man sich vor den Kirchthüren , gähnte ein wenig , stand in kleinen Gruppen mit den Bekannten zusammen und freute sich , wenn der Pastor recht ergreifend geredet hatte . Agathe bemerkte , daß die meisten der älteren Herrschaften dann schon nicht mehr als einzelne Worte aus der Predigt behalten hatten . Die jungen Mädchen und Frauen schwatzten gleich drauf los von Schlittschuhlaufen und Gesellschaften und Bällen . Die Referendare und Lieutenants benutzten die Gelegenheit , um sich der beliebtesten Tänzerinnen für die ersten Walzer zu versichern . Sie gingen nur dann regelmäßig zum Gottesdienst , wenn sie eine Flamme hatten , der sie dort bequem begegnen konnten . Darum war Agathe zu den Jesubrüdern gekommen : sie hoffte hier eine tiefere , strengere Andacht zu finden , als zwischen den herrlich aufstrebenden Säulen , den kunstvollen Stein-Gewölben des Domes , wo die gute Gesellschaft von der in Gold und Sammet strotzenden Kanzel herab in gewählter , salbungsvoller Sprache die Mahnung empfing , ihr Kreuz auf sich zu nehmen und der Welt und ihren Lüsten zu entsagen . Bescheiden genug fand Agathe es ja bei den Jesubrüdern . Um zu ihrem Betsaal zu gelangen , mußte man von der Straße einen langen feuchten und dunklen Gang zwischen Speichern und Scheunen entlang wandern — der glich wirklich recht der engen Pforte , die zum Himmelreich führt . Dann kam man auf einen schmutzigen Hof , wackelige Steine zeigten den schlüpfrigen Weg durch tiefe Lachen übelriechender Flüssigkeit , die sich von großen Düngerhaufen aus verbreitete . Gackernde Hühner suchten hier ihr Futter . Armselige Lumpen hingen zum Trocknen aus den Fenstern der hohen Hinterhäuser . Über einem Pferdestall lag der Versammlungsort der Jesubrüder , auf halsbrecherischer Treppe zu erklimmen . Ein niedriger weißgetünchter Raum mit abscheulichen Öldruckbildern aus der heiligen Geschichte an den kahlen Wänden und einem von schwarzem Tuch bedeckten Tisch als Altar . Agathe traf neben sich meist ein kleines altes Fräulein , über das bei Heidlings viel gelacht wurde , weil es scheu und flüchtig , aber regelmäßig wie die Schwalben im Frühling erschien und um Gaben für bedürftige , vom Unglück verfolgte herrliche Menschen bat , die sich dann später ebenso regelmäßig als unverbesserliche Trunkenbolde oder Diebinnen erwiesen . Trotz der unaufhörlichen Enttäuschungen war das winzige , dürftige , alte Jungferchen glückselig in ihrer Eile und Geschäftigkeit , bei Mangel und Hunger , die sie für das Wohl jener zweifelhaften Mitmenschen litt . Sie mußte einen heimlichen Schatz in ihrem flachen kleinen Busen unter der Filetmantille tragen , von dem sie sich sättigte und den strahlenden Glanz ihrer Augen in dem von Barthaaren besäeten , verschrumpften Gesichtchen nährte . Sie hatte Agathe von den Jesubrüdern erzählt . Das Niedrige , Armselige , Versteckte der Umgebung , die Dunkelheit , welche durch die zwei Talglichter auf dem Altar kaum gebrochen wurde , und in der die leise eintretenden Handwerker , die in ihre Tücher vermummten , abgezehrten Gestalten hüstelnder Näherinnen , zitternd herantappender Greisinnen auftauchten und verschwanden — das gemahnte an die heimlichen Zusammenkünfte der ersten Christen in abgelegenen , verborgenen Winkeln — das warf , wie die Lichtstümpfe , die nun hie und da angezündet wurden , um die Verse des Gesangbuches zu entziffern , einen flackernden Schein von Romantik über die Scene . Hier konnte niemand beobachten , ob beim Gebet die heißen Tropfen der Verzweiflung oder der Liebe strömten . Ja — es war , als könne die Seele sich fesselloser , brünstiger zum Herrn aufschwingen , wenn der Leib , hingeworfen , auf den Knieen liegend , sich erniedrigte . Und Gott sei Dank , Pfarrer Zacharias verfiel nicht in die sentimentalen Jammertöne des alten Fräuleins an Agathes Seite . Eine breite , plumpe Bauerngestalt , ein wuchtiger Kopf , in den Umrissen wie Dr. Luther stand der Wanderprediger vor seinen Anhängern und erklärte ihnen mit zorniger Eindringlichkeit Gottes Wort . Der Mann glaubte noch an den Teufel . Da gab ' s kein Umschreiben — keine Konzessionen . Alles oder nichts , hieß es hier . . . . Wenn du lau bist , so will ich Dich ausspeien aus meinem Munde — so spricht der Herr , Dein Gott , und der Herr läßt seiner nicht spotten . Agathe schauderte vor Furcht und Schrecken . Aber es wurde ihr so wohl — so wohl unter dieser Härte . Das war etwas ! Sie war lau — o sie war ein schwankendes Rohr — ein glimmender Docht — nun blies der heilige Geist seine Flammen in ihr an und wärmte ihr kaltes verödetes Herz . Hätte man sie selbst nur in der Verborgenheit , die ihr so angenehm war , kommen und gehen lassen . Aber in einem Augenblick tiefer Ergriffenheit hatte sie zu einer Sammlung für eine andere arme Jesubrüdergemeinde ihr goldenes Armband gegeben . Sie hatte ihren Namen nicht genannt , doch man erkundigte sich nach ihr . Die frommen Handwerker beeilten sich , der Tochter des Regierungsrates , die der Herr zu ihnen geführt , eine Strohdecke auf die Kniebank zu legen , ihr Licht und Gesangbuch zu bringen . Sie drängten sich am Schlusse des Gottesdienstes heran , ihr die Hand zu reichen und sie als ein Glied ihrer kleinen Gemeinde willkommen zu heißen . Das war ja geradezu gräßlich . Wenn Fleischermeister Unverzagt die Bibelstunde hielt , sah Agathe den aufgeblasenen Hochmut in seinem Gesicht und suchte vergebens nach der Erhebung , die sie anfangs ergriffen hatte . Auch hier nicht — auch hier nicht ? Lag es nur an ihrer mangelnden Kraft ? Warum war sie so entsetzlich sensitiv gegen alle Unvollkommenheiten ? Sie ängstigte sich vor den Besuchen bei den Armen und Kranken . Wie konnte sie Trost und Hilfe bringen ? Die Schwierigkeiten , mit denen diese Leute rangen , sah sie riesengroß und ihre Fähigkeiten , das Elend zu mildern , so winzig — so erbärmlich klein . Es war ja überhaupt nur Illusion . Wie sie die Damen beneidete , die mit einer naiven