gute Miß Johnson besorgten meine Erziehung . Der Musiklehrer , Herr Sedlaczech , pflegte mein geringes , musikalisches Talent . Mit diesen drei guten Menschen lebte ich . Bei zehn Jahren war ich also , was den Schmerz betrift , fast durch alle Stadien des Gefühls gegangen : der Vater und die Geschwister todt , die Mutter abgestorben , und ehe ich den Bruder und in ihm den Gegenstand einer tiefen innigen und ausschließlichen Liebe verlor , hatte ich die fürchterliche Trennung aushalten müssen , die mir um so grauenhafter erschien als ich sie für die Grundursach seines Todes hielt . Die Vergänglichkeit des Lebens und des Glücks war mir in der grellsten Gestalt entgegen getreten ; aber die Unvergänglichkeit der Gefühle schien mir ein Naturgesetz . So drücke ich mich jezt aus um meine damalige Empfindung wiederzugeben , über welche ich , wie sich von selbst versteht , gar nicht reflectirte , die sich aber in dem Lebensplan offenbarte , den ich mir für meine Zukunft machte : ich wußte daß ich die alleinige Erbin eines großen Vermögens und Herrin der schönen Besitzung war auf der ich lebte . Ich wollte nie unser Schloß Engelau verlassen , mich nie von meiner kranken Mutter und von den Gräbern meiner Dahingeschiedenen trennen , ihr Andenken wollte ich durch ein frommes wolthätiges Leben ehren , gleichsam in ihrem Namen Gutes thun , mich nicht verheirathen , und jung sterben nachdem ich meiner Mutter die Augen zugedrückt . Ich nahm entschlossen den Schmerz zu meinem unwandelbaren Gefährten an . Das Alles ist entsetzlich unreif und dümmlich , ich weiß es wol ! - aber es ist doch seltsam daß das unreife Kind durch den Instinkt die Unwandelbarkeit der Gefühle als die Würde des Daseins begreift , und daß die eine wie die andre dem reifen Menschen verloren geht . Erfahrungen , o Erfahrungen ! sie sind die Entzauberer und wenn man mir spricht von der Weisheit die sie geben , so schüttele ich trübe den Kopf und entgegne : Ja ! aber um den Preis der Seligkeit ! denn Seligkeit ist Ruhe in einer ewigen Gewißheit - gleichviel in welcher , aber in einer , heiße sie Liebe , heiße sie Andacht , heiße sie Unsterblichkeit , heiße sie Fortschritt ; - knüpfe sie sich an die Erde oder den Himmel , an Gott oder die Menschen , an heilige Offenbarung oder ingeborne Ueberzeugung ; - gebe sie uns Kraft oder Geduld , Energie oder Resignation , Muth oder Frieden ; - o gleichviel ! gleichviel ! nur ruhen in einer ewigen Gewißheit .... nur glauben ! denn allein der Glaube giebt Ruhe und diese Ruhe ist Seligkeit . Also bei zehn Jahren glaubte ich an mich und richtete danach mein Leben ein . Engelau umfing und beschloß für mich die Welt ; ich wollte Alles lernen und wissen , was sich auf Gegenstände und Menschen bezog die mich umgaben . Ich war von einer fürchterlichen Wißbegier um auf den Grund der Dinge zu kommen . Durch praktische Anschauung und wo möglich durch hülfreiche Thätigkeit machte ich mich mit allen Vorkommenheiten des Landlebens vertraut . Ich verfolgte das Weizenkorn von dem Punkt wo es in die Furche gestreut , bis zu dem wo es zu einem Backwerk verbraucht wird . Auf dem Felde und der Küche wußte ich gleich gut Bescheid . Mit dem Gärtner trieb ich eifrigst die Bestellung des Gartens , Blumen- Gemüse-Obstzucht , neue Anlagen , Baumpflanzungen . Ich kannte die Angelegenheiten des Hühnerhofes und der Milchwirthschaft - aber nicht aus oberflächlicher kindischer Neugier , sondern wirklich mit dem Trieb ihr kleines Räderwerk - das mir damals unsäglich wichtig schien - gründlich zu verstehen . Schreiben und rechnen zu lernen war mir ein Greuel , und nichts bewog mich dazu als die Aussicht dereinst selbst die Gutsrechnung zu führen . Der Hofmeister ließ mich gewähren und plagte mich nicht sehr mit Schulstunden . » Sie haben Champagner im Kopf , kleine Sibylle , sagte er mir einmal , Sie müssen nur Schwarzbrot dazu essen damit Sie im Gleichgewicht und bei Gesundheit bleiben . « Und dann ging er mit mir durch die Felder und in den Wald und ans Meer , und erzählte mir die Naturgeschichte nicht aus todten Büchern sondern aus frischer freier Anschauung , so daß sich jede Erklärung mit einem Bilde verbunden in mein Gedächtniß prägte . Das nannte er » Schwarzbrot « , der liebe freundliche Mann , weil ich es ohne dürre Ceremonien von Schulzwang genoß ! Ach , für mich wäre Umgang mit Kindern , mit Altersgenossen und Spielgefährten , das wahre gesunde » Schwarzbrot « gewesen ! - Die gewöhnlichen Kinderspiele kannte ich nicht ; mit Puppen langweilte ich mich . Ich selbst war eigentlich Heinrichs Puppe gewesen und hatte mit ihm die Spiele getrieben , die ihm zusagten und die weit über mein Alter hinaus gingen . So konnte ich mich auch unmöglich mit einer Puppenküche befassen , nachdem ich in unserer Küche schon ganz ernsthaft Hand angelegt und manchen Pfannkuchen verbrannt hatte . Mein Onkel schickte mir eine solche zum Weihnachtsgeschenk . Alles Geschirr darin war von Meissner Porzellan und auf Spiritus konnte darin gekocht werden . Ich betrachtete sie mit Interesse - ungefähr so wie ich später einmal das Coliseum in Kork gearbeitet betrachtete - und stellte sie als eine recht merkwürdige Nachahmung der Wirklichkeit in meinem Zimmer auf . Ach ! das Kind muß zwischen Seinesgleichen in der Kinderstube aufwachsen ; da ist der Erdboden und der Horizont wie sie für die schwache Pflanze taugen . Meine Kinderstube aber war Engelau und zwischen alternden Menschen wuchs ich einsam auf ! Von der Wiege an bin ich über ein Paar Stufen der Lebensentwickelung hinweggerissen , und so kommt es daß ich zwar ein Kindesalter , doch keine eigentliche Kindheit gehabt habe . Bei zehn Jahren war mir zu Muth als müsse ich das Leben meiner Dahingeschiedenen fortsetzen und das meiner Mutter ergänzen . Es vergingen Tage in denen ich sie