auch bis in diese scheinbar unwesentliche Kleinigkeit hinein die in seinem ganzen Charakter begründete tiefe Opposition gegen jedwede Autorität , die in so fern aber ihre eigene Rechtfertigung in sich trug , als sie den Kampf gegen die Autorität nur auf Kosten des einfachen , künstlerischen Geschmacks zu führen schien . Dieser Zug seines Charakters , gegen die Willkühr der Menschensatzung , wie immer sie sich zeigte , zu opponiren und das Schöne und Natürliche dagegen geltend zu machen , stammte bei ihm jedoch nicht sowohl aus einem Enthusiasmus für die Idee überhaupt und für deren Rechte , als aus der selbstgefälligen Freude , daß seine eigene Erkenntniß und Anschauungsweise über die Begriffe der gewöhnlichen verkünstelten und kleinigkeitskrämerischen Welt dadurch erhaben sei , daß sie jedes Vorurtheil abgestreift . Aus dieser selbstsüchtigen Richtung seiner idealen Erkenntniß - weil es ihm weniger um die Schönheit und Wahrheit dessen , was sie in sich schloß , als um den eigenen Besitz desselben zu thun war , erklärte sich einerseits die ironische Verachtung , welche er gegen die Menschen im Allgemeinen hegte , anderseits der Skepticismus , mit dem er jede in der Welt ideale Erscheinung von vornherein als Heuchelei oder Dummheit betrachtete . Vielleicht könnte hieraus geschlossen werden , daß er den Respekt , welchen er allen Uebrigen versagte , auf sich selbst beschränkte , weil er allein seiner Ueberzeugung nach die richtige Erkenntniß von der Unwirklichkeit der Idealität besaß . Allein in der That schöpfte er aus der Verachtung der Uebrigen noch keinen Grund zur Achtung seiner selbst . Er fühlte wohl , daß nur in dem Streben , die Idealität in sich selbst zu verwirklichen , etwas Achtungswerthes liegen könnte . Um dies aber zu versuchen , fehlte ihm die sittliche Kraft , und daher der Glaube an die Möglichkeit dieser Verwirklichung . Er war also nur in dem egoistischen Irrthum befangen , daß er von der Ueberzeugung ausging , diese Verwirklichung sei nicht ihm allein , sondern überhaupt unmöglich . So isolirt er durch diese Richtung seines Innern der Welt überhaupt gegenüber stand , so gab es doch einen Menschen , der mit ihm in diesem sittlichen Skepticismus sympathisirte und gerade gegen diesen fühlte er sonderbarer Weise noch größere , noch tiefere Verachtung , als gegen die gewöhnlichen Menschen . Aber diese Verachtung hatte ihren Grund nicht darin , daß er das , was er an sich selbst für unwürdig hielt , an Andern noch abscheulicher fand - sondern weil jener Andere ein Weib war ; denn beim Weibe schließt die Verachtung der Idealität noch größere Würdelosigkeit in sich , als beim Mann . Außerdem fehlte ihr jede Spur von Enthusiasmus , der wenigstens beim Baron die Quelle seines Skepticismus gewesen war . Bei ihr war es reine Freude am Bösen - hämische Zerstörungssucht , die ihm verächtlicher noch war , als Gemeinheit , Trivialität und Selbsttäuschung . Dieses Weib war Cornelia . Cornelia von Hohenhausen hatte eine kleine , zartgebaute Gestalt . Ihre Bewegungen waren trotz der Magerkeit ihrer Arme , ihres Nackens und Halses doch weder eckig steif , noch kokett und manirirt , sondern so durchaus gefällig und graziös , daß man darüber bei längerm Umgange die natürlichen Unvollkommenheiten leicht vergessen konnte . Der Ausdruck in ihren Zügen war für gewöhnlich nicht besonders auffallend und charakteristisch . Es giebt jedoch eine Art von Gesichtern , deren charakteristische Merkmale weniger in den Hauptzügen , als in scheinbar unwichtigen Nebenlinien liegen , die , weil sie weniger in die Augen fallen , sich auch unbewachter und gleichsam unabhängiger vom Bewußtsein des Menschen selbst entwickeln und gestalten . Hauptsächlich ist dies bei geistig begabten aber unedlen Naturen der Fall ; denn edle Naturen sind zu stolz für eine solche Ueberwachung der Mienen Seitens des Bewußtseins , und einfältige Menschen haben nicht die geistige Kraft und Stärke der Reflexion dazu . So sprach sich auch die dämonische Natur Corneliens nicht in dem allgemeinen Schnitt des Gesichts und in den einzelnen Hauptzügen aus , die vielmehr einen Charakter von Bonhommie und gutmüthiger Freundlichkeit an sich trugen , sondern in den fein zusammengekniffenen Augenwinkeln , in dem unsichern , mattglänzenden grauen Auge und in einer schmalen , langen Furche , die sich von beiden Seiten der Nase mit einer unanmuthigen Wendung um die Mundwinkel herum schlang , aber nur sichtbar wurde und dann dem Gesicht einen sonderlich unheimlichen Ausdruck verlieh , wenn sich der untere Theil des Gesichts zu einem Lächeln verzog . Ihr Mund war eher klein als groß zu nennen , aber sehr dünn , farblos und ohne schönen Schnitt , während die Nase so wie die Stirn keine unedle Bildung zeigte . Der unangenehme Eindruck , den die wirklich auffallende Magerkeit ihres Gesichts , Halses und Nackens in Jedem hervorbrachte , der an schönere Formen gewöhnt war , wurde noch durch die dunkle Schattirung ihres Teints erhöht , welche vielleicht mit der Farbe des Pergaments hätte verglichen werden können , wenn das Gelb des letzteren mehr Grau und weniger Glanz enthielte . Ihre Kleidung schien zwar im Gegensatz zu der des Barons jede auffallende Abweichung vom herrschenden Geschmack der Mode absichtlich zu vermeiden , ohne indeß sowohl in Rücksicht auf die Wahl der Stoffe , als auf deren Zusammenstellung , den reinen Geschmack und den feinen Sinn für elegante Einfachheit und ungezwungene Harmonie zu bekunden , worin jener eine eben so große Zartheit als Sicherheit besaß . Cornelia trug an diesem Tage ein Kleid von schwerer hellgrüner Seide , dessen weiter Ausschnitt dem Auge vollkommene Freiheit ließ , nach den Reminiscenzen früherer Fülle und Schönheit des Halses zu suchen . Ein italienischer Strohhut , mit einer Straußfeder geschmückt , - Cornelia trug nur diesen Putz - ein chinesischer Sonnenschirm und eine weiße Atlas-Mantille bildeten das übrige Kostüm . » Treten Sie leiser auf « - sagte Cornelia zum Baron , als sie eben in eine Kreisallee eintraten , die , wie man schon aus den hier und dort zwischen den Gipfeln der Bäume durchbrechenden breiteren Lichtstellen schließen konnte ,