mit der Tochter des Hauses begann . Sie saß neben ihrer Mutter unter den Zuschauerinnen , und folgte mit denkenden , ruhigen Augen dem bunten Gewühl ohne sich in seine Kreise zu mischen . Auch ihre Kleidung war ihm auffallend . Verhüllt von den Sohlen bis zum Kinn in ein dichtes weißes Gewand , hätte es nur noch eines Schleiers über das dunkle Haar und das ernste Gesicht bedurft , um sie in eine Bildsäule der Ists umzuwandeln , zu deren Ehrfurcht gebietender Würde Scherz und Muthwillen sich nicht zu erheben wagten . Als der erste Tanz geendigt war , nahte er sich ihr , sie zum zweiten aufzufordern . Mit einem ihm freudig scheinenden Erröthen nahm Erna seine Bitte auf , jedoch ohne sie zu gewähren . Sie sagte ihm nämlich , daß sie nie getanzt , und auch nie Unterricht in dieser Kunst gehabt habe , weil die auf dem Lande so seltene Gelegenheit , sie zu erlernen , sich gerade zu einer Epoche getroffen , als ihre Mutter besonders leidend gewesen sei , daher es ihr sowohl an Zeit als an Lust gemangelt habe . Da nach dieser Erklärung seine Blicke , so wie seine Unterhaltung sie wieder in jene Verlegenheit versetzten , die ihm in ihrer Seele so peinlich war , so brach er ab , und kehrte zum Tanz zurück , dessen Freuden er sich mit der ganzen Lebendigkeit seines Charakters überließ . Von Zeit zu Zeit sagte ihm aber ein Blick , den er auf Erna warf , und dem jedesmal ihr Auge begegnete , das sie dann von dem seinen ergriffen , voll Verwirrung senkte , daß sie , ohne mit ihm zu tanzen , doch nur mit ihm beschäftigt sei . Er suchte ihr diesen schweigenden Antheil durch manche zarte Aufmerksamkeit zu vergelten , theils , um sich das Wohlwollen seiner Tante zu erhalten , das auf einer freundlichen Hinneigung zu Erna hauptsächlich zu beruhen schien , theils weil es wirklich seiner Eigenliebe schmeichelte , das keimende Interesse zu bemerken , das er , immer zunehmend in dem jungen unerfahrenen Busen erweckte . Die Gesellschaft , welche vielleicht schon vorher von einer vorhabenden Verbindung gehört hatte , die man beabsichtigte , behandelte die Auszeichnung , mit der er ihr begegnete , als den Tribut einer privilegirten Bewerbung , und war bemüht , beiden jene schonenden Rücksichten zu beweisen , durch die man gewöhnlich einem angehenden Brautpaar Gelegenheit giebt , sich einander ungestört zu nähern . Kein Wunder , wenn Erna ' s argloses , zum erstenmal von der Liebe wie von einem süßen Rausch befangenes Herz anfing , dem Traume des Glücks Realisirung zuzutrauen , in den die offenen Mittheilungen ihrer Mutter , die Anspielungen ihrer ganzen Umgebung , und vor allem Alexanders ehrerbietig inniges Betragen sie wiegte . VII Auch Frau von Willfried ordnete ein ländliches Fest in Seedorf an , Alexandern zu erfreuen , und hier , im gewohnten Kreise , thätig an der Mutter Statt die Pflichten der Hausfrau ausübend , erschien Erna vortheilhafter , als in den Circeln , wo sie als Gast auftrat . Denn hier , in Geschäftigkeit und freundlicher Fürsorge sich selbst vergessend , schwand die Verlegenheit welche dort so leicht ihr ihre Unbefangenheit raubte . Haus und Garten waren nicht eben groß , aber der stille Geist der Ordnung , der allenthalben waltete , schien jeden Raum zu erweitern und zu erhellen , und heiter das Gemüth ansprechend , begegneten überall in sinniger Anordnung dem Auge Spuren des nützlichen Wirkens und der verschönernden weiblichen Umsicht , die mit Bescheidenheit verbunden dem häuslichen Leben einen so liebenswürdigen Charakter ertheilen . Auch daß Wohlwollen und menschenfreundliche Güte hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatten , verrieth unwillkührlich der Ton des Ganzen , obgleich Erna sichtbar strebte , die unendliche Innigkeit mit der alle Hausgenossen ihr begegneten , den Blicken der Fremden zu entziehen , da sie ihrer Demuth nicht als ein Zoll , der ihrem inneren Werth gebührte , sondern als eine unverdiente Gunst erschien . Menschen und Thiere huldigten hier nur ihr , und zwar nicht als stolze Herrin , von deren gebietender Willkühr sie abhingen , sondern Milde und Güte umwebten sie gleichsam mit einer Glorie , in deren Strahlen sich Lieb und Zutrauen gerne sonnete . Es sah fast lächerlich aus , als man zu einem Spaziergang sich anschickte , und das Fräulein auf Befehl ihrer Mutter an Alexanders Arm als Wegweiserin den Zug eröffnete , daß der ganze Hühnerhof in Bewegung gerieth , und mit ausgespreiztem Gefieder , schnatternd , krähend , gluchzend und pipend , wie die Verschiedenheit der Naturen nun eben wollte , - theils empfangener Wohlthaten eingedenk , theils neue Spenden von Erna ' s freigebiger Hand erwartend - hinter ihr drein lief , bis sie , schnell zurückeilend , und ein Körbchen mit Waizen holend , die zudringlichen Begleiter seitwärts lockte , um während des augenblicklichen , sinnlichen Genusses , den sie ihnen streute , ungehindert ihren freundlichen Verfolgungen zu entkommen . Weniger leicht abzuweisen waren die Tauben , die von ihrem Schlage leise in malerischen Schwingungen herabschwebten , ihre Gönnerin umkreiseten , sich ihr auf die Schultern setzten , oder dreist zu ihren Füßen niederließen , und als sie sanft seitwärts geschoben wurden , sich wieder erhoben , um einige Schritte weiter dasselbe Schauspiel zu erneuern . Als aber auf dem Gang durchs Dorf die Kinder mit dem gegenseitigen Zuruf : » Fräulein Ernchen kommt « einander gewissermaßen das Signal gaben , ihr entgegen zu laufen - als jedes ihr eine Patschhand reichen , jedes ihr folgen wollte - als Männer und Weiber die Arbeit ruhen ließen , mit herzlichem Gruße ihr entgegen und nachzuschauen - als auch die abgelebten Alten aus ihren Häusern traten , sich an der Frühlingssonne ihres milden Blickes zu erwärmen , ihr freundlich zunickend , ihr Segen nachwünschend - da gestand sich Alexander selbst im Stillen ein , daß es ein ungewöhnlicher Grad von Güte seyn müßte , den eine so allgemeine und innige