darüber hin . Ueberall betrachtete er in dem Ort nicht sowohl die Hauptstadt Frankreichs , als vielmehr den Brenn- und Scheidepunkt ungeheurer Reibungen , die sich hier sichtend , befriedigt und vollständig in die ruhige Natur ihrer Bestimmung zurücktreten müßten . Die wechselnden Berührungen so verschiedenartiger Elemente , fuhr er fort , können schon an sich nicht kalt lassen , zudem spiegeln sich die großen Ereignisse in eines jedem Dasein eigenthümlich zurück , und wenn man acht darauf hat , werden Kunst und Leben eben nicht zu kurz dabei kommen . Alonzo hatte ihn unter dem Reden aufmerksam beachtet . Es ging ein leises , weiches Minenspiel über sein jugendlich braunes Gesicht , das die Züge höchst angenehm belebte . Um den Mund vorzüglich schwebte ein feines sittiges Lächeln , in welchem sich Güte und Schalkheit wunderbar mischten . Er öffnete die Lippen nur wenig , wenn er sprach , doch ohne den Ton zu pressen , schlüpften die Worte behend , wie leichtfertige Boten darüber hin , während sich der kaum hervorgelockte Bart wie ein ernster Wolkenstreif darüber hinzog . Die Augen waren den stillen Grubenlichtern zu vergleichen , die in ihrem dunklen Glanz sicher in tiefe Schachten dringen , ohne durch flackernden Schein die Sinne zu irren . Er trug sich wohl und edel , ob er gleich weder groß noch hervorstechend gebauet war . Gestalt , Ton und Geberde , alles an ihm verkündete innere Uebereinstimmung , die in ihrer leisen , biegsamen Sicherheit nichts abwehrt und sich immer bewahrt . Es war nicht leicht möglich den bildenden Künstler in ihm zu verkennen . Auch erfuhr Alonzo bald im Laufe des Gesprächs , daß er Mahler sei , Philipp heiße und als Freiwilliger nur für die Kriegszeit Soldat geworden , jetzt in die stille Künstler-Laufbahn zurücktrete . Beide schieden darauf mit dem Versprechen , einander wieder aufzusuchen . Als nun Alonzo einen herrlichen Barber Hengst bestieg , der draußen am Thore auf ihn wartete , blieb Philipp mit untergeschlagenen Armen vor ihm stehn , und sagte lächelnd : Alonzo gebe ihm das Bild zu einem ritterlich maurischen Helden der alten Spanierwelt , auch spüre er etwas von der eifersüchtigen Gluth in seinen Augen , er wolle sich hüten , ihm in den Weg zu treten . Alonzo sah sich nicht ungern in jene Zeit zurückgewiesen , und als Philipp schalkhaft grüßend , in eine Seitengasse bog , blickte er ihm mit einer Befriedigung und einem Wohlwollen nach , wie er es lange nicht in dem Maaße empfanden hatte . In dieser erhöheten glücklichern Stimmung ritt er ganz behaglich durch den kühlen Abend hin , ohne sonderlich von dem lästigen Schwarm umher gestört zu werden . Die Nähe liebenswürdiger Menschen hebt uns immer eine Zeit lang über uns selbst hinaus , und trennen wir uns nun , so glimmt und dämmert das Herz noch eine Weile in sich fort , ohne daß wir uns gerade davon Rechenschaft geben . Wir können nicht sagen was in uns vorgeht , wir lassen das Unbekannte eben walten . Alonzo erging es nicht anders . Die duftigen , verschwimmenden Abendlichter schienen sich in seinem Innern zurückzuspiegeln , er träumte so nachempfindend fort bis ihn das ganz unerträgliche Gedränge an den Boulewards hin , alle zehn Schritt einmal zwang , seinen unruhigen schnaubenden Barber anzuhalten . Das stolze Thier warf ungeduldig den Kopf in die Höhe , und machte mahl auf mahl Mine , über alles das wegzusetzen , Alonzo mußte in einem Strafen und Zügeln bleiben . In diesem unbequemen Geschäft ärgerte ihn so viel zwecklose Beweglichkeit , das heisere Durcheinanderschreien , die Fremden , die sich nach dem Größterlebten in eingefleischtem Vorurtheil , zu dem Unbedeutenden drängen konnten , die vergiftende Thorheit , der Schmutz , die Sünde doppelt und dreifach , und er würde es dem Barber just eben nicht verdacht haben , wenn er den Boden aufwühlend all der geschäftigen Verdorbenheit ihr Grab gegraben hätte . Im höchsten Unwillen hielt er hart an einem kürzlich eingeäscherten Hause . Tanzende Affen , Leierkasten , Marionetten , Sträußermädgen und Betteln der Invaliden , Hundecomedien und Vaudeville-Sänger , alles schwirrte , gaukelte und preßte sich an ihm hin . Auf einem niedergebrannten Pfeiler dicht neben ihm saß ein braunes Mädgen von zartem Alter in knappem blauen Kattunhemd und drüber hingeworfenem dunkeln Mantel , dessen Risse und Schlitzen und abgetragene Wolle eine weitläuftig überkommene Erbschaft verriethen . Neben ihr kauerte sich ein altes , dürres Mütterchen fröstelnd zusammen , die blinden Augen in der Kleinen Schoos gedrückt . Diese sang in demselben leiernden Ton , die gefaltenen Hände von Zeit zu Zeit mit auswendig gelernter , zur Gewohnheit gewordener Geberde gen Himmel hebend ; um Gottes und des Heilands Liebe willen , für eine arme Blinde ein paar Sous . Alonzo warf ihr Geld hin ! Das Kind stand auf und verneigte sich , indem sie ihr : Herr , Gott wird es Ihnen vergelten : eben so nothwendig , eben so eintönig wie die frühern Worte hersagte . Die Alte aber , vom Klange des Geldes aufgeweckt , richtete sich in die Höhe und mit den geschlossenen Augen mühsam zu Alonzo hinaufblinzelnd , rief sie : das schönste Herz Frankreichs wird so viel Großmuth lohnen . - Alonzo schauerte zurück , theils vor dem gespenstischem Anblick des Weibes , theils vor der unwillkommenen Prophezeihung . Er wandte sich mit einiger Heftigkeit , doch die Blinde reckte sich , auf den Schultern des Mädgens gestützt , zu ihm hin , indem sie sagte : Bereuen Sie es ja nicht , wenn es Sie übereilte , es ist auch zu Ihrem Glück . Alonzo glaubte , sie fasele , er wußte im Grunde nicht recht was sie wolle , das eben ängstete ihn . Er spornte sein Pferd an und theilte in ein paar wilden Galoppsprüngen die gaffende Menge , die bewundernd nachrief : herrlich ! herrlich ! auf Ehre echt englisch ! - Die Thoren ! dachte Alonzo , ohne im Herzen ganz