. Herr Pater Benedict , Sie haben so großartige Anlagen zum Freiheitsapostel – ich fürchte , Sie werden zum Märtyrer Ihrer Lehre ! “ Auch im Hochgebirge hatte der Herbst seinen Einzug gehalten . Hier freilich erscheint er anders als drunten in der Ebene , wo sich die Natur so müde und langsam ihrem Grabe entgegenneigt , über das der Winter bald die weiße Leichendecke breitet . Dort hängt der Himmel schwer und grau über der verschleierten Erde , in endlos eintönigem Braun dehnen sich die Felder aus , still und dunkel zieht der Fluß dahin , und was noch von Farben und Formen übrig ist , das hüllt der Nebel in seine dichten feuchten Schleier . Leise und einförmig rauscht der Regen nieder , leis und matt sinken die Blätter von den Bäumen , schwermüthig rauscht der Wind darein , bis auch das letzte welk zu Boden flattert und der Wald entlaubt und öde steht – überall langsames Vergehen , stilles widerstandloses Sterben . Anders im Gebirge . Hier ist Alles wilde Bewegung , Alles trotziger , verzweifelter Kampf um ’ s Dasein . Stürme , wie sie die Ebene gar nicht kennt , entfesseln sich hier oben und rasen , einmal losgelassen , mit verheerender Gewalt , gährende Wolkenmassen [ 135 ] wogen in den Thälern auf und nieder oder jagen sturmgepeitscht um die höchsten Gipfel , und von den Regengüssen geschwellt toben die Bergwasser in ungezügelter Wildheit dahin . Auch hier hängen die Nebelschleier feucht und dicht an Wald und Fels , aber aus ihnen hervor heben die dunkeln Tannen nur trotziger ihre starren Häupter , denen all ’ das eisige Wehen den grünen Schmuck nicht zu rauben vermag , und aus dem Wolkengewande ragen die schroffen Zacken und Klippen nur mächtiger empor . Der Herbst hat dem Gebirge den Blumenkranz vom Haupte gerissen , aber damit endet auch seine Macht , die sich ohnmächtig an diesen Wäldern und Felsen bricht , die nicht zu entblättern und nicht zu erschüttern sind . Wird doch selbst der Winter nie ganz Meister dieser starren Natur , und wenn er mit seinen Schneelasten auch Alles begräbt und niederzwingt , die lebendige , ewig klopfende Ader des Gebirges vermag er nicht zu schließen ; den Bergstrom legt er doch nie in seine Eisfesseln , und wenn alles Andere ringsum in Schnee und Eis erstarrt , rettet sich dies Leben , das ewig neu und ewig bewegt aus dem tiefsten Grunde des Gebirges hervorquillt , allein unbezwungen hinüber in ’ s neue Frühlingsgrün . Das Dorf N. , der Bezirk des Pfarrers Clemens , war einer jener einsamen hochgelegenen Bergorte , die nur während der einen Hälfte des Jahres im Verkehr mit der Ebene drunten stehen , während der anderen aber durch Herbststürme , Winterschnee und Frühjahrswasser fast gänzlich davon abgeschnitten , ja zeitweise gar nicht zu erreichen sind . Eng zusammengedrängt lag das Dörfchen auf seinem Hochplateau da , dicht um die in der Mitte befindliche Kirche geschaart , als sei es des Schutzes derselben bedürftig , und in der That klein und schutzlos genug sah es aus , inmitten der hohen Schneegebirge , die es rings umlagerten und so riesengroß auf die winzigen Menschenwohnungen herabblickten , die ein einziger ihrer Stürme vernichten konnte . Spärliches , verkrüppeltes Tannengehölz säumte den Rand des Plateaus , die Wälder begannen erst weiter unten , wo der Weg sich in ’ s Stromthal hinabneigte , es war freilich keine Poststraße , und es hatte selbst in der guten Jahreszeit seine Schwierigkeit , N. anders als zu Fuße zu erreichen . Aus der Thür des Pfarrhauses , dessen Aeußeres hinreichend verrieth , daß es nur eine sehr arme Gemeinde war , die man dem Pfarrer Clemens zugewiesen , traten zwei Geistliche und schritten langsam durch ’ s Dorf , hin und wieder einen ehrfurchtsvoll gespendeten Gruß erwidernd , oder ein Kind segnend , das herbeigelaufen kam , den hochwürdigen Herren die Hand zu küssen ; als sie die Häuser hinter sich hatten und in ’ s Freie traten , überfiel sie der kalte Bergwind mit doppelter Gewalt . „ Sie sollten umkehren , Hochwürden ! “ sagte der Jüngere , seinen Mantel fester um die Schultern ziehend . „ Die Luft ist allzu rauh ; es sieht aus , als sollten wir wieder Sturm bekommen . “ Der Aeltere schüttelte das Haupt . „ Bis zum Crucifix begleite ich Sie jedenfalls , lieber Benedict . Ich schone mich schon über die Gebühr , seit Sie hier sind . Der kurze Gang wird mir wohlthun . “ Benedict erhob keinen Einwand weiter und sie schritten einige Minuten lang schweigend vorwärts , dann begann der Pfarrer von Neuem das Gespräch . „ Wenn nur dieser tägliche Gang nach der Wallfahrtscapelle nicht wäre ! Ich kann mich dabei nie einer gewissen Sorge um Sie erwehren . “ „ Weshalb ? fragte Benedict gelassen . „ Der Weg ist nicht allzu weit . “ „ Aber gefährlich ! Sie müssen dabei stets die ‚ wilde Klamm ‘ passiren , einen der schlimmsten Punkte des ganzen Gebirges . Im Sommer mochte das noch hingehen , aber jetzt , wo die fortwährenden Regengüsse den Felsboden glatt und schlüpfrig machen , wo man nie wissen kann , ob die Brücke auch wirklich den letzten Stürmen Widerstand geleistet hat – “ „ Die Bauern wählen ja stets diesen Pfad , um den Weg in ’ s Thal abzukürzen ! “ unterbrach ihn der junge Priester gleichgültig . „ Ja , unsere Bauern ! Die sind im Gebirge geboren und aufgewachsen . Solch ein Fuß gleitet nicht so leicht und weiß sich selbst im Sturze noch zu halten und anzuklammern ; der Ihrige dagegen – ich kann mir nicht helfen , ich sehe Sie jedesmal mit Sorge gehen und bin erst ruhig , wenn ich Sie sicher wieder im Pfarrhause weiß . “ „ Ich bin schwindelfrei , “ sagte Benedict ruhig , „ und überdies kann ich den Leuten deswegen nicht eine Gewohnheit