dieser Berührung ward sie plötzlich ruhig und ihre großen Augen richteten sich hilfesuchend auf den Oheim . „ Laßt uns allein , “ sagte er gebieterisch zu den beiden Mädchen , die murrend seinem Befehle folgten . Dann zündete er an der trüben Nachtlampe ein Licht an , daß es hell im Zimmer wurde , und setzte sich bei Ernestinens Lager nieder . „ Mein Kind , “ begann er mit seinem melodischen Flüstern , „ Du bist schon klug genug , um das zu verstehen , was ich Dir jetzt sagen werde , aber Du mußt mir versprechen , es keinem Menschen auf der Welt mitzuteilen , willst Du ? “ „ Ich verspreche Dir ’ s , Onkel , “ schluchzte Ernestine , „ wenn Du mir helfen willst , meinen armen Vater wissen zu lassen , daß ich ihm — ach , so von ganzem Herzen — verziehen habe und daß meine Wunde heil ist und gar nicht mehr weh tut , gar nicht mehr ! — O Du armer , armer Vater , Deine Ernestine hat ja keinen Groll gegen Dich und kann Dir ’ s doch nicht sagen ! “ „ Du bist ein gutes Kind , Ernestine , aber Du bist — eben noch ein Kind ! “ sprach Leuthold ruhig weiter , während jenes seltsame Lächeln wieder um seine Lippen spielte , das Ernestine diesen Morgen so tief verletzt hatte . — Sie schaute ihn befremdet an , — war es denn wieder etwas so Dummes , was sie gesagt ? „ Du bist schon zu klug , als daß ich Dich länger in den albernen Begriffen der Mägde verharren lassen möchte , deshalb will ich Dir jetzt mitteilen , was jene nie erfahren dürfen , daß nämlich die Gestorbenen in keiner ­ lei Gestalt fortleben . “ Ernestine fuhr empor und starrte den Oheim an : „ Wie ? “ „ Ja , ja — wie ich Dir sage : wer tot ist , ist tot , das heißt , er hat aufgehört zu sein , er denkt nicht mehr , fühlt nicht mehr . Alles was übrig ist von ihm , sind die Knochen , die nur gut sind , um Leim daraus zu machen oder Düngerpulver . “ Ernestine lauschte atemlos seinen Worten : „ Aber Onkel , so gäbe es keine Geister ? “ „ Es gibt keine Geister . “ „ Dann kämen wir auch nicht in den Himmel ? “ „ Ei bewahre — das sind Vorspiegelungen , mit denen man das dumme Volk zwingen will , brav zu sein.10 Die gemeinen Leute müssen an Lohn und Strafe nach dem Tode glauben , um ohne Murren alle die Entbehrungen und Schmerzen zu erdulden , die ihnen das Schicksal auferlegt . Sie würden aufsäßig gegen jede Obrigkeit und arteten nach allen Seiten aus , wenn sie ihr schweres Los tragen müßten ohne die Aussicht auf eine Vergeltung nach dem Tode . Des ­ halb hat jene Gesellschaft kluger Menschenkenner , welche man die christliche Kirche nennt , die schönen Legenden erfunden , die Du unter dem Namen „ Bibel “ kennst . — Der Aberglaube hat sich aus der menschlichen Schwäche und Hilfsbedürftigkeit , aus der Unkenntnis der Natur ­ gesetze herausentwickelt und die Kirchen aller Zonen und Zeiten haben sich seiner bemächtigt und ein reli ­ giöses Gängelband daraus gewoben , an dem sie die Völker leiteten . Der Gebildete aber , der sich in den reinen Äther des Gedankens emporgeschwungen hat , ist frei von jener Fessel . Die Wissenschaft führt ihn mit liebender Hand auf die Höhen der Erkenntnis , zeigt ihm den natürlichen Zusammenhang aller Dinge und gibt ihm an Stelle der Stütze , die sie ihm nimmt , die Kraft , allein zu stehen . “ Ernestine war leichenblaß , ihre Lippen bewegten sich , aber sie brachte kein Wort heraus , ihre Hände hatten sich krampfhaft verschlungen , sie fühlte sich unter der Wucht des Niegeahnten , Unerhörten inner ­ lich zusammengebrochen . Sie wollte nicht hören , was der Vormund sprach , und dennoch sog sie jedes Wort gierig ein , sie wollte ihm nicht glauben und dennoch konnte sie schon nicht mehr glauben , was der Geistliche sie gelehrt . Sie schämte sich , dümmer zu sein , als er es von ihr erwartete und sein Gift ätzte sich mit Gedankenschnelle in ihre Seele ein . „ Aber Onkel , was so viele Menschen glauben , kann das Irrtum sein ? Erwachsene und Kinder , Könige und Kaiser , arme und reiche Leute gehen ja in die Kirche , gibt es denn außer Dir noch Jemanden , der es nicht tut ? “ Leuthold lachte lauter als gewöhnlich auf . „ Diese Beweisgründe , liebes Kind , kann ich Dir leicht wider ­ legen . Erstens gibt es außer mir Millionen von Menschen , die sich zu keiner Konfession bekennen . Zwei ­ tens ist die Anzahl derer , die einen Glauben teilen , keineswegs maßgebend für die Wahrhaftigkeit seiner Grundlagen , sondern nur für die Unwissenheit und Beschränkteit seiner Bekenner . Millionen von Men ­ schen haben Vielgötterei getrieben und jeden für einen Verbrecher gehalten , der etwas Anderes glaubte . Jede Religion hat die andere als einen Irrwahn verdammt — welche hatte Recht ? — So lange die Völker sich die erhabenen und wunderbaren Naturerscheinungen nicht in ihrem Zusammenhang , ihren Ursachen und Wirkungen erklären konnten , gaben sie ihnen über ­ irdische Deutungen und hielten sie für Offenbarungen von Gottheiten . Donner und Blitz , Licht und Luft hatten bei den Alten wie noch jetzt bei den Wilden ihre besonderen Oberherren ; jede Naturkraft gewann für sie eine menschlich-göttliche Wesenheit und so war Erde und Himmel bevölkert mit guten und bösen Göttern , je nachdem die Wirkungen der Elemente für die Men ­ schen nützlich oder nachteilig waren . Der Glaube schreitet mit der Wissenschaft fort : oder besser , er wird von ihr mehr und mehr