. Als die Thüre sich hinter ihr schloß , warf sich Leonce stürmisch in die Arme seines Bruders . » Glücklicher , Glücklicher ! « rief er - » Dir haben die Engel in der Wiege gelacht , als sie Deiner Zukunft dies Geschenk verhießen ! Dich trennten keine Vorurtheile , keine Launen des Zufalls von dem einzigen und höchsten Wunsche Deines Herzens ! « » So ist es , Leonce , « sagte der Marquis fast verlegen über diese Rede - » und ich hoffe , wir sind beide unter guten Zeichen geboren ; auch Du wirst glücklich werden . « Leonce schüttelte leise den Kopf . Beide trennten sich zu den nöthigen Anordnungen der Abreise . Die Strahlen der Frühlingssonne erhellten die keimende , knospende Erde , und schienen das Geschäft ihrer Entwickelung mit dem Eifer eines Gebers zu betreiben , der sich seines Reichthums bewußt ist und das Glück , womit er den Bedürftigen überschüttet , zu sehen trachtet . Fast hätte man von Stunde zu Stunde die Blätter und Halme zählen können , die sich aus ihren warmen Strahlen zu erschaffen schienen , und ein Tag verhieß schon für den nächsten die süßesten Wunder . Wir finden ein Auge in dem Bereiche , dem wir uns nahen , das mit besonders theilnehmendem Ausdrucke diesem Naturtreiben zusah , und Geist und Herz daran zu erquicken trachtete . In einem von der Sonne erwärmten Gartensaale saß in der offenen Thüre Franciska , Gräfin d ' Aubaine , in friedlicher Stille und Einsamkeit . Die breiten Buchen- und Lindenwege , die Ardoise zieren und den Park mit dem kleinen Flecken , der dazu gehört , durchschneiden , gaben mit ihren durchsichtigen hellgrünen Blättchen schon eine feine Schattenlinie auf die dazwischen durchblickenden Wiesen und Rasenplätze , die vom Schlosse aus durch jene phantastisch geschnittenen Hecken unterbrochen waren , welche die Architektur fortzupflanzen trachten , den wirklichen Gestaltungen der Natur entgegen tretend . Das alte Herrenhaus von Ardoise lehnte seinen Rücken gegen die wildreichen Wälder dieser schönen Besitzungen , und trennte und schützte es gegen die an seinen Grenzen hinlaufende Landstraße . Es hatte daher den doppelten Vorzug einer ungestörten Einsamkeit und einer leicht zu unterhaltenden Kommunikation mit den nahe liegenden Ortschaften und Nachbargütern . Die Gräfin d ' Aubaine wußte jetzt beide Vorzüge wohl zu schätzen , wenn in früheren Jahren eine bestimmte Richtung ihres Innern ihr den ersteren als den vorherrschendsten bei der Wahl ihres Aufenthaltes hatte erscheinen lassen . Bis zum Tode ihrer Aeltern hatte sie abwechselnd hier und auf deren Stammschlosse Mont Réal gelebt . Dies war ihrem Bruder zugefallen , und nachdem sich auch ihre jüngste Schwester , die Mutter der Marquise d ' Anville , an den Grafen Maurepas vermählt hatte und dessen Güter bewohnte , zog die Gräfin Franciska vor , in Ardoise ihren Wohnsitz zu nehmen . Sie war unvermählt geblieben - und ohne , daß über die Erlebnisse ihrer Jugend etwas Bestimmtes bekannt gewesen wäre , genoß sie von Aeltern , Geschwistern und Freunden die stille ehrende Schonung , mit der man das unverschuldete Mißgeschick betrachtet , und die Fügsamkeit in ihren Willen , die man so gern den kleinen Rettungsmitteln widmet , womit ein blutendes , aus dem natürlichen Kreise des Lebens verschlagenes , Herz sich zu schützen sucht . - Auch war die Rücksicht , die sie unaufgefordert ihren Angehörigen auferlegte , keine schwer zu leistende . Ihre Seele war durch das Erlebte den schönen Gang einer wahren Resignation gegangen ; losgelöst von eignen Hoffnungen und Wünschen , suchte sie sich in keiner äußeren Erscheinung mehr , und war um so hingebender und theilnehmender für die Zustände um sich her . - Selbst ihr vorherrschendstes Bedürfniß : Ruhe , befriedigte sie nie auf Unkosten einer freundlichen Hingebung an die gelegentlichen Anforderungen , sich gesellig zu erweisen - und die ganze tiefe umfassende Erfahrung des Unglücks , die ihr geworden , diente ihr nur , ähnlichen Zuständen mit Rath und Theilnahme zu begegnen . Sie kannte keine größere Wohlthat , als den Anblick glücklicher Menschen , sie nannte sich scherzend darin eine Epicuräerin , und ließ nicht ahnen , wie sie das Unglück aufsuchte und sich ihm hinzugeben verstand , wenn um sie her in dem weitläufigen Schlosse der Frohsinn zu herrschen schien , den sie sowohl zu wecken und zu unterhalten verstand . Ihre eigene , frühzeitig von Kummer gezeichnete Gestalt konnte nicht mehr das zeigen , was sie gern bei Andern sah . In der Mitte des Lebensalters , trug sie doch das Ansehn einer Matrone ; nur ihre hohe Gestalt war fein und schlank und von dem edelsten Anstande getragen . - Die einst so schönen braunen Locken waren schon in Silbergrau verwandelt und bildeten den Uebergang zu dem völlig erblaßten stillen Angesichte , dessen tiefgedrückte Augenbrauen und niedergezogene Mundwinkel die rührenden Züge eines Kummers darstellten , der Zeit gehabt hatte , die reichste Schönheit zu seiner Repräsentantin umzuwandeln . Sie trug immer einfache schwarze Kleidung , und die Mode ging unbeachtet an ihr hin , wie sie es unbeachtet zuließ , daß ihre alte Kammerfrau von Zeit zu Zeit in nicht störenden Anordnungen ihr nachzukommen suchte . Angebetet von ihren Dienstleuten , war sie das Kleinod der Familie , und wie man einen kostbaren Schmuck wohlverwahrt läßt , seinen täglichen Genuß nicht wagend , sich des schönen Besitzes sicher wissend , so unterbrachen alle die heilige Ruhe der Tante nur selten , des erwärmenden Gefühls gewiß , daß sie ihnen lebe , sich ihnen nie zu entziehen strebe . Diese stille Abgeschiedenheit sollte jedoch eben an dem Tage , wo wir uns in Ardoise einführen , eine kleine Umwandlung erleiden , denn die Gräfin d ' Aubaine war in Erwartung einer jungen Gefährtin ihrer künftigen Tage . Der frühe Abend hatte sie in ihre oberen Gemächer geführt , wo die leichte Glut eines Kaminfeuers und der helle Schein der Kerzen noch die Beschäftigungen des Winters zurückrief . Einige Stunden später fuhr ein verschlossener Reisewagen mit den Livreen