Maria ist seit vier Wochen unter meinem Schutze , und Iwanova noch mit keinem Worte unterrichtet . Ohne Zweifel würden mir die Höflinge zuvorgeeilt seyn , läge ihnen nicht alles daran , Iwanovens Aufmerksamkeit ausschließend für den schönen R ... zu gewinnen . Auch gelingt es ihnen über Erwarten , so , daß sie sich des lauten Frohlockens kaum enthalten können . Möchten sie doch ihren Sieg allenthalben verkündigen ; wüßte Iwanova nur , was ich ihr , sicher zu meinem Nachtheile , so lange verschwieg . Will ich wahr bleiben , so muß ich gestehen , über den eigentlichen Grund dieses tadelhaften Stillschweigens nicht mit mir einig zu seyn . Bald war es Furcht Iwanovens Schmerz zu errneuern , bald die Angst Maria , die Schuldlose ! irgend einer Gefahr Preis zu geben , bald wähnt ' ich - freylich nur augenblickliche Täuschung - gänzliches Schweigen sey dennoch das sicherste . Welchen von allen diesen Gründen werde ich nun als den wahren angeben ? - Alle ! denn sie sind alle wahr ! Und so erwarte ich dann keine Gelegenheit mehr , sondern rede noch heute , wie es mir ziemt . Lebt wohl ! Mein Leben war nichts , als ein Kampf , und wird es bleiben . Noch hat sie nicht den Muth , mich warten zu lassen . Ich bekam schneller Gehör , als die Mienen der Höflinge versprachen , und eilte , Gebrauch davon zu machen . Treu und lebhaft schilderte ich ihr meine Verlegenheit , klagte über mein fehlerhaftes Betragen und gestand , es könne mir mit dem vollen Scheine des Rechts zur Last gelegt werden . » Sey ruhig ! « - unterbrach sie mich , mit erzwungenem Lächeln - » die Rechtfertigung wird dir erlassen . Du hast die Tochter eines Verwiesenen in Schutz genommen . Das arme Geschöpf wird seiner bedürfen , und dir aus Dankbarkeit eine treue Magd werden . « Es ist die Tochter des Grafen P .... Nun ja ! des verwiesenen Grafen P .... Der von allen Rechtschaffenen geliebt und verehrt , dennoch einer schändlichen Kabale unterliegen mußte . Er war unbesonnen und verscherzte die Gnade seines Monarchen . Ach , er wurde verkannt von seinem unglücklichen Monarchen ! Er war edel und wahr ! und so mußte er fallen . Du verschwendest dein Bedauern ! spare es für deine Untergebene . Monarchin ! dieses Wort soll mich schmerzen - doch fühl ' ich keinen Schmerz . Maria P .... ist Niemands Untergebene und kann es nicht werden , so wenig Iwanova es werden kann . Verschwunden war die künstliche Fassung . » Entferne dich ! « - rief sie glühend vor Zorn , und ich entfernte mich gern . Iwanova ' s Zorn schützt Maria vor dem gefährlichen Glücke , bey Hof erscheinen zu müssen , und befreyt mich von einer Menge ängstlicher Sorgen . Du schöne , zarte Blume ! blühe fort in Einsamkeit ! Möge kein Sturm dich bedrohn ! - Meine angelegentlichste Sorge wird es seyn , dir Licht und Freyheit zu erhalten . Das himmelreine Wesen ! Wie der bloße Anblick meine umdüsterte Seele erheitert ! Wie Vergangenheit und Zukunft vor mir schwindet ! Wie tiefer , seliger Frieden mich rings in ihrer Nähe umfängt ! Nur fern von Getümmel der Stadt , und ihrer verderbten Sitte , war es möglich , diesen heiligen Kindersinn zu bewahren . O Maria ! Maria ! wer ihn nur trübte ! Ich hatte gestern mit ihrer Pflegemutter eine lange Unterredung darüber . Sie wähnt , Maria trete nun in die Jahre , wo gewisse Anstandsregeln unvermeidlich wären . Das Entgegeneilen , mit ausgebreiteten Armen , sey doch von nun an nicht mehr schicklich . Man könne uns für Verlobte halten . Und wenn man uns dafür hielte ? Sie dürfen es wahrscheinlich nie werden . Weswegen ? Das fragt mich Fürst Alexander ? - Allerdings . Nun so bitte ich , daß er sich selbst darauf antworte . Das würde doch nur meine , nicht Ihre Antwort seyn . Liegt Ihnen an meiner Antwort ? Würde ich sonst darum bitten ? Wohlan denn ! Iwanova herrscht in diesem Reiche . So lang Fürst Alexander darin lebt , wird er sich nie vermählen dürfen . Ich bin ein freyer Mann und kann leben , wo ich will ! Ah das verändert die Sache ! Ich rechnete nicht auf einen so festen Entschluß . Konnten Sie einen andern erwarten ? O ja ! ich konnte glauben , Fürst Alexander wolle und dürfe Maria nur Vater seyn . In der That war das bis diesen Augenblick mein Wille ; aber es war mein freyer Wille . Ich hoffe sie jetzt davon überzeugt zu haben . Gebe der Himmel , meine Ueberzeugung möge hinlänglich seyn , Mariens Ruhe zu schützen . Was fürchten Sie ? Ist mir statt der Antwort eine ähnliche Frage erlaubt ? - Was fürchtete Fürst Alexander vor nicht gar langer Zeit ? denn daß er fürchtete , war sichtbar . Er fürchtete , den Schein irgend einer Schuld auf sich zu laden . Nicht die Schuld selbst ? Wo wäre hier Schuld ? Ich schweige . Und möchten Sie hinzusetzen : ich bin ruhig . Mutter meiner Maria ! seyn Sie es ! Vertrauen Sie einem Manne , der weiter nichts beschließt , als in jedem Verhältnisse ein Mann zu seyn und zu bleiben . Ist das so außerordentlich ? Bey Fürst Alexander ist weder das Große , noch das Schöne außerordentlich . Ich danke Ihnen für die Schmeicheley ! möge sie Wahrheit werden . Nur wenn Sie mich Ihres Vertrauens würdig glauben ; versagen Sie mir nicht meine Bitte ! Lassen Sie uns Mariens Unbefangenheit als heilig betrachten ! Sie ist es . Auch würden wir ihr das Unersetzliche rauben . - Ich könnte Sie zu rühren versuchen , könnte Sie beschweren , mir nach einem arbeitsvollen Tage , dieses Labsal nicht zu versagen . Aber Sie fühlen wohl , daß ich das nicht