die Welt hinstellen und wenden wie er will , das Alte kehrt ihm nie in seiner vorigen Gestalt zurück . So kam dem Marquis grade dasjenige , was er bewahren wollte , die gewohnte Weise , nicht in dem vorigen Takt und Maaße wieder . Mit dem müßigen Zusehn des Aussenlebens war es vorbei ! Jene großen , allgemeinen Fragen über Natur und Menschenleben wanden sich in immer engern Kreisen zu einem ganz kurz gesteckten Zielpunkte zurück . Seine Orakelbeschwörungen klangen bald anders . Unwillkührlich schloß Frankreichs Boden die Welt in sich , das eigene , enge Dasein umfaßte die große Angelegenheit der Menschheit , und ewig fortschreitende Zeitentwickelungen wurden zu Heut und Morgen . Was einmal geschehen war , konnte wiederkehren ; und bei weitem gewaltsamer , frecher , Freiheit und Leben bedrohender . Deshalb mischte sich Unsicherheit und Zagen in alle Vorstellungen des Marquis . Er konnte nicht mehr allein sein . Bertrand durfte ihn nicht verlaßen , ja er verschmähete es nicht , mit diesem zu reden , und Fragen über die Tagesneuigkeiten an ihn zu richten , welche die innere Unrnhe seines Gemüthes deutlich genug offenbarten . In dieser Stimmung erhielt er eines Tages eine Botschaft von der Aebtissin jenes Klosters , in welchem seine Töchter ohnweit Lyon erzogen wurden . Sie meldete ihm durch einen Köhler , welcher das Klosters Heitzung früher gepachtet hatte , daß die Gewalt auch in ihrer Provinz von neuem siege , daß sie seinen Kindern länger keinen Schutz zusichern könne , und selbst , einzig unter Gottes Schutz flüchtend , ihr Vaterland zu verlaßen gesonnen sei . Der Köhler setzte hinzu , die bedrängte Unschuld habe wohl Schande und Uebermuth zu fürchten , da unzählige Opfer täglich unter dem blutigen Beile des Henkers fielen , Andere , durch die Kriegesgeißel vertrieben , unstät umherwanderten , oder in Hunger und Noth verkämen , er selbst sei mit Frau und Kind auf dem Wege nach den Savoyer Gebirgen . In Chambery habe die Frau einen Bruder wohnen , dort wollten sie noch ein Stückchen Erbschaft holen , und dann vielleicht nordwärts nach Deutschland wandern , wo die Menschen doch einen Gott und einen Glauben hätten . Des Mannes verkümmerte Gestalt , die Schatten , die bei den trüben Worten , wie Schreckenserinnerungen , über sein bleiches Gesicht hinfuhren , und mehr als alles , die Hindeutung auf schamloses Entweihen zarter , geheiligter Unschuld , sprach mit unwiderstehlicher Gewalt zu dem Herzen des Marquis . Das Entsetzen , die Angst , gaben ihm augenblicklich Kraft und Entschluß . Es galt die Ehre seines Hauses , er konnte nicht zögern . So wollte er sich denn aufraffen und seine Töchter retten , die er nicht kannte , an die er seit siebzehn Jahren zum erstenmal in einem einzigen , alles beherrschenden , Gefühle dachte . Er zitterte vor Ungeduld , war ganz Feuer , Muth und That , plötzlich allen bänglichen Rücksichten vorübergeflogen . Er selbst verstand sich nicht , und glaubte , eine unsichtbare Gewalt handle durch ihn , um so mehr , da er sein Vorhaben durch des Köhlers Bereitwilligkeit , dessen Zuhausesein in der jetzigen Welt , seinen wackeren Sinn und thätigen Eifer , unerwartet erleichtert sah . Das Kloster war nicht über funfzehn Stunden vom Schlosse entfernt . Der Köhler ließ sich sogleich willig finden , den Marquis dorthin zu begleiten , der niemand die Sorge für seine Kinder anvertrauen wollte , je furchtbarer der wildeste Aufruhr grade in diesem Zeitpunkte durch ganz Frankreich raste . Vorzüglich erzitterten die südlichen Departements unter den Doppelschlägen inländischer und auswärtiger Feinde . Die Königsgesinnten hoben , durch Schmerz und Verzweiflung getroffen , einen Augenblick die gebeugten Häupter , Toulon war in den Händen der Engländer , Portugiesen und Spanier hatten Fuß gefaßt bis jenseits Perpignan , Lyon trotzte Gefahr und Tod , aber Carnot schoß Feuerflammen in die Herzen der Republikaner . Aus Savoyen strömten die Truppen , welche es unter Montesquiou besetzten , zurück - Tod und Blutgier waren losgelaßen , der Würgeengel ging vor beiden Partheien einher , nichts sollte bestehen , die Erde arbeitete ein neues Leben aus den Blutwellen herauf . Durch alle diese Schrecken sah der wachgeschüttelte Vater mit steigender Ungeduld der Rettung seiner Kinder entgegen ! Deshalb hatte er auch keinen Augenblick länger Ruhe . Die Luft im Schlosse schien ihm das Herz zusammenzudrücken , überall wo er sich hinwandte , was er anfaßte , traf es ihn wie mit elektrischen Schlägen ! Er trieb und drängte demnach mit solcher Heftigkeit , daß in wenigen Stunden alles berathschlagt , eingerichtet , und zur Abreise bereit war . Viertes Kapitel Der Morgen dämmerte kaum , als sich der Marquis in der allerwunderlichsten Stimmung , von Schmerz und Erwartung zerrissen , mit den Waffen des stolzesten Muthes im Innern , und den gehörigen Vertheidigungsmitteln von Außen versehen , in den Wagen warf , und nachdem er des Köhlers Frau , nebst ihrem Kinde , Bertrands Pflege empfohlen hatte , mit seinem rüstigen Begleiter in Gottes Nahmen die Reise antrat . Aber es war nicht das ehemalige Frankreich , noch dessen vorige Bewohner , welche die alte , ewig gekannte , Sonne beschien ! Weder Dörfer noch Felder und Wälder sahen sich ähnlich . Ganze Ortschaften lagen eingeäschert , oder standen leer ; aus zerschlagenen Thüren und Fenstern klafften blutgefleckte Wände schreiend hervor . Nirgend hatte die Pflugschaar ihre segensreiche Furchen gezogen . Die Kammern der Reichen waren aufgerissen , geiler Ueberfluß verscheuchte Fleiß und Betriebsamkeit und den stillen Genuß sittigen Erwerbs . Die Aecker lagen aufgewühlt , zerstampft , tief gleisete Wege führten achtlos darüber hin . Auf den Weinbergen rankte sich ein wild wucherndes Gewächs zwischen überhangendem Unkraut hin , Planken und Pfähle waren ausgerissen , Winzerwohnungen umgestürtzt , die schwellende Traube schüttete ihren Segen in den Schooß der Erde , keine Hand wollte sie pflücken , in keinen Becher perlte der bescheidene Most , so lange reiche Keller ihre Schätze hergaben und schäumende Feuerströme das trockene Gehirn