der Bewunderung und des Spottes , die Stimme des Volkes aus . Ein pietistischer Prediger , den man rasch aus der Nachbarschaft herbeigeholt , hielt eine salbungsvolle Traurede , durchdrungen von überschwänglichem Christenthum ; und suchte besonders die große Güte des lieben Gottes nachzuweisen , die sich der Braut so sichtbar offenbarte , indem sie ihr einen mit Glücksgütern vielfach gesegneten Ehegemahl zu Theil werden ließ . Als endlich die Ceremonie zu Ende war , und der Prediger nach christlichem Gebrauch die Worte der Bibel vorlas : » und er soll dein Herr sein , « da zuckte es schmerzhaft um die Lippen der Braut ; und als sie das ewigbindende Ja ! aussprach , da richtete sie die Augen gegen den Himmel , ein Blick , aus dem das verzweiflungsvolle Bewußtsein sprach , daß sie mit diesem Wort ihr Leben zu einem ununterbrochenen Opferfeste mache . Die Ehe war geschlossen . Es war ein schöner , warmer Maiabend ; der Vollmond stand groß am Himmel , die Blumen dufteten stärker und zarter ; Nachtigallen sangen süße Lieder der Liebe ; die Natur war still und ruhig , und schwelgte in ihren ewiggleichen Harmonieen , als wäre sie bewußt des sichern Gesetzes , das ihren wandellosen Kreislauf beherrscht . Was kümmerte es sie , daß ein Herz gebrochen , ein junges Leben gemordet war ? Eine Stunde später hielt der Reisewagen des Herrn Oburn vor der Thüre . Koffer und Schachteln , mit Garderobe und Weißzeug , der einzigen Aussteuer der eben vermählten Madame Oburn , wurden in den bequemen Wagen gebracht . Herr Oburn sah den Vorkehrungen gemüthlich zu , rieb sich seelenvergnügt die weichlichen und doch unzarten Hände , spielte mit der übermäßig dicken Uhrkette , und sah mit widerlichem Lächeln von Zeit zu Zeit auf seine Uhr . » Gott sei Dank , « murmelte er vor sich hin , » der langweilige Tag neigt sich zu Ende , und näher kommt die Stunde , in der mein Weib ganz mein eigen wird . Wie will ich schwelgen in ihren jungfräulichen Reizen ! Wahrhaftig , sie ist schön , und werth , meine Frau zu sein ! « Und sich zum Diener wendend , fuhr er fort : » James , höre ! Du giebst dem Postillon dreifaches Trinkgeld , wenn er mich rasch , sehr rasch zur nächsten Station führt ; Du nimmst ein Pferd , reitest meinem Wagen voraus ; jage , so rasch Du kannst , wenn auch das Pferd drauf geht - darauf kommt es nicht an - nur schnell , schnell wie der Teufel ! Bestelle im Hotel Zimmer zur Nacht für mich und meine Frau ; hörst Du , James , so schön wie möglich ! Ich hab ' ja Geld ; ich kann ' s bezahlen ! Nur schnell , schnell ! Ich komme gleich nach mit meiner Frau ! « Während dieses Gesprächs verweilte die Heldinn unserer Erzählung allein in dem stillen , freundlichen Gemach , in welchem wir ihre erste Bekanntschaft gemacht haben . Ihr Auge haftet unverwandt auf der Stelle , wo am Morgen der alte Vater den Fluch über sie ausgesprochen . Sie wirft sich auf die Kniee , faltet die Hände und will beten ; doch ihr fehlen die Worte - sie kann es nicht ; ihr Elend ist zu groß selbst für die Gnade des Himmels . Thränenlos sieht sie sich um in den unbegränzten Räumen , die sie seit frühester Jugend bewohnt . Hier hatte sie ein kurzes , ideales Liebesglück genossen ; und durch die Reihe der Jahre hindurch verfolgte sie träumerisch alle Wünsche und Hoffnungen , die hier in traulicher Dämmerstunde ihre Brust geschwellt . Nun lag alles hinter ihr - abgeschlossen , ein Paradies , aus dem sie verbannt war . Sie blätterte in dem Buch dieser schönen Vergangenheit , in welches das Leben noch nicht seine ehernen Lettern geprägt ! Noch war es ein Stammbuch voll duftiger , zarter Blätter , Blumen der Freundschaft und Liebe ; auch manches unbeschriebene Blatt mit bedeutungsvollen Zeichen , über das die Ahnung hinaus in die unbestimmte Ferne zog ! Dies Buch war geschlossen auf immer ; das Evangelium ihrer Jugend durfte nur noch in der Erinnerung leben ! » O , könnte ich nur weinen ! « seufzt sie , und schlägt mechanisch einige Töne auf der Harfe an , als könnte sie dadurch eine mildere Stimmung heraufbeschwören , und bewußtlos geht sie dann in eine ihr unendlich theuere Melodie über . Diese Töne versetzen sie außer sich ; ihr ganzer Körper zittert krampfhaft ; jede Fiber bebt ; ihr Wesen ist im Innersten erschüttert - und doch bleibt das Auge trocken ; keine Thräne kühlt die innere , verzehrende Glut . Noch einmal faltet sie ihre Hände zum Gebet - dann springt sie unheimlich rasch auf , und ruft : » Beten kann ich nicht - wohlan so will ich fluchen . Es giebt keinen Gott der Liebe ; warum leide ich sonst : Wenn die Gnade des Himmels nicht allgemein ist , wie sein Regen und sein Sonnenschein ; wenn sie nicht auch zu mir und meinen Schmerzen segnend herniedersteigt : dann ist sie ja nichts , als ein Traum der Glücklichen , die ihr süßes Vorrecht in so schöne Bilder kleiden . Ich will nicht länger zu diesen Träumen schwören . Meine Träume hat die Wirklichkeit zertrümmert , die Wirklichkeit dieser Welt und ihre eherne Macht ! Wohlan , so will ich sie anerkennen , und mit ihr kämpfen um jeden Fuß breit Landes , den ich mir umschaffen will in ein Paradies . « » Für die Welt , die den Sieg davongetragen über mein Herz , « fuhr sie feuriger fort , » für die Welt nur will ich leben . Das Geld , mit dem der Seelenhandel getrieben wird , dem ich die Ideale meiner Jugend geopfert , ist ja der Schlüssel zu dem Reich dieser Welt , zu allen Quellen des Genusses und der Freude