedis , » meine Heimat ist schön « - wehmütig ließ sie ihr dunkles Aug ' in die neblige Ferne gleiten - » und solch trüber Himmel wenigstens wär ' Euch am Ufer des Marmormeers für immer erspart . Auch Ihr hättet den Schrei des Staunens nicht unterdrückt , wenn wir auf stolzer Galeere dahingefahren wären : an den sieben Türmen vorbei , da heben sich zuerst die dunklen Massen , Paläste , Kuppeln , Gotteshäuser , alles im blendend weißen Marmor , aus den Brüchen der Insel Prokonnesos , groß und stolz steigt die Lilie des Meeres aus dem blauen Grunde auf , dort ein dunkler Wald von Zypressen , hier die riesige Wölbung der hagia Sophia , auf und ab das weite Vorgebirg ' des Goldenen Horns ; gegenüber am asiatischen Gestade grüßt eine zweite Stadt , und als