die mich hinterrücks wieder überfallen wollten . Rasch nahm ich Angelinas Bild - ich hatte die Widmung , die darunter stand , abgeschnitten - und küßte es . Es war das alles so töricht und widersinnig , aber warum nicht einmal von - Glück träumen , die glitzernde Gegenwart festhalten und sich daran freuen , wie über eine Seifenblase ? Konnte denn nicht vielleicht doch in Erfüllung gehen , was mir da die Sehnsucht meines Herzens vorgaukelte ? War es so ganz und gar unmöglich , daß ich über Nacht ein berühmter Mann wurde ? Ihr ebenbürtig , wenn auch nicht an Herkunft ? Zumindest Dr. Savioli ebenbürtig ? Ich dachte an die Gemme Mirjams : wenn mir noch andere so gelangen wie diese - kein Zweifei , selbst die ersten Künstler aller Zeiten hatten nie etwas Besseres geschaffen . Und nur einen Zufall angenommen : der Gatte Angelinas stürbe plötzlich ? Mir wurde heiß und kalt : ein winziger Zufall - und meine Hoffnung , die verwegenste Hoffnung , gewann Gestalt . An einem dünnen Faden , der stündlich reißen konnte , hing das Glück , das mir dann in den Schoß fallen müßte . War mir denn nicht schon tausendfach Wunderbareres geschehen ? Dinge , von denen die Menschheit gar nicht ahnte , daß sie überhaupt existierten ? War es kein Wunder , daß binnen weniger Wochen künstlerische Fähigkeiten in mir erwacht waren , die mich jetzt schon weit über den Durchschnitt erhoben ? Und ich stand doch erst am Anfang des Weges ! Hatte ich denn kein Anrecht auf Glück ? Ist denn Mystik gleichbedeutend mit Wunschlosigkeit ? Ich übertönte das : » Ja « in mir : - nur noch eine Stunde träumen - eine Minute - ein kurzes Menschendasein ! Und ich träumte mit offenen Augen : Die Edelsteine auf dem Tisch wuchsen und wuchsen und umgaben mich von allen Seiten mit farbigen Wasserfällen . Bäume aus Opal standen in Gruppen beisammen und strahlten die Lichtwellen des Himmels , der blau schillerte wie der Flügel eines gigantischen Tropenschmetterlings , in Funkensprühregen über unabsehbare Wiesen voll heißem Sommerduft . Mich dürstete , und ich kühlte meine Glieder in dem eisigen Gischt der Bäche , die über Felsblöcke rauschten aus schimmerndem Perlmutter . Schwüler Hauch strich über Hänge , übersät mit Blüten und Blumen , und machte mich trunken mit den Gerüchen von Jasmin , Hyazinthen , Narzissen , Seidelbast - - - Unerträglich ! Unerträglich ! Ich verlöschte das Bild . - Mich dürstete . Das waren die Qualen des Paradieses . Ich riß die Fenster auf und ließ den Tauwind an meine Stirne wehen . Es roch nach kommendem Frühling - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Mirjam ! Ich mußte an Mirjam denken . Wie sie sich vor Erregung an der Wand hatte halten müssen , um nicht umzufallen , als sie mir erzählen gekommen , ein Wunder sei geschehen , ein wirkliches Wunder : sie habe ein Goldstück gefunden in dem Brotlaib , den der Bäcker vom Gang aus durchs Gitter ins Küchenfenster gelegt . - - - Ich griff nach meiner Börse . - Hoffentlich war es heute nicht schon zu spät , und ich kam noch zurecht , ihr wieder einen Dukaten zuzuzaubern ! Täglich hatte sie mich besucht , um mir Gesellschaft zu leisten , wie sie es nannte , dabei aber fast nicht gesprochen , so erfüllt war sie von dem » Wunder « gewesen . Bis in die tiefsten Tiefen hatte das Erlebnis sie aufgewühlt und , wenn ich mir vorstellte , wie sie manchmal plötzlich ohne äußern Grund - nur unter dem Einfluß ihrer Erinnerung - totenblaß geworden war bis in die Lippen , schwindelte mir bei dem bloßen Gedanken , ich könnte in meiner Blindheit Dinge angerichtet haben , deren Tragweite bis ins Grenzenlose ging . Und wenn ich mir die letzten , dunklen Worte Hillels ins Gedächtnis rief und in Zusammenhang damit brachte , überlief es mich eiskalt . Die Reinheit des Motivs war keine Entschuldigung für mich , - der Zweck heiligt die Mittel nicht , das sah ich ein . Und was , wenn überdies das Motiv : » helfen zu wollen « nur scheinbar » rein « war ? Hielt sich nicht vielleicht doch eine heimliche Lüge dahinter verborgen ? : der selbstgefällige , unbewußte Wunsch , in der Rolle des Helfers zu schwelgen ? Ich fing an , irre an mir selbst zu werden . Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte , war klar . Schon als die Tochter Hillels mußte sie anders sein als andere Mädchen . Wie hatte ich nur so vermessen sein können , auf solch törichte Weise in ein Innenleben einzugreifen , das vielleicht himmelhoch über meinem eigenen stand ! Schon ihr Gesichtsschnitt , der hundertmal eher in die Zeit der sechsten ägyptischen Dynastie paßte und selbst für diese noch viel zu vergeistigt war , als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen , hätte mich warnen müssen . » Nur der ganz Dumme mißtraut dem äußern Schein « , hatte ich irgendwo einmal gelesen . - Wie richtig ! Wie richtig ! Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde ; sollte ich ihr eingestehen , daß ich es gewesen war , der die Dukaten Tag für Tag ins Brot geschmuggelt hatte ? Der Schlag käme zu plötzlich . Würde sie betäuben . Ich durfte das nicht wagen , mußte behutsamer vorgehen . Das » Wunder « irgendwie abschwächen ? Statt das Geld ins Brot zu stecken , es auf die Treppenstufe zu legen , daß sie es finden mußte , wenn sie die Tür aufmachte , und so weiter , und so weiter ? Etwas Neues , weniger Schroffes würde sich schon ausdenken lassen , irgendein Weg , der sie aus dem Wunderbaren allmählich wieder ins