Du etwas , gute Amalie ? « » Sterben ! « ächzte sie , indem sie beide Hände vor ihre Stirn schlug und das Haupt auf ihre Kniee legte . So zusammengebeugt seufzte sie laut und ungeduldig unter ihren Schmerzen . Er legte ihr die in einander gewühlten Kissen wieder zurecht , schlang den Arm sanft um ihre Schultern und wollte sie zärtlich aufrichten . Aber sie zuckte zusammen , als mache seine Berührung ihr Schmerz , verzog den Mund bitter und flüsterte ein zurückweisendes : » Geh ! « und : » Laß ! « Thalheim nahm seinen Arm zurück und blieb eine Weile schweigsam stehen , seine Augen weilten unverändert mit zärtlicher Theilnahme auf der Kranken , die jetzt ihren Kopf aufrichtete , und hastig flehend sprach : » Nur einen Wunsch erfülle mir noch , damit ich sterben kann - « auch mit bitter ' m Tone hinzufügte : » Du kannst es - er kostet kein Geld . « Thalheim warf einen Blick an die Decke des Zimmers , einen Blick , der den Himmel suchte - aber es schien kein Himmel über ihm zu sein , sein Blick traf nur die graue Decke . Amalie war schon lange krank , und er war arm - diese Armuth wagte er Niemand einzugestehen , denn in der Stadt , in der er jetzt lebte , hatte er keine Freunde , die er um Hülfe hätte angehen können , und Bekannte in Anspruch zu nehmen , war er zu stolz . Sein Gehalt reichte nur gerade hin , ihn mit Weib und Kind zu ernähren , weiter nicht - die lange Krankheit hatte ihn bereits in Schulden und Verbindlichkeiten verwickelt , die ihm unerträglich waren , und um sie nicht noch zu mehren , um nicht sich und seine Familie noch immer tiefer in eines jener Labyrinthe des Elends zu führen , aus welchen der Rückweg so schwer zu finden ist , hatte er der Kranken hie und da einen jener grilligen Wünsche unerfüllt lassen müssen , an denen Kranke gewöhnlich so reich sind , und deren Erfüllung ihnen weder Erleichterung noch Freude giebt , deren Verweigerung sie aber unmuthig macht . Thalheim hatte das Bewußtsein , daß er mit Aufopferung aller seiner Kräfte Alles für seine Frau that , was ihm irgend möglich war . Er hatte nie ein Wort des Dankes , der Anerkennung von ihr verlangt , denn er sagte sich , daß er nur seine Pflicht thue , - aber statt eines milden Liebesblickes , nach dem er sich sehnte , gab sie ihm Vorwürfe . - Aber jener einzige Blick aufwärts und ein schnell wieder unterdrücktes Zucken um den Mund war Alles , wodurch er einen Moment seiner heftigen innern Bewegung einen Ausdruck geben mußte , er sagte mit unveränderter Freundlichkeit : » Und welchen Wunsch hast Du ? Gewiß , ich werde Alles aufbieten , ihn Dir zu erfüllen ! « » Du weißt , daß ich sterben muß , « begann sie milder , als sie vorhin sprach , und er fiel ihr in ' s Wort und rief : » O , sprich nicht so ! « Aber sie bat weiter : » Unterbrich mich nicht , um mich zu schonen , es ist mir ja Erleichterung , wenn ich einmal frei sprechen darf . Suche mir das nicht zu verheimlichen , was ich ja doch wünschen muß . Laß mich reden . Höre mir zu . Du hast es selbst mit angesehen , wie oft der Tod zu mir gekommen ist - er packte mich , warf mich hin und her , daß ich vor unsäglichen Schmerzen stöhnen und wimmern mußte , wie ein Kind - aber die Stunde ging vorüber , und der Tod mit ihr - ich blieb immer noch sein zuckendes Opfer - und nun ist es mir klar geworden , warum ich nicht sterben kann - ich soll nicht unversöhnt aus dem Leben gehen . Ich bedarf der Verzeihung zweier Menschen , an denen ich mich schwer vergangen habe - Deiner und seiner - - - « Sie hielt inne - er sah sie fragend an und sprach kein Wort . Nach einer Pause fuhr sie fort : » Johannes ! - Auf dem Sterbebette lass ' mich nicht mehr heucheln . Nicht aus Liebe ward ich Dein Weib - in diesem Herzen hat ewig nur das Bild eines Andern gelebt ! « sie sprach die letzten Worte kaum hörbar und mit niedergeschlagenen Augen , dann aber heftete sie dieselben weitgeöffnet ängstlich auf ihren Gatten , um zu erforschen , welchen Eindruck dieses Geständniß auf ihn mache . Ueber seine ganze Gestalt rießelte es wie ein eisiger Schauer - seine Hände ließen die Bettpfoste los , auf die sie sich vorhin gestützt hatten - er sah auf sie , eben so starr , eben so fest , wie sie auf ihn - doch lag ein ungläubiges Forschen in diesem Blick und eine innige Zärtlichkeit , welche flehte : nimm das Wort zurück - ich verstehe Dich nicht . Sie hielt diesen vertrauenden Liebesblick nicht aus , und indem sie ihr Gesicht abwendete , schrie sie auf : » Fluch mir lieber ! Ich kann das eher ertragen , als Deine Engelmilde , als Deine blindvertrauende Liebe - - ich habe Dich geachtet , ich habe Ehrfurcht vor Dir gehabt - ich habe mir tausend Mal gesagt , daß Du edler , besser seiest , als all ' die andern Männer - auch als er - mein Geist hat es mir gesagt , nicht mein Herz - mein Verstand , aber nicht mein Gefühl - und so habe ich Dich niemals lieben können , wie Du Dich geliebt glaubtest - niemals wie ihn - - und so habe ich doppelt gefehlt , an ihm , dem ich die Treue brach , und an Dir , dem ich Liebe heuchelte - ich habe Euch Beide unglücklich gemacht , Ihr müßt mir Beide vergeben , damit ich versöhnt