Behauptungen nachzudenken , sieht man ihre Unstatthaftigkeit ein . Ich weiß übrigens wenig - beinahe nichts von ihm ; denn mit mir spricht er nicht viel . Ich stehe viel zu tief unter den hohen Idealen der Lucretien , Portien u.s.w. , die seinem Geiste vorschweben . Schon der erste Eindruck , den ich auf ihn machte , muß höchst ungünstig für mich gewesen seyn . Mein Vater führte ihn zu mir , als ich eben - ich muß gestehen - ziemlich nachlässig gekleidet , und ein milesisches Mährchen1 in der Hand , auf meinem Ruhebette lag . Welch ein Abstand von jenen Matronen ! Welche Versündigung an seinen Grundsätzen ! Wie könnte ein so leichtfertiges Ding vor so strengen Augen Gnade finden ! Du wirst dein Glück bei ihm machen - und ich - werde dich sicher nicht beneiden . Eins habe ich an ihm bemerkt , und es sollte mir leid thun , wenn ich richtig gesehen hätte ; denn bei allen seinen Sonderbarkeiten halte ich ihn für einen achtungswürdigen Mann . Er scheint einen geheimen Kummer zu haben . Diese trübe Ansicht des Lebens , diese strenge Abneigung von allen Freuden der Welt und der Jugend ist bei einem geistvollen , im Schooße des Glückes gebornen jungen Manne sonst nicht zu erklären . Auch bestätigen manche seiner Aeußerungen diese Vermuthung . Wenn sie gegründet wäre - wie gesagt - es würde mir sehr leid thun . Erkundige dich doch darüber bei Tiridates , und schreibe mir noch , ehe du Bajä verlässest . Leb ' wohl . Fußnoten 1 Milesische Mährchen hießen die kleineren Erzählungen und Romane jener Zeiten , deren Gegenstand die Liebe , und nicht immer die platonische war . 4. Agathokles an Phocion . Rom , im Jänner 301 . Ich bin in Rom . Daß ich dir seit meinem Aufenthalte von vierzehn Tagen noch nicht geschrieben , mag die Neuheit der Dinge , die mich umgibt , und ihre Einwirkung auf mich entschuldigen . Daß ich aber hier jene Heiterkeit und Fröhlichkeit nicht gefunden habe , und nicht finden werde , die man sich in Nikomedien für mich versprach - das fühle ich . Auch ist Rom vielleicht unter allen Orten der Welt gerade derjenige , wo ich am wenigsten genesen werde . - Bin ich denn aber krank ? Man bildet es sich ein , weil ich nicht leben kann , wie die Uebrigen um mich herum . Ihre Verkehrtheit macht mich seltsam - ihre Thorheiten mich streng und unverträglich erscheinen . Nicht , daß ich das Ungeheure , das Unmögliche fordere ; aber daß Wahrheit und Tugend , Zucht und Sitte ihnen unmöglich scheint , das ist der eigentliche Grund unseres Streites . Das Jahrhundert ist krank , nicht der , der kühn genug ist , mit voller Kenntniß der bessern Vergangenheit es so zu nennen . Wie soll ich es unter diesen Menschen aushalten ! Mit der Beschreibung meiner Reise zu Wasser und zu Land will ich dich , aus Achtung für deine Zeit , verschonen . Dir genügt zu wissen , daß ich gesund und mit recht heitern offenen Sinnen in der Hauptstadt der Welt ankam . Der Genuß der unbeschränkten Natur , die Unendlichkeit des Meeres , die Freiheit meiner Muße hatte mich froh und für jeden guten Eindruck empfänglich gestimmt . Dir , dem Lehrer meiner Jugend , dem keine meiner Empfindungen fremd ist , darf ich gestehen , daß ein seltsames Gefühl mich ergriff , als unser Schiff in die Mündung der Tiber einlief , und nun bald der Schauplatz jener großen würdigen Scenen , die mein Gemüth von Kindheit an ergriffen hatten , vor mir erscheinen sollte . Es glühte in mir , meine Brust schlug stärker . So kam ich in Rom an . Von der Höhe des Kapitols schienen die Manen der großen Vorfahren herabzuschweben . Rund umher war heiliger Boden . Ueberall Erinnerung , - Würde , - Hoheit . Durch die menschenvollen Straßen führte mich mein Wegweiser in das Haus unsers Gastfreundes Lucius Piso . An manchem Denkmal ehrwürdiger Vergangenheit , an manchem Weiser auf einen hellen Punkt der Geschichte , ging ich mit hochschlagendem Herzen vorüber , mit dem festen Vorsatz , sie alle nächstens zu besuchen . Am Vorhofe empfing uns eine Schaar reich gekleideter Sclaven . Man führte mich in ' s Atrium1 . Die Bildsäulen des Pisonischen Hauses , viel merkwürdige Gestalten , dem Geschichtskundigen wohlbekannt , standen hier . Ihre erhebende Gegenwart hatte die Länge der Zeit getäuscht . Ich sah erst am Sonnenzeiger im Hofraume , daß man mich eine ziemliche Weile hatte warten lassen . Jetzt erschien ein zierlicher Sclave , der vorzüglich schön griechisch sprach - und führte mich durch viele kostbar geschmückte Gemächer , voll Vasen , Gemälden , Bildsäulen - zum Lucius Piso . Er ist ein würdiger Mann - an der Gränze des Greisenalters , kräftig , verständig , edel - weit edler aber ohne den Prunk , der ihn umgibt , und seinen innern Werth verhüllend mindert . Der Vater gefiel mir - minder die Söhne . Es sind Jünglinge , nicht ganz so von allen Vorzügen entblößt , wie die übrigen , die ich hier und zu Hause kennen gelernt habe ; aber die Farbe des Zeitalters hat sich ihnen zu stark mitgetheilt , um sie wahrhaft achtungswerth zu lassen . Vor dem Abendessen stellte mich Piso seiner Tochter vor . Bei den Göttern , ein reizendes Geschöpf ! Das Gerücht hatte mich bereits auf sie aufmerksam gemacht - ich fand dennoch in jedem Sinne mehr , als ich erwartet hatte . So viel Schönheit , so viel unaussprechliche Anmuth des Körpers und Umgangs , und so viel Leichtsinn und Verkehrtheit der Gesinnungen ! Die Tochter eines der ersten römischen Häuser - die Abkömmlingin so edler Matronen , im Anzug und den Umgebungen einer griechischen Hetäre2 , und dennoch in Reden und Handlungen vollkommener Anstand und edle Weiblichkeit ! Besser als alle übrigen Menschen , die ich in