der Stelle die Tür . Sie klagte vor dem Kaufmannsgericht um den Restgehalt und » verglich « sich mit ihm auf zwanzig Mark . Damit stand sie im Monat Juli auf der Straße . Eine neue kaufmännische Stellung konnte um diese Zeit nicht gefunden werden , trotzdem sie täglich im Zigarrenladen , an der Ecke , die Zeitung durchsah und Annoncen herausschrieb , was ihr der Besitzer des Ladens gutmütig gestattete . Natürlich befragte er sie um den Zweck dieses Tuns , und sie klagte ihm ihr Leid . Nachdem sie immer elender aussah und schließlich auf seine Frage gestand , daß sie hungerte , bot er ihr einen Ausweg aus ihrer Lage . Seine Familie sei auf dem Lande , er sei Strohwitwer und entbehre » seine Ordnung « , besonders aber die gewohnte » Hausmannsküche « . Ob sie denn kochen könnte ? - Nun , wenn man acht Jahre Hausfrau gewesen war , so sei das wohl selbstverständlich . - Ob sie täglich zu ihm kommen wolle , für ihn und sich zu kochen ? Natürlich müßte sie gleichzeitig das Aufräumen der Wohnung besorgen , denn » zwei zu halten « , würde nicht lohnen . Dafür wolle er ihr die Kost und drei Mark wöchentlich geben . - - - Als sie das erstemal mit dem Mülleimer in den Hof ging , begegnete ihr die Portierfrau und sah ihr mißtrauisch nach . Am anderen Tag , als sie früh in den Hausflur des Vorderhauses trat und eben die Treppen hinaufgehen wollte , vertrat ihr die Portierfrau den Weg : » Wenn Se hier oben Aufwartefrau sind , denn jehen Se man hintenrum ! « Und sie ging hintenrum . - - - Der neue Herr erzählte ihr , während der Mahlzeiten , die sie mit ihm zusammen einnahm , vertrauensvoll seine Geschichte . Er hätte einmal studieren wollen , für die Gewerbeakademie . Leider habe er seine Kariere durch Heirat zerstört . Seine Geliebte , eine Blusennäherin , sei in andere Umstände gekommen , und da habe er als » Schentelmann « gehandelt , als » Kavalier « und sie geheiratet . » Ein Kavalier ist kess « , schloß er . - Sein Äußeres schilderte Erika als das eines Menschen von » zwerghaftem Typ « mit O-Beinen , einer » Stubsnase « , in die es hineinregnen konnte und bürstenartig geschorenem Haar . Eines Abends , als sie sich nach dem Abendbrot anschickte , nachhause zu gehen , und ihm vorher noch das Bett abdeckte , begann er , wie sie sich ausdrückte , - » sexuelle Gespräche zu führen « . Wie eine Frau in ihren Jahren denn ohne Mann leben könne , - was ihn betreffe , so leide er unter der Abwesenheit seiner Frau schon so , » daß es nicht mehr schön sei « usw. Sie , mit ihrer naiven Art , alles buchstäblich und ernst zu nehmen , antwortete ihm in wohlwollend aufklärender Weise » wissenschaftlich « und hielt eine Abhandlung über die Phänomene geschwächter Willenskraft , die dazu angetan wären , Libido zu steigern . Die Stubsnase blieb verblüfft und behandelte sie aus Verlegenheit grob . Mitten in diese Situation , an der sie täglich immer schwerer schleppte , kam eine Wendung , die sie als das » Wunderbare « empfinden mußte . » Zum Ordnen der Bibliothek wird gebildete Dame gesucht . « Sie ging an die Adresse . Es war ein vornehmes Grundstück im Grunewald , das sie betrat . In einem weiten Park , in dem ein kleiner See eingeschlossen war , auf welchem Schwäne und wilde Enten schwammen , und an dessen Ufern graue und rosenrote Flamingos spazierten , - inmitten eines kleinen Haines herrlicher Kiefer mit pinienartigen Kronen , zwischen denen vereinzelte Buchen rauschten , - lag ein schloßartiges , altes Landhaus . Hier wohnte die Herrschaft , die eine gebildete Dame zum Ordnen der Bibliothek suchte . Sie war in ungewöhnlich zeitiger Morgenstunde gekommen , um die erste der Bewerberinnen zu sein . Betaut lag der Park , und zart und morgenfrisch wölbte sich der Himmel über dem märkischen Walde . Der frische , leichte Wind spielte mit dem Kiefernduft , trug ihn bald stärker vorwärts und wehte ihn dann wieder zurück . Auf dem Wasser kräuselten sich kleine , silbrige Wellen ... Während sie in der Halle wartete , fürchtete sie schon , zu so früher Stunde nicht angenommen zu werden . Aber da kam der Diener zurück und forderte sie auf , ihm zu folgen . Sie wurde in einen weiten Bibliothekssaal geführt . Während sie mit vor Erwartung gespannten Nerven um sich blickte , trat aus der Portiere des Nebenzimmers eine alte Frau , im dunklen Morgenkleid , mit geradem , strengen Faltenwurf , - mit weißen Locken , die silbrig schimmernd bis zur Schulter fielen und leuchtenden Blauaugen , die sie auf Erika ruhen ließ , - der unter diesen Blicken leichter zumute wurde . Und Frau Dr. Wallentin fand Gefallen an Erika und behielt sie zum Ordnen der Bibliothek ... Einen ganzen Monat lang durfte sie ihr neues Amt versehen . Es galt , den Inhalt der großen Bücherkisten , welche die beiden Söhne von Frau Dr. Wallentin nach Hause sandten , zu ordnen . Weit über Meere und Länder kamen diese Kisten ; und sie brachten nicht nur Bücher , sondern Aufzeichnungen , Aktenmaterial , photographische Aufnahmen , Sammlungen aller Art. Manfreds Material sammelte Tatsachen der sozialen Kultur in Indien , Japan , Amerika , Neuseeland , - Florian , der Jüngere , sandte neue Kundschaft aus den dunklen Gegenden der Erde , berichtete über unzivilisierte und halbzivilisierte Völkerstämme . Die beiden Brüder , der älteste und der jüngste , waren auf Weltreisen , - jeder auf einer anderen Tour . Der eine durchforschte an den Rändern der Erdteile fremde Kulturen , der andere drang mit einer Expedition ins Innere zu Naturvölkern . Der mittlere Sohn , Justus , war zu Hause , als Rechtsanwalt in Berlin