eine hohe klanglose Frauenstimme durch die verträumte Stille des Gartens : » Ganz vernünftig ist sie , wenn sie in ein solches Elend nicht hinein will , ein Elend , wie du es mir bereitet hast , trotz der zwölftausend Taler , mit denen du so groß tatest , als mit deinem Vermögen . « Wir standen wie angewurzelt . Dicht bei uns befanden sich die geöffneten , nur leicht verhängten Fenster des Schlafzimmers von Lenes Eltern . Stumm , an der Unterlippe nagend , stand Lene da und hielt mich doch erbarmungslos fest an der Hand , wie ich mich auch bemühte , zu fliehen , um nicht hören zu müssen , was dort zwischen ihren Eltern gesprochen wurde . » Ich dir bereitet ? « antwortete die Stimme des Herrn v. Brandenfeldt . » Darüber wollen wir nicht streiten , wer mehr Schuld hat an dem jetzigen Elend , du oder ich . « » Du ! Du als Mann hättest das Leben besser kennen müssen ! Was wußte ich denn davon , von dem Wert des Geldes , vom Offizierstand überhaupt ? Mein Vater war Jurist in einer hohen Stellung , und Mangel kannte ich nicht bis dahin , im Gegenteil – « » Dann hätte dein Vater vernünftiger sein und mich mit meinem ehrlich gemeinten Antrag ' rauswerfen sollen ! Aber der war ja froh , daß eine von euch unter die Haube kam . « » Bitte sehr ! Papa gab nur nach , weil – weil – « » Weil du erklärtest , dir das Leben nehmen zu wollen , wenn wir uns nicht kriegten – jawohl ! « bestätigte er . » Hätte ich es mir doch genommen , « schluchzte die Frauenstimme auf , » dann – dann wäre alles besser , dann brauchte ich es nicht mit anzusehen , daß Lene sich halbtot grämt und als altes Mädchen verkümmert und versauert . Ach Gott , mein Gott ! « » Wenn sie das nicht will , muß sie sich eben trösten und den Ronnefahl nehmen , der kann sie ja ernähren . « Ein gelles Auflachen der Frau war die Antwort , ein wehes Lachen , das wie Messer in das Herz des Hörers schnitt . Dicht am Fenster erklang es , und zugleich bewegte sich der Vorhang . Wir aber flohen wie gejagt um die Ecke des Gebäudes der Scheune zu . 193 Dort in dem dämmerigen Raum , mit dem gespreizten Balkenwerk unter dem Ziegeldache , dem undefinierbaren Geruch nach dumpfigem Stroh und zahlreichen Mäusekolonien , blieben wir stehen . Wie ein Platzregen hatte dieses Gespräch die Glut meiner moralischen Entrüstung abgekühlt ; ich wußte nicht , sollt ' ich Lene ansehen oder stumm hinausschreiten . Ich war völlig fassungslos , so groß , so hoch über mir stehend , dünkte sie mich mit meinen hergebrachten Ansichten über Liebe . Und sie stand vor mir und schob mit der Spitze ihres Fußes einige Strohhalme beiseite und sagte : » Und sie haben sich einmal so schrecklich lieb gehabt ! « Ich wußte nicht , was ich darauf erwidern sollte . » Das ist eben die rechte Liebe nicht gewesen , « stotterte ich endlich , um nicht allzu schmählich zu unterliegen . » Doch , Marie ! Sieh , ich habe Briefe , die Mutter an Vater schrieb zu ihrer Brautzeit , so würde ich auch an ihn geschrieben haben , nicht anders . Eine ganze Welt von Liebe und Herzlichkeit , von Opfermut und Treue weht daraus , und ich habe auch Briefe von Vater , freudige , glückselige Briefe , er selbst gab mir diese kleine , während einer Manöverkampagne entstandene Korrespondenz nach einer schrecklichen Szene , die sie beide miteinander hatten , bei welcher ich , wie leider so oft , Zeuge war . Ich sehe noch sein beschämtes , trauriges Gesicht , als er dazu sagte : › Es war nicht immer so , Lene , wir haben uns einmal sehr , sehr lieb gehabt , und wir meinten es redlich damit . ‹ Und nun – ach , Marie ! – « Und plötzlich schlang sie die Arme um meinen Hals und begann zu schluchzen , wild , fassungslos . » Lene , Lene , « bat ich erschüttert . » Du würdest doch nicht so sein – wie deine Mutter ! « » Weiß ich das heute ? « rief sie , innehaltend mit Weinen , » weiß man denn , was die Not aus einem macht , die schreckliche Not ? « Und dann blieb es still zwischen uns , lange , lange , und der schrille Schmerzensschrei zitterte in meiner Seele nach . Ich hielt ihr Köpfchen an meiner Brust und ließ sie schluchzen . Ach , aus wie anderen Augen schaute ihr Gebaren mich jetzt an ! » Du mußt 194 ein wenig fortreisen , « begann ich nach langer Zeit , » du wirst es dann , fern von ihnen , leichter überwinden . « Sie lachte leise und bitter . » Ich – reisen ? Wovon denn ? Wohin denn ? Ist auch gar nicht nötig – er tut ' s für mich . – Er ist zum Kommandeur gegangen und bittet ihn , mit einem Kameraden der anderen Garnison tauschen zu dürfen . « Und sie strich sich mit einer unendlich müden , trostlosen Gebärde das wirre Haar aus der Stirn und zuckte die Schultern . » Du willst doch nicht wirklich den Ronnesahl heiraten ? « fragte ich endlich . » Ich will nicht , ach nein , aber ich werde wohl müssen ; die Brüder brauchen eine Equipierung , und ich kann den Eltern nicht mehr eine Last sein . « Sie drückte mir nochmals die Hand und wandte sich in den Garten zurück . Und dann war sie wieder , wie immer , still , freundlich und heiter . Nur ich wußte , wie es um ihr Herz stand , was dieses gleichgültige Wesen