sich ne Laterne bei mich jeholt und machte so ' n kurioses Gesicht dazu . « » Wie lange ist das her ? « » So etwa ein Dreiviertelstündchen wird ' s schon sein . « Fritz pfiff scharf durch die Zähne . Er sprang in die Dienerstube und riß dort die Lampe vom Haken an der Wand . Dann stürzte er an Zipperjahn vorüber die Treppe hinauf . All die Zeit hatte er auf falschem Wege verloren ... unwiederbringliche Zeit ... Und die Angst überschwemmte wie eine große Meereswoge aufs neue sein Herz . Zipperjahn begab sich gelassen in den Gartensaal . Dort brannte jetzt nur noch eine Lampe , bei deren spärlichem Licht er die guten Meißner Tassen wieder in die Eckschränke stellte . Er hatte aus manchem Glas die Neige genippt und war in vergnüglicher Stimmung . Zufrieden flötete er vor sich hin die Melodie seines Lieblingsliedes : » Muß i denn , muß i denn zum Städtle hinaus – und du mein Schatz bleibst hier ... « Die Tür zum Flur öffnete sich behutsam und schloß sich wieder . Zipperjahn blickte sich um , es war ihm gewesen , als ob jemand eintreten wollte . Als er pfeifend mit dem leeren Tablett hinausging , sah er draußen auf dem Flur niemand . Aber nachdem er in der Dienerstube verschwunden war , trat Hilde hinter dem Kleiderständer , wo sie sich verborgen gehalten hatte , hervor und ging eilig , doch vorsichtig , um kein unnötiges Geräusch zu machen , in den Gartensaal . Sie trug ein dunkles Wollenkleid , einen Regenmantel und einen Filzhut . In der Hand hielt sie ein kleines Köfferchen . Aufatmend blieb sie in dem nun wieder von seiner gewöhnlichen friedvollen Ruhe erfüllten , dämmerigen Raum stehen und blickte hinüber nach der Ecke am Kamin , wo die vereinzelte Lampe trübe flimmerte . Die leidenschaftliche und heftige Szene , die dort vor kurzem stattgefunden hatte , schien ihr jetzt schon beinahe unwahrscheinlich und höchst verwunderlich . So viele Jahre hatte sie schweigend und dumpf duldend das auf ihr lastende Mißtrauen getragen – war zu stolz , zu tief verletzt gewesen , um sich auch nur mit einem Worte zu verteidigen und die Menschen an die Wunde in ihrem Herzen rühren zu lassen : eine fremde Macht hatte sie plötzlich zu einem Ausbruch getrieben , der ihrer Natur fremd und höchst unsympathisch war , ja , den sie fast lächerlich fand ... Sie blickte auf das Bild von Fritz , das im kleinen Holzrähmchen auf dem Ständer neben Tante Mariens Sofaeckchen zwischen ihren Arbeitskörben stand – und sie begriff plötzlich wieder jenen Rausch , der sie damals , in der bebenden , demütigen Liebe zu Kessenbrock , alle Formen gesellschaftlichen Anständes hatte beiseite setzen lassen , indem sie lächelnd zu ihm gegangen war – ihm zu beweisen , daß sie den Mut und die Freiheit besaß , die er ihr nicht zutrauen wollte ... Hilde verzog gramvoll ironisch den Mund , als sie jenes kurzen Besuches dachte , der so viel Anstoß in ihrer kleinen Welt erregte und der ihr so gar keine von den wilden Seligkeiten geschaffen hatte , um deren Genusses willen man sie verdammte . Es war ihr in ihrem mädchenhaften Ehrbegriff so selbstverständlich erschienen , daß Kessenbrock sie verstehen und ihr Erscheinen als ein Symbol ihrer Liebe auffassen würde . Als sie statt dessen den Triumph des Verführers in seinem Gesicht und in seinem Gebaren sah , konnte sie plötzlich nur noch kalte , empörte Abwehr für ihn haben , und so schieden sie aus der Begegnung , die sie aneinander binden sollte , als erbitterte Feinde . Er war ihr Feind geblieben . In dem Wirbel von Verleumdung und Klatscherei , der sich um sie erhob , hatte er nicht ein Wort der Verteidigung für sie gefunden , hatte er nicht einmal versucht , die Menschen von ihrer Unschuld zu überzeugen . Wie seltsam , daß aus der Wüste toter Gleichgültigkeit in ihrem Herzen noch einmal Glut , Rausch und maßlose Hingebung aufblühen konnten ... Aber wenigstens sollte der Rausch ihre skeptische Vernunft nicht soweit umnebeln , daß sie Proben der Liebe , des Glaubens , des Vertrauens von einem Manne zurückerwartete . O nein – heimlich wollte sie sich davonschleichen und niemals , nur um alles in der Welt niemals erfahren , ob Fritz zu ihr gestanden , sie verteidigt , an sie geglaubt hatte ... Nur sich eine einzige liebe Illusion mit hinausnehmen in den neuen Tag , der sich freudlos vor ihr dehnte . Sie wollte , um sich unbemerkt zu entfernen , den Weg durch den Park einschlagen , nach einem abseits vom Dorf liegenden Gehöft , dessen Besitzer , wie sie wußte , ein leichtes , ländliches Wägelchen und ein Pferd besaß . Diesen wollte sie bitten , sie zur nächsten Bahnstation zu fahren . Sie hatte deshalb auch nur das alte Köfferchen mit den nötigsten Toilettegegenständen gefüllt – mochte man ihr später von ihrem Eigentum nachsenden , was man beliebte ... Sie wollte jedenfalls nichts von sich hören lassen , ehe sie eine feste Stellung gefunden hatte . Einige kurze Abschiedsworte , die ihr Vorhaben erklärten , würde Tante Marie ja auf ihrem Schreibtisch vorfinden ... Hilde schlich sich , ihr Köfferchen niedersetzend , zu Tante Mariens Sofaplatz , strich liebkosend über das Polster und schüttelte schmerzlich den Kopf über sich selbst und das Abschiedsweh , dessen sie nicht Herr zu werden vermochte . Sie nahm das Jugendbild von Fritz in die Hand , blickte einen Augenblick in die fröhlichen Knabenaugen , drückte einen langen Kuß auf das Glas , setzte es wieder nieder und wandte sich entschlossen ab . » Mut – nur Mut – nur seiner wert sein , « sagte sie leise für sich und wollte den Saal durch die nach dem Garten führende Tür verlassen . Da sah sie , daß Zipperjahn die Glastür schon geschlossen und den Schlüssel abgezogen hatte . Sie öffnete die Tür zum Korridor