. Du wirst mich mit einem Manne , der mir zur rechten Seite gehen wird , wieder herauskommen sehen . Auf der Donaubrücke werde ich ihn verlassen . Sieh ihn Dir genau an , Salvador . Dieser Mann ist ' s , den Du suchest . « Die intelligenten Augen des Knaben waren mit ängstlicher Sorgfalt auf die Lippen des Paters geheftet gewesen , als wolle er jede Silbe tief in sein Inneres einsaugen . » Und was soll ich mit dem Manne thun , Sennor ? « - » Du wirst suchen , in seinen Dienst zu treten , Salvador . « Einen halb ängstlichen , halb verachtenden Blick des Knaben übersehend , fuhr er fort : » Hier hast Du Geld , Du wirst Dich davon kleiden , wie es hier Sitte ist . Du begreifst , mein Sohn , daß Dein jetziger Aufzug Dich nur auffällig macht und Verdacht erregt . Gedenke Deiner Mutter und des Gelübdes , welches Du mir abgelegt . - Und nun lebe wohl , um 1 / 2 9 Uhr findest Du mich hier . « Salvador war während der Rede des Paters in einem tiefen innerlichen Kampfe begriffen . Die letzten Worte aber schienen seinen Entschluß befestigt zu haben ; denn er küßte mit heftiger , leidenschaftlicher Innigkeit die Hand des frommen Vaters und war bald darauf ebenso geräuschlos , als er gekommen , aus der Thür verschwunden . Pater Angelikus aber schien in tiefes Nachdenken versunken . Ein Seufzer endlich , der unwillkürlich , wie ein schwermuthsvoller Gruß an ehemaliges Glück , seiner Brust entstieg , brachte ihn wieder zum Bewußtsein der Gegenwart zurück . Er nahm den Brief , küßte ihn mit einer Inbrunst , die man von diesem verknöcherten kalten Manne , in dem alle Leidenschaften längst abgestorben schienen , nicht erwartet hätte , und legte ihn dann sorgfältig in eine verschließbare Brieftasche , die er sofort zu sich steckte . - Darauf setzte er sich - es war indeß dunkel geworden - in die Ecke des Sophas und überließ sich von neuem seinen Träumereien . - III In einem kleinen , aber höchst geschmackvoll eingerichteten Boudoir im zweiten Stocke eines der elegantesten Häuser der » Wallzeile « finden wir unsere beiden Freundinnen , Alice und Lydia wieder . Während diese , in nachlässiger Stellung in einen Polsterstuhl gelehnt , mit der Linken auf den Tasten eines Kisting ' schen Flügels umherphantasirte und sich in die Aufsuchung der melancholischsten Mollübergänge zu vertiefen schien - ging Alice , die Hände über die Brust gekreuzt und gesenkten Hauptes mit raschen , aber durch die elastische Weichheit des Teppichs bis zur Unhörbarkeit gedämpften Schritten das Zimmer auf und nieder . Es war Abend , aber der herrliche Vollmond , welcher bereits die Thurmspitzen der über die jenseitige Häuserreihe hinausragenden Stephanskirche versilberte , hatte das Azur des unbewölkten Abendhimmels mit einem so intensiven Lichtglanz getränkt , daß der Reflex desselben das Zimmer hinlänglich erhellte . Mochten es die abgebrochenen tiefschwermüthigen Accorde sein , welche Lydia den Saiten des Instruments entlockte - oder waren es vielleicht die wunderbaren Tinten , welche das falbe Mondlicht in das Zimmer warf , oder war die Spannung , worin Alice durch das bevorstehende Gespräch versetzt wurde , davon Ursache : sie befand sich in einer sonderbaren , an Unruhe grenzenden Aufregung . Die Töne des Instruments klangen immer sanfter und schienen sich aus mannichfachen Verschlingungen endlich in eine wohlthuende Harmonie auflösen zu wollen , als sie plötzlich in einem schreienden Disaccord , der das ganze Instrument erzittern machte , schlossen . - Mit einem Schrei des Entsetzens war Lydia aufgesprungen und stand nun unbeweglich mit geisterhaftbleichem Gesichte da , die starren Augen auf die rothseidenen Vorhänge des Alkovens gerichtet , die in diesem Augenblicke , gerade vom vollen Mondenlichte bestrahlt , sich zu bewegen schienen . Alice hatte sich erschreckt umgewandt : Was ist ' s ? Was hast du , Lydia ? - fragte sie . Lydia antwortete nicht . Alice trat auf sie zu und legte die Hand auf ihre eiskalte Stirn : da hob sich die Brust der Unglücklichen in einem tiefen Seufzer : aus ihren Augen perlten zwei große Thränen nieder und ihr Kopf senkte sich in die Hand der Freundin . - Du bist nicht wohl , mein Kind - sagte Alice liebevoll - Du solltest Dich zur Ruhe legen . Lydia schüttelte den Kopf . Sie schlug ihre Augen , in denen eine verzehrende tiefe Schwärmerei glänzte , zum Himmel auf , machte sich sanft von der Umarmung der Freundin los und verließ langsam das Zimmer . - Sie wird wieder beten gehen - murmelte Alice . In diesem Augenblicke klopfte es an die Thür . - Endlich - sagte Alice für sich - als der Pater Angelikus mit leisem Tritte die Schwelle überschritt , offenbar verwundert über die Dämmerung , welche im Zimmer herrschte . - Sie sind allein - fragte er , vorsichtig sich im Zimmer umschauend . Alice schellte . Ein Diener brachte Lichter und verließ lautlos , wie er gekommen , das Zimmer . - Mein armer , frommer Freund - sagte sie , ohne die Frage des Paters zu berücksichtigen , mit ihrer gewohnten liebenswürdigen Ironie , deren Bitterkeit sie durch die sentimentale Weichheit des Tones zu lindern wußte - - Weshalb bedauern Sie mich ? - antwortete , einen mißtrauischen Blick auf das Gesicht Alicens heftend , der Pater . - Sie sind ein schlechter Menschenkenner , Angelikus , und , was die Folge davon ist , ein noch schlechterer Seelenarzt . Sie glaubten das arme Kind heilen zu können durch den Glauben an die alleinseligmachende Kirche , nicht wahr ? - Nun ? - Nun , ob sie Glauben hat , weiß ich nicht ; aber daß Sie ihr eine tüchtige Portion Aberglauben eingeflößt haben , so daß sie jetzt im Schooße ihrer alleinseligmachenden Kirche Gespenster sieht , das weiß ich . Der Pater blickte die schöne Frau durchdringend scharf an . - -