diesen Worten riß Frau Rat die Thür auf – , ,die Hochleitner ist krank geworden , die Friedrich nirgend zu finden ! Ob du nicht den Psalm singen willst ? lassen sie fragen – – als ob das so ginge ! . Wirft du ’ s können ? Wenn du dich getraust , sollst du sofort in die Kirche kommen , läßt der Organist sagen , um noch einmal mit der Orgel zu proben . „ Wenn ich den Leuten aus der Verlegenheit helfen kann , sehr gern , “ sagte Aenne , nahm gelassen ihren weißen , mit Schwan besetzten Umhang vom Bett und folgte der Mutter . „ Ein Wagen steht drunten ! “ rief die aufgeregte Frau . „ Gott im Himmel – wenn du nun die Sache umwirfst – sag ’ s doch lieber ab , bedenke doch die Herrschaften , die zugegen sind ! “ „ Ich habe schon öfter vor ihnen gesungen , “ wandte Aenne ein . “ Ja , nun ja ! Aber wenn du plötzlich nicht weiter kannst , dann giebt ’ s wieder eine Klatscherei , sie sagen womöglich , du habest aus Verzweiflung um den Heinz – – “ Aenne wandte sich nach ihrer Mutter um . „ Ich werde nicht stecken bleiben , “ sagte sie kurz und hart , obgleich in ihrem Herzen die Zweifel stärker waren als je . Im nächsten Augenblick saß sie in den Polstern des Hofwagens und rollte der Schloßkirche zu , die , dem Mittelbau des Schlosses angefügt , nach der Gartenseite zu lag . Ein wahres Kleinod der Spätgotik , gut erhalten und verständnisvoll restauriert , bildete sie so ziemlich die einzige Sehenswürdigkeit des Städtchens in künstlerischer Beziehung und wurde viel besucht von Architekten und Malern . Mit schlank aufstrebenden Säulen und herrlichen Spitzbogengewölben erschien sie wie ein Freiburger Münster im kleinen .. Nur das Innere des Gotteshauses machte einen so günstigen Eindruck , denn das Portal war in späterer Zeit miteingebaut in das Schloß . Man passierte , um in die Kirche zu gelangen , die große Halle im Erdgeschoß des Mittelbaues direkt von dem darüber befindlichen Festsaal konnte die herzogliche Familie sich in die für sie bestimmte Empore der Kirche , den sogenannten Fürstenstuhl , begeben . Als Aenne durch die hohe Spitzbogenthür in den tief dämmerigen Raum trat – das matte Tageslicht vermochte kaum durch die gemalten Scheiben zu dringen – war das schöne Gotteshaus noch leer , nur um den reich mit Orangerie geschmückten Altar beschäftigten sich noch mehrere Diener , und mit geräuschloser Eile wurden Kerzen auf die riesigen Messingkronleuchter und die Kandelaber gesteckt . Der hohe Raum war ganz erfüllt von Blütenduft , dieser entstieg den mächtigen Orangenbäumen , deren Kübel mit den Landesfarben bemalt waren . Die gewundene Treppe herab von der Orgelempore kam dem jungen Mädchen mit allen Zeichen des Bangens der weißhaarige alte Organist entgegen . „ Gott sei Lob , daß Sie da sind , Fräulein May ! Stockheiser , die Hochleitner , und die Friedrich nicht zu finden , weder in ihrer Wohnung noch im Theater – der Himmel mag wissen , wo sie steckt ! Haben Sie Furcht , Aenne ? “ Er kannte das Mädchen wie sein eigen Kind . Ihre Stimme war schon manchmal von dort droben erklungen , als kleines Mädchen hatte Aenne schon beim Weihnachtsgottesdienst ihr helles Stimmchen in der Engelverkündigung erschallen lassen „ Ehre sei Gott in der Höhe ! “ „ Wollen wir schnell einmal proben ? “ „ Wenn Sie es für nötig halten , “ antwortete sie , „ mir ist der Psalm vertraut . “ „ Wirklich ? Mir fällt ein Stein vom Herzen ! Sie kennen ganz genau die Stelle , wo Sie einzusetzen haben ? “ „ Ganz genau ! “ Und sie lächelte ihn an , daß der alte verzweifelnde Mensch ordentlich wieder Farbe bekam . „ Aengstigen Sie sich nur nicht , “ sprach sie tapfer , „ ich mache Ihnen keine Schande . “ „ Guten Tag , meine Damen ! Die Hochleitner ist krank , Fräulein May hat die Freundlichkeit , uns auszuhelfen mit der Solopartie , “ wandte er sich an die versammelten weiblichen Mitglieder des städtischen Gesangvereins , dessen Direktor er war . Sie harrten auf der Empore vor der Orgel und keine einzige befand sich unter ihnen , die nicht das allerverblüffteste Gesicht machte , ob dieser Mitteilung . Und Aenne , über deren jüngste Erlebnisse jede einzelne hergefallen war und sie nach Möglichkeit beschwatzt , bekrittelt und herabgewürdigt hatte , stand ruhig lächelnd da in ihrem weißen Kleidchen , wie eine sieggewohnte Primadonna . Wie viel Kraft sie dazu nötig hatte , das brauchte ja niemand zu wissen ! „ Könntest du s i n g e n ? “ fragte Fräulein Krause ihre Freundin Ida Sillig , „ könntest du singen , wenn deine Liebe mit einer Andern getraut würde ? “ Und die Andere meinte : „ Wer weiß denn , ob ’ s wahr ist ? Ich könnt ’ nicht singen , ich würde entweder ohnmächtig , oder – ich “ Was sie thun würde , verschwieg sie , aber ihre Finger hatten sich gebogen , und ihre Augen funkelten vor Zorn bei dem bloßen Gedanken , daß ihr heimlich Angebeteter , der Provisor in des Vaters Apotheke , sich unterstehen könnte , ihr untreu zu werden . Die Kerzen brannten jetzt , das Publikum wurde eingelassen . Seitwärts , unter dem Herzogsstuhl , war die Flügelthüre zu der Halle des Schlosses geöffnet , von welcher ein paar Stufen in die Kirche hinunterführten , die Lakaien posierten sich davor , der Weg bis zum Altar war mit roten dicken Teppichen belegt . „ Wird die Herzogin zugegen sein ? “ wisperten die Damen . Aenne gab Auskunft . Durchlaucht sei nicht wohl genug , der Medizinalrat schon in aller Frühe hinaufgeholt worden , die hohe Frau klage über Asthma . Nun erdröhnten die Kirchenglocken über ihnen mächtig