Welt schicken , dann müßten sie auch ihre Spuren tragen – so aber haben die guten Engel ein schönes und das böse Prinzip ein verzerrtes , abstoßendes , aber immer menschliches Antlitz – die Flügel , die den Seraph herabtragen , und das häßliche Kennzeichen › des Bösen ‹ sind der Tierwelt entlehnt , Himmel und Hölle erscheinen ausgeschmückt mit den Elementen , die unseren Erdball beleben und halten – wir können eben mit unseren Vorstellungen nicht über ihn hinaus , und nur in der originellen Auffassung alles dessen , was uns umgibt , sei es in Tönen , Bildern oder Worten , waltet unsere Phantasie . « Ein sekundenlanges tiefes , unheimliches Schweigen folgte auf die letzten Worte – die schöne Herzogin saß wie versteinert da , nur ihre Augen glitten in verzehrender Unruhe , fast angstvoll , zwischen Mainau und seiner jungen Frau hin und her . Er hatte vorhin klar genug ausgesprochen , daß ihn solch ein selbständiges , mit kaltem Verstand forschendes weibliches Wesen anwidere – aber das dort war ja keine geharnischte Pallas Athene , sondern die lieblichste Mädchenerscheinung , die mit Herzklopfen und unter abwechselndem Erröten und Blaßwerden der Macht der Ueberzeugung nachgab und sie in melodisch sanften Tönen aussprach . Seinen Gesichtsausdruck konnte die Fürstin nicht sehen ; er hatte sich halb abgewendet – seine Haltung zeigte aber so vollständig die geringschätzige Ruhe und Blasiertheit , in die er sich meist hüllte , daß man hätte meinen mögen , er werde unter gleichgültigem Achselzucken auf jede Anrede spöttisch sagen : » Lasset sie doch reden – was geht ' s mich an ? « » Sie stehen dem Standpunkte des strenggläubigen Christen so fern , gnädige Frau , daß ich auf eine Polemik hier an Ort und Stelle nicht eingehe , so gewiß ich auch des siegreichen Ausgangs auf meiner Seite bin , « unterbrach der Hofprediger mit seiner tiefen , schönen , etwas verschleierten Stimme die momentane Stille – er mußte ihr antworten , sie hatte ihn dazu gezwungen . » Ich will Ihnen aber gewissermaßen Konzessionen machen , indem ich den biblischen Standpunkt verlasse und Sie an einen der größten Dichter erinnere , der seinen grübelnden Helden sagen läßt : › Es gibt mehr Dinge zwischen Erd ' und Himmel , als eure Schulweisheit sich träumen läßt ‹ . « » Wohl war – doch ich verstehe darunter das geheimnisvolle Walten der Naturkräfte . Die meisten unserer Mitlebenden betrachten noch immer die Natur als etwas Selbstverständliches , über das sie nicht nachzudenken brauchen , weil sie es ja sehen , hören und begreifen können – daß aber eben dieses Sehen , Hören und Begreifen das Wunder ist , fällt ihnen nicht ein . Und nun dichtet man dem weisen Schöpfer willkürliche Eingriffe in seine ewigen Gesetze an , oft nur um winziger menschlicher Interessen willen , ja , die Kirche geht noch weiter – sie läßt untergeordnete Geister dieses vollendete Gewebe zerstörend durchbrechen , lediglich , um irgendein Hirtenmädchen oder sonst eine einsame Seele von Gottes Dasein zu überzeugen , und nennt das › Wunder ‹ . Wie kläglich und theatralisch aufgeputzt erscheinen sie neben Gottes wirklichem Schaffen und Walten – ein ganzer Wolkenhimmel voll Engelsköpfen versinkt neben der treibenden Wunderkraft , die einen kleinen , bunten Blumenkelch aus der Erde steigen läßt ... Es ist wohl wahr , › Gott läßt sich nicht spotten ‹ – er läßt sich nicht spotten in dem , was eins ist mit ihm , in der Natur , und wie streng er unser Festhalten an ihr fordert , beweist er , indem er sie als Selbsträcherin auftreten läßt , wenn wir uns an ihr versündigen . « Der Hofprediger sah ihr mit demselben Ausdrucke in das Gesicht , mit welchem er heute schon einmal angstvoll und flehend ihr zugerufen hatte : » Sie wüten gegen sich selbst , gnädige Frau ! « » Und vergessen Sie ganz den Begründer Ihrer Kirche – Luther , der dem bösen , Gott gegenüber wirkenden Prinzipe selbst einen Thron , eine Macht auf Erden eingeräumt hat , wie es zuvor nie besessen ? « fragte er wie beschwörend . » Er würde in unserem Jahrhunderte nicht allein das Tintenfaß , sondern auch seine gewaltige Feder gegen diese Ausgeburt der menschlichen Phantasie richten – « » Genug , genug ! « rief der Hofmarschall empört und streckte der jungen Frau Schweigen gebietend die Hand entgegen . » Hoheit , verzeihen Sie , daß Sie an meinem Tische dergleichen irreligiöse Auslassungen ertragen mußten , « wandte er sich mit unheimlicher Ruhe zu der Herzogin . » Frau von Mainau hat die verlassene Stille im Rudisdorfer Schlosse ausgenutzt und Studien gemacht , die durch ihre Nüchternheit auf ihren Ursprung zurückführen – Studien bei Wasser und Brot . « Die Herzogin erhob sich rasch – sie mußte ; als Fürstin und Frau durfte sie nicht gestatten , daß es in ihrer Gegenwart zu einem ausgesprochenen Familienzerwürfnisse komme . » Gehen wir nun hinüber , Obst zu pflücken ! « sagte sie mit so heiterer Liebenswürdigkeit , als sei nichts vorgefallen . Sie setzte ihr Hütchen vorsichtig auf die Locken und ergriff ihren Sonnenschirm . » Wo mögen die Prinzen stecken ? Ich höre und sehe nichts von ihnen , Herr Werther , « sagte sie zu dem Prinzenerzieher , der sofort davonstob ... Den Hofprediger an ihre linke Seite winkend , legte sie ihre Hand auf den dargebotenen Arm Mainaus – er führte sie , ohne noch einen Blick auf seine Frau zu werfen , nach den Plantagen – die Hofdame folgte schleunigst , und so stand Liane plötzlich , wie eine Geächtete , allein unter den Ahornbäumen . » Fühlen Sie nichts , meine Gnädigste ? – Sie haben heute das Genick gebrochen , « sagte der Hofmarschall malitiös , während er langsam an ihr vorbeigefahren wurde . 13. Sie wandte sich schweigend ab und betrat einen Weg , der am Jägerhäuschen vorüber nach dem Walde lief . Hinter den Scheiben