geholfen , wie mir Blanka mittheilte , als ich sie noch einmal inständig bat , mit mir hier in Derenberg zu wohnen ; sie fürchte sich – erklärte sie – in diesem unheimlichen Neste , wo der letzte Hausherr sich selbst das Leben genommen ; ha , ha ! Lauter Gründe , gegen die kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden vermag ! “ Es klang heiser und halb wahnwitzig , und aus dem verstörten Antlitze Army ’ s leuchteten die dunklen Augen im wilden Schmerz . „ Mama ! Mama ! “ rief das junge Mädchen herzzerreißend . „ Army ist krank , er weiß nicht mehr , was er spricht . “ Die blasse Frau erhob sich vom Sessel , schritt zu ihrem Sohne hinüber und faßte seine Hand , sie wollte sprechen , aber ihre Lippen bewegten sich , ohne einen Laut hervorzubringen ; ihre Augen sahen ihn so schmerzlich flehend an , als wollten sie sagen : Schone mich , habe ich nicht genug gelitten im Leben ? – Er sah sie nicht , die flehenden Blicke ; ungeduldig versuchte er die Hand aus der ihren zu befreien : „ Laß gut sein , Mama , laß gut sein ! Ich denke nicht an ’ s Sterben ; ich werde leben – für Euch . Hier ist übrigens ein Schreiben des Herrn Obersten an die Frau Baronin von Derenberg , “ setzte er hinzu , einen Brief aus seiner Brusttasche ziehend und auf den Tisch werfend , „ wahrscheinlich eine Auseinandersetzung , weshalb es so das Beste sei und so weiter . “ Er fuhr sich mit beiden Händen durch die dunklen Haare und trat zum Fenster ; dann schritt er rasch und fest durch das Zimmer und ging hinaus . Ein paar Augenblicke blieb es still drinnen . In den Händen der älteren Baronin knisterte das feine Papier des geöffneten Briefes . „ Sieh hier , Cornelie ! Da steht ’ s , “ rief sie , „ was habe ich Dir heute gesagt ? ‚ Ein anderer Grund für die Bitte meiner Tochter an Ihren Herrn Enkelsohn , ‘ las sie , ‚ ihr die Freiheit wieder zu geben , ist der , daß sie sich durchaus nicht in den Derenberger Verhältnissen gefallen hat ; das Warum ? ersparen Sie mir ; wozu sollen wir uns Bitterkeiten sagen , da wir im Begriff stehen unsere Beziehungen für das fernere Leben vollständig abzubrechen – ‘ Siehst Du , “ unterbrach sie sich heftig , „ das ist die Folge Deiner , die Folge von Nelly ’ s Ungeschicklichkeit im Umgange mit dem verwöhnten Mädchen . Nun habt Ihr das Resultat . Army mag sich bei Euch bedanken , bei Euch allein , für den Untergang seiner sämmtlichen Hoffnungen ! O , es ist haarsträubend , an so viel einfältige stupide Anschauungen , so viel bornirtes Denken und Empfinden gekettet zu sein – das Unglück meines Lebens ! “ Die alte Dame hatte die feinen Hände geballt und sah mit dem Ausdruck geringschätziger Verachtung zu der Gruppe von Mutter und Tochter hinüber . „ Auf mich , Großmama , hast Du ein Recht zu schelten , “ Nelly trat wie schützend vor die Mutter ; „ aber Mama laß ’ aus dem Spiele ! Verzeih , daß ich es wage , so mit Dir zu sprechen ! Aber ich kann nicht anders , Mama war stets freundlich gegen Blanka , liebenswürdiger als Du es gewesen . Ich habe Blanka allerdings nicht geliebt , weil ich fühlte , daß sie sich Army nur auf Wunsch der Tante verlobte . Und jetzt sage ich : Army soll Gott auf den Knieen danken , daß Alles so gekommen ist . Und deshalb , Großmama , bitte ich Dich , kränke Mama nicht durch ungerechte Vorwürfe um dieses falschen herzlosen Geschöpfes willen , das sogar noch unseren Vater im Grabe beschimpfte und ihn zum Selbstmörder – Allmächtiger Gott ! “ unterbrach sie sich , und schon war sie neben der bewußtlosen Mutter zu Boden gesunken und bemühte sich die Ohnmächtige aufzurichten . „ O cielo , cielo ! “ murmelte die alte Dame , „ welch ein Leben , welch ein fürchterliches Leben ! “ – Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 48 , S. 785 – 788 Fortsetzungsroman – Teil 9 [ 785 ] Längst hatte es Mitternacht geschlagen , und noch immer saß Nelly am Bett der fiebernden Mutter . Sie war die Einzige , die den Kopf oben behalten bei der grausamen Veränderung der Dinge . Sie hatte die erschöpfte , besinnungslose Mutter zur Ruhe gelegt und soviel wie möglich die Spuren der Vorkehrungen vernichtet , mit denen man gestern Abend die Schwiegertochter und Braut des einzigen Sohnes empfangen wollte ; sie war leise durch den langen Corridor geschlichen und hatte an der Thür von Army ’ s Zimmer gehorcht ; die Schritte des ruhelos auf und ab Wandernden waren tröstlich in ihr Ohr geklungen . Und nun saß sie wieder und lauschte dem Athem der fiebernden Mutter und hauchte dann und wann einen leisen Kuß auf die feinen Hände , die sich so fest gegen die rasch athmende Brust gepreßt hatten . Der graue Schimmer des erwachenden Tages brach durch die Vorhänge und färbte sich nach und nach mit mattrosigem Lichte . Nelly trat zum Fenster : dort unten lag der Park ; die Blätter der Bäume hingen naß und schwer auf den bereiften Boden ; funkelnd schauten die rothen Kronen der Ebereschen aus dem herbstlich gelben Laube hervor , und über dem Walde schwebte ein feiner weißer Nebel , der in den Wipfeln der hohen Bäume des Parkes wie ein leichter duftiger Schleier hing , rosig durchwebt von der aufgehenden Sonne . Müde und übernächtig lehnte Nelly den Kopf an die Scheiben und schloß die Augen – da hörte sie ein Geräusch hinter