was mein Herz an Liebe besitzt , den ganzen reichen Schatz , der sich da aufgesammelt , den lege ich nun zu Deinen Füßen , mein Liebling , meine Braut ! Laß Dich nicht verstimmen durch das Geheimbleiben unserer Verlobung ; es sind die Verhältnisse , die mich dazu zwingen . Und ist es nicht auch reizend , daß kein Mensch etwas ahnt von unserem süßen Geheimnis ? Ach , Gretchen , das Leben ist schön , wenn man einen so herzigen Schatz hat , wie ich ihn besitze . Wie freue ich mich auf ein Wiedersehen ! Ich denke , so in drei bis vier Wochen darf ich ganz ruhig wieder nach Bendeleben kommen , ohne zu riskieren , daß meine kluge Frau Tante den eigentlichen Grund meiner Anwesenheit ahnt . Wie lang wird mir die Zeit noch dauern bis zu dem Moment , wo mein müde gejagtes Pferd vor der großen Freitreppe Eures Schlosses hält . Ich male mir schon aus , wie Du möglichst ehrbar aussehen wirst , was dem schelmischen Gesichtchen gewiß einen neuen Reiz verleiht . Wäre es doch erst so weit ! Bitte , schreibe bald . Friedel ist ein treuer Mensch , Deine Briefe kommen sicher in meine Hände . Wie geht es Hanna ? Der arme Bergen ; ich wollte , er wäre so glücklich wie ich . Man sieht ihn nirgends , und als ich ihn besuchen wollte , ließ er sich verleugnen . Wie würde er mich beneiden , wenn er wüßte , wieviel mehr Glück ich habe . Leb wohl , meine Braut , mein Liebling , mein einziges Herz , schreibe bald , bitte , ich vergehe vor Ungeduld . Tausend Küsse . Dein Wilhelm . « Ich las , und las mich nicht satt . Dann kam der zweite , der dritte , und endlich hielt ich den letzten in der Hand , den ich gestern bekommen und nur flüchtig lesen konnte : » Mein liebes Gretel ! Vielen Dank für Deinen letzten Brief . Nimm es nicht übel , daß ich ihn erst heute beantworte , es fehlte mir nicht an dem besten Willen , wohl aber an Zelt . Dieser verdammte Dienst bei dem Hundewetter und diese dummen , polnischen Rekruten – Du glaubst es nicht , was es heißt , dabei Geduld zu behalten . Ich habe die Plackerei herzlich satt . Gestern abend ging ich zu Bergens , entre nous , es war sehr langweilig . Hanna machte zwar eine nette Wirtin , aber sie hatte doch nur Augen für ihren Mann , und der sitzt da , als wäre er ein Pascha und spricht goldene Worte der Weisheit . Gretel – das sage ich Dir von vornherein – , einen solchen Normalehemann bekommst Du nicht an mir . Ich konnte es auch nicht zu lange aushalten , ich wäre erstickt , hätte ich noch länger in diesen niedrigen Zimmern sitzen müssen , und eilte hinaus trotz Schnee und Regen . Meinem Burschen gab ich ein paar tüchtige Ohrfeigen , weil er nicht eingeheizt hatte . Es tat mir hinterher leid ; aber geschehen ist einmal geschehen . Wann ich wieder nach Schloß Bendeleben kommen werde , kann ich bei diesem schauderhaften Wetter nicht bestimmen . Morgen gehst Du nun in Dein Vaterhaus zurück ; wie wird es Dir dort gefallen ? Vermutlich nicht übermäßig . Wie werde ich es anfangen , Dich zu sehen ? Zu Dir kommen kann ich nicht , schon um des alten Drachens , der Kathrin , willen . Verzeih mir , mein liebes , gutes Gretchen , ich will Dich nicht kränken . Habe Nachsicht mit mir , ich werde auch wieder anders werden . Ich hätte heute nicht schreiben sollen , doch unterließ ich es schon zu lange . Wie geht es der Gräfin Satewski ? Hier in G. schwärmt die halbe Garnison für die junge Witwe . Sie ist in der Tat auch auffallend schön , kein Wunder , daß die Kameraden gewissermaßen in Aufregung sind , wenn sie einmal hier in der Stadt erscheint . Ich wurde neulich sehr beneidet , weil ich ihren Cicerone machen durfte , als sie hier einige Einkäufe besorgte , doch – Nun aber leb wohl , mein gutes Mädchen , schreibe bald , ich bitte Dich darum – schreibe recht gut , recht lieb , recht aus Deinem treuen Herzen . Dein Wilhelm . N.S. Wie mir Ruth erzählt , ist der salbungsvolle Liebling meiner Tante jeden Tag zum Abendessen Euer Gesellschafter . Ich finde es mindestens sonderbar , es ist aber wohl besser , ich behalte meine Bedenken für mich . « Es lag etwas Gereiztes , Verstimmtes in diesen wenigen Zeilen . Welch ein Unterschied zwischen jenem ersten und diesem letzten Brief ! Er wurde mir um so fühlbarer , als ich beide nun miteinander verglich . Was verstimmte ihn nur so , und was mochte ihm begegnet sein , daß er sich so unglücklich fühlt ? Gewiß war ihm diese Heimlichkeit ebenso verhaßt wie mir , aber was half es ? Wer A sagt , muß auch B sagen ! Oder sollte es vielleicht Eifersucht sein ? Aber nein , er wußte ja , wie unaussprechlich ich ihn liebe . Ich wollte ihm rasch schreiben , ihm recht Mut einsprechen ; es galt doch nur noch eine kurze Zeit , dann war alles überstanden . Ich erhob mich , holte Tinte , Feder und Papier und schrieb ihm , wie er es gewünscht , so recht ans treuem Herzen . Aus dem Schlafzimmer drangen die leisen Atemzüge Kathrins , und so ruhig es um mich her war , wurde es auch in mir , je mehr ich schrieb . Heute weiß ich nicht mehr , was alles ich dem Papier damals anvertraute , aber jedes meiner Worte war von der Liebe diktiert . Herzlich und warm klang alles , als ich ihm Mut und Trost einsprach und scherzend versicherte , ich hätte ihn gleich lieb