eine hochgestellte heidnische Chinesin , die sich für ihre Stickereiarbeiten interessiert , die geheime Warnung zugegangen , sie möchten fliehen , solange es noch Zeit sei , denn die Niedermetzelung aller Fremden stehe unmittelbar bevor . « Und dann setzte der Bischof hinzu : » Bisher ist es mir nicht gelungen , die Gesandtschaften von der Dringlichkeit der Gefahr zu überzeugen , aber ich will es sofort noch einmal versuchen . Um diplomatische Noten kann es sich jetzt freilich nicht mehr handeln , sondern darum , Vorbereitungen für den Angriff zu treffen , den ich persönlich für unausbleiblich halte . Die Gesandten müssen sich entschließen , Schutztruppen von den Geschwadern zu verlangen . « Und endlich mußte des Bischofs Stimme oder eigene verspätete Einsicht gewirkt haben . Endlich entschlossen sich die Verblendeten , die bisher des Daseins Aufgabe nur darin gesehen , die in Europa unter ihren Ländern spielenden Eifersüchteleien auch hier draußen möglichst zu vertreten . Gemeinsame Gefahr brachte eine , wenn auch nur scheinbare und momentane Verschmelzung der sonst so entgegengesetzten Interessen . Zwar gab es noch immer solche , die sich nur widerstrebend dem allgemeinen Vorgehen anschlossen , weil sie im stillen meinten , gerade ihr Land sei in China so beliebt , daß sie persönlich , was auch den übrigen etwa drohen möge , nie etwas zu befürchten haben würden - während andere wieder ihrer mit einem fernen , unheilvollen Krieg vollauf beschäftigten Regierung gern neue Verwicklungen und internationale Fragen erspart hätten , und daher vielleicht sogar gegen besseres Wissen die Ansicht vertraten , es handle sich ja nur um vorübergehende Notstandsunruhen , denen einige Tage Regen , mit den damit verbundenen Ernteaussichten sofort ein Ende bereiten würden . Aber trotz alledem erfolgte endlich der längst schon gebotene Schritt . Und durch die weite ausgedörrte Ebene , wo die Boxerscharen sengend und metzelnd schwärmten und die wilden Kansutruppen nach Blut und Beute lechzten , wo in brennenden Kirchen ganze Kongregationen umkamen , Bahnstationen in Flammen aufgingen , und Scharen halbnackter Flüchtlinge erbarmungslosen Verfolgern zu entkommen suchten , - durch diese weite Ebene glitt endlich längs der Telegraphendrähte , von den hohen finstern Mauern der Stadt her , bis hinaus an die Reede , wo Kriegsschiffe aller Flaggen lagen , der Ruf , der von ihnen Hilfe für die dort Bedrohten erbat . Und sie kamen , die also Herbeigerufenen . Vierhundert waren es ungefähr . Um ihr Eintreffen zu sehen , hatten sich viele an den Bahnhof begeben , an diesen Bahnhof , von dem vor wenig Wochen die Taitai lächelnd abgereist war . Auch Tschun war hinausgelaufen . Heiß und verstaubt kamen die vierhundert an , aber im übrigen schienen sie guter Dinge und froh der plötzlichen Gelegenheit , die sagenhafte Stadt Peking auch einmal zu sehen . Ohne Gedanken an Qual und Grab , die ihrer hinter den hohen dräuenden Mauern vielleicht harren mochten , zogen sie ein durch die tiefen unheimlichen Tore , schimpften nur in ihren verschiedenen Sprachen über den » verdammten Staub « . Denn bei solcher Gelegenheit , die einer kleinen internationalen Parade glich , zeigte sich doch ein jeder gern von der besten , adrettesten Seite ! - Vierhundert . Genügend vielleicht für eine nur als Warnung und Einschüchterung gedachte Demonstration gegenüber einer Regierung , die , so weltfremd sie auch sein mochte , doch immerhin einen Begriff haben mußte von den realen Machtvorräten , die hinter diesen gleichsam als Muster Entsandten standen . Aber was bedeutete , falls es zu wirklichem Kampfe kommen sollte , dies Häuflein gegen die schier unermeßlichen Horden fanatisierter Wilden , denen all jene feinen Begriffe von Prestige und Symbolik abgingen , und die in vierhundert eben immer nur vierhundert sehen würden ? - Und Tschun begriff nur zu gut den spöttischen Ausdruck in manchen Gesichtern der dicht gestauten Menge , die dem Einzug der fremden Truppen scheinbar teilnahmlos zuschaute . » Warum hat man noch mehr fremde Teufel hereingelassen ? « hörte er im Gedränge eine Stimme mürrisch fragen , und dann antwortete eine andere in geringschätzigem Tone : » Das ist ja ganz gleichgültig , denn was vermöchte diese Handvoll gegen die I ho Chüan , die wie Heuschreckenschwärme sind ! Kein einziger von diesen kommt aus Peking je lebend hinaus ! « Von den vierhundert wurden vierzig dem alten Bischof zum eventuellen Schutz des Petang gesandt . Das große Missionsgrundstück , mit den vielen weitläufigen Gebäuden , war schon sehr voll . Ein paar tausend Flüchtlinge kampierten jetzt da , und immer noch wuchs ihre Zahl , vermehrt durch solche , die von weither geflohen kamen , wie auch durch andere , die sich sogar in ihren Häusern in Peking selbst nicht mehr sicher fühlten . Denn private Feindschaft hatte begonnen , zu dem einfachen Mittel zu greifen , Mißliebige als Anhänger der Fremden bei den Boxern zu denunzieren . Und den Boxern als verdächtig zu erscheinen , genügte , um des Schlimmsten gewärtig sein zu müssen . Die Boxer geboten über das Geschick aller anderen und standen selbst über jedem Gesetz , wer ihre Kleidung trug , hatte das Recht , zu rauben , zu brennen und morden . Tschun und seine Mutter waren bisher in ihrem Häuschen geblieben , obschon es ihm schien , daß die kränkliche alte Frau bei den Nonnen des Petang besser aufgehoben sein würde . Aber sie konnte sich nicht entschließen , das Häuschen zu verlassen , wo sie seit so vielen Jahren gewohnt . Würde man denn je wiederfinden , was man aufgab ? Nur zu wahrscheinlich erschien es , daß jedes von den Besitzern verlassene Gebäude sofort bis zur Unkenntlichkeit ausgeplündert werden würde , sei es von den Boxern und Soldaten selbst , sei es von den mit ihnen ziehenden Arbeitsscheuen und Arbeitslosen , von all dem Gesindel , das in dieser Zeit der Not und Demoralisation in unheimlichen Mengen auftauchte . - Wirklich verliefen die nächsten Tage ohne besondere Zwischenfälle , und diejenigen , die gesagt , daß das bloße Erscheinen einiger