diese » paar Grübchen zuviel « unsren glatten und wie mit Schachtelhalm polierten Schach auf vier Wochen in eine von seinen Feinden bewitzelte Stellung hätten bringen können . Er flieht also , sag ich , löst sich feige von Pflicht und Wort , und als ihn schließlich , um ihn selber sprechen zu lassen , sein » Allergnädigster König und Herr « an Pflicht und Wort erinnert und strikten Gehorsam fordert , da gehorcht er , aber nur , um im Momente des Gehorchens den Gehorsam in einer allerbrüskesten Weise zu brechen . Er kann nun mal Zietens spöttischen Blick nicht ertragen , noch viel weniger einen neuen Ansturm von Karikaturen , und in Angst gesetzt durch einen Schatten , eine Erbsenblase , greift er zu dem alten Auskunftsmittel der Verzweifelten : un peu de poudre . Da haben Sie das Wesen der falschen Ehre . Sie macht uns abhängig von dem Schwankendsten und Willkürlichsten , was es gibt , von dem auf Triebsand aufgebauten Urteile der Gesellschaft , und veranlaßt uns , die heiligsten Gebote , die schönsten und natürlichsten Regungen eben diesem Gesellschaftsgötzen zum Opfer zu bringen . Und diesem Kultus einer falschen Ehre , die nichts ist als Eitelkeit und Verschrobenheit , ist denn auch Schach erlegen , und Größeres als er wird folgen . Erinnern Sie sich dieser Worte . Wir haben wie Vogel Strauß den Kopf in den Sand gesteckt , um nicht zu hören und nicht zu sehen . Aber diese Straußenvorsicht hat noch nie gerettet . Als es mit der Mingdynastie zur Neige ging und die siegreichen Mandschuheere schon in die Palastgärten von Peking eingedrungen waren , erschienen immer noch Boten und Abgesandte , die dem Kaiser von Siegen und wieder Siegen meldeten , weil es gegen » den Ton « der guten Gesellschaft und des Hofes war , von Niederlagen zu sprechen . Oh , dieser gute Ton ! Eine Stunde später war ein Reich zertrümmert und ein Thron gestürzt . Und warum ? weil alles Geschraubte zur Lüge führt und alle Lüge zum Tod . Entsinnen Sie sich des Abends in Frau von Carayons Salon , wo bei dem Thema » Hannibal ante portas « Ähnliches über meine Lippen kam ? Schach tadelte mich damals als unpatriotisch . Unpatriotisch ! Die Warner sind noch immer bei diesem Namen genannt worden . Und nun ! Was ich damals als etwas bloß Wahrscheinliches vor Augen hatte , jetzt ist es tatsächlich da . Der Krieg ist erklärt . Und was das bedeutet , steht in aller Deutlichkeit vor meiner Seele . Wir werden an derselben Welt des Scheins zugrunde gehn , an der Schach zugrunde gegangen ist . Ihr Bülow Nachschrift . Dohna ( früher bei der Garde du Corps ) , mit dem ich eben über die Schachsche Sache gesprochen habe , hat eine Lesart , die mich an frühere Nostitzsche Mitteilungen erinnerte . Schach habe die Mutter geliebt , was ihn , in einer Ehe mit der Tochter , in seltsam peinliche Herzenskonflikte geführt haben würde . Schreiben Sie mir doch darüber . Ich persönlich find es pikant , aber nicht zutreffend . Schachs Eitelkeit hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle gehalten , und seine Vorstellungen von Ehre ( hier ausnahmsweise die richtige ) würden ihn außerdem , wenn er die Ehe mit der Tochter wirklich geschlossen hätte , vor jedem Fauxpas gesichert haben . B. Einundzwanzigstes Kapitel Victoire von Schach an Lisette von Perbandt Rom , 18. August 1807 Ma chère Lisette . Daß ich Dir sagen könnte , wie gerührt ich war über so liebe Zeilen ! Aus dem Elend des Krieges , aus Kränkungen und Verlusten heraus hast Du mich mit Zeichen alter , unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine Versäumnisse nicht zum Üblen gedeutet . Mama wollte mehr als einmal schreiben , aber ich selber bat sie , damit zu warten . Ach , meine teure Lisette , Du nimmst teil an meinem Schicksal und glaubst , der Zeitpunkt sei nun da , mich gegen Dich auszusprechen . Und Du hast recht . Ich will es tun , so gut ich ' s kann . » Wie sich das alles erklärt ? « fragst Du und setzest hinzu , » Du stündest vor einem Rätsel , das sich Dir nicht lösen wolle « . Meine liebe Lisette , wie lösen sich die Rätsel ? Nie . Ein Rest von Dunklem und Unaufgeklärtem bleibt , und in die letzten und geheimsten Triebfedern andrer oder auch nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken ist uns versagt . Er sei , so versichern die Leute , der schöne Schach gewesen und ich , das mindeste zu sagen , die nicht-schöne Victoire , das habe den Spott herausgefordert , und diesem Spotte Trotz zu bieten , dazu hab er nicht die Kraft gehabt . Und so sei er denn aus Furcht vor dem Leben in den Tod gegangen . So sagt die Welt , und in vielem wird es zutreffen . Schrieb er mir doch Ähnliches und verklagte sich darüber . Aber wie die Welt strenger gewesen ist als nötig , so vielleicht auch er selbst . Ich seh es in einem andern Licht . Er wußte sehr wohl , daß aller Spott der Welt schließlich erlahmt und erlischt , und war im übrigen auch Manns genug , diesen Spott zu bekämpfen , im Fall er nicht erlahmen und nicht erlöschen wollte . Nein , er fürchtete sich nicht vor diesem Kampf , oder wenigstens nicht so , wie vermutet wird ; aber eine kluge Stimme , die die Stimme seiner eigensten und innersten Natur war , rief ihm beständig zu , daß er diesen Kampf umsonst kämpfen und daß er , wenn auch siegreich gegen die Welt , nicht siegreich gegen sich selber sein würde . Das war es . Er gehörte durchaus , und mehr als irgendwer , den ich kennengelernt habe , zu den Männern , die nicht für die Ehe geschaffen sind . Ich erzählte Dir schon , bei