der Tür . Sie hatte einen Kehrbesen in der Hand und sah unordentlich aus . Caspar schaute in ihr fahles Gesicht , er sah sie lange an , fast so matt und bewegt , wie er den toten Vogel angesehen . Botschaft aus der Ferne Es war aber von da an nicht mehr auszuhalten mit Frau Behold . Wahrscheinlich bereitete sich in dieser Zeit schon der furchtbare Gemütszustand vor , der späterhin ihr Schicksal verhängnisvoll beschloß . Jedermann scheute sich , mit ihr zu tun zu haben . Kaum hatte sie sich irgendwo hingesetzt , so sprang sie auch schon wieder auf , um fünf Uhr früh war sie schon munter , lärmte in den Zimmern und auf den Stiegen und klopfte Caspar aus dem Schlaf , wobei sie ein solches Gepolter an seiner Tür machte , daß er mit wehem Kopfe erwachte und den ganzen Tag zu keiner Arbeit fähig war . Bei Tisch sollte er nicht reden , und wenn er einmal Widerspruch hielt , drohte sie , ihn beim Gesinde in der Küche essen zu lassen . Kam ein Fremder und Caspar wurde gerufen , so erging sie sich in bissigen Wendungen . » Ich bin neugierig , ob Sie aus dem Stockfisch was herausbringen « , sagte sie etwa ; » man hat Ihnen sicherlich weisgemacht , daß Sie ein Unikum von Klugheit an ihm finden werden . Überzeugen Sie sich doch ; sehen Sie zu , ob die arme Seele ein vernünftiges Wort hergibt . « Solches machte den Gast , wer er auch war , verlegen , und Caspar stand da und wußte nicht , wohin er schauen sollte . Wie früher mußten Menschen her , um die Räume des Hauses zu füllen , Gelächter sollte über die morschen Stiegen hallen und knisternde Schleppen den Staub der Jahrzehnte abfegen . Aber die Tage waren von den Nächten so verschieden wie der Ballsaal , wenn die Lichter brennen und dann , wenn die Leute gegangen sind , der Pförtner die Kerzen auslöscht und Mäuse über die befleckten Teppiche huschen . In einem solchen Dasein wächst Schuld wie das Unkraut auf nicht gepflügtem Acker . Große Schuld kann reinigen in Buße oder Leiden ; die kleinen Versäumnisse und unnennbaren Missetaten , die an vielen Stunden vieler Tage hängen , zermürben die Seele und fressen das Mark des Lebens auf . Jedenfalls war Frau Behold eine sehr moralische Natur , weil sie dem Menschen nicht verzeihen konnte , der ihre Tugend ins Wanken gebracht hatte , wenngleich nur für eine schwüle Gewitterstunde . Aber lag es bloß daran ? War ihr nicht vielmehr die ganze Welt auf den Kopf gestellt durch das unerwartete Bild der Unschuld , das ihr der Jüngling dargeboten hatte ? Eine solche umgedrehte Welt war ihr nicht erträglich , um darin zu leben . Es war ein Raub an ihr geschehen , und sie verlangte nach Rache . Den Freunden Caspars blieb der veränderte Zustand im Hause Behold nicht verborgen . Bürgermeister Binder war der erste , der mit Nachdruck erklärte , Caspar dürfe nicht länger dort verbleiben . Daumer unterstützte diese Meinung lebhaft , und der Redakteur Pfisterle , hitzig und unbequem wie immer , beschimpfte in seiner Zeitung den Magistratsrat und äußerte den Verdacht , man wünsche den Findling unschädlich zu machen und die Stimmen mit Gewalt zum Schweigen zu bringen , welche die Anrechte seiner geheimnisvollen Geburt durchsetzen wollten . » Da lebt er , der rätselhafte Knabe , dem ein unsichtbares Diadem auf der Stirn glänzt , wie ein einsames Tier , das sich nur mit ein paar schüchternen Sprüngen ans Licht getraut und während es über den Acker hüpft possierlich mit Schwanz und Ohren wackelt , um seine Feinde zu ergötzen , dabei aber ängstlich nach allen Seiten spitzt , um bald wieder ins erste beste Loch zu kriechen . « So der aufgeregte Schreibersmann . Danach entschlossen sich die Stadtväter nach mancherlei Beratungen , wie vordem einen Erziehungs- und Kostbeitrag aus der Gemeindekasse auszusetzen , und weil niemand so wie Herr von Tucher geeignet schien , dem Elternlosen ein Obdach zu bieten , legte man ihm die Sache beweglicherweise ans Herz , appellierte an seine Großmut und an die ausgezeichnete Stellung seiner Familie , deren Name allein genügen würde , den Jüngling vor gemeinen Verfolgungen zu schützen . Herr von Tucher hatte jedoch Bedenken . Das plötzliche Gezeter gegen die Beholdschen verdroß ihn . » Erst seid ihr froh gewesen , für den jungen Menschen einen Unterschlupf zu finden , und auf einmal wird hohes Kammergericht gespielt , « sagte er ; » soll ich annehmen , daß es mir besser ergeht ? Ich will nicht Gefahr laufen , daß mein Privatleben von oben bis unten beschnüffelt wird , ich will nicht jedem müßigen Hahn erlauben , sein Kikeriki in meinen Frieden zu krähen . « Auch die Familie , besonders seine Mutter , erhob Einspruch und warnte ihn , sich . in Abenteuer zu begeben . Es hieß sogar , die alte Freifrau habe dem Sohn einen unangenehmen Auftritt bereitet und ihm gesagt , wenn er den Hauser zu sich nehmen wolle , möge er nur dessen Unterhalt aus Gemeindekosten bestreiten , sie gebe keinen Groschen dafür her . Aber Herr von Tucher war ein Pflichtmensch . Er fand , daß es seine Pflicht sei , Caspar aufzunehmen . Da er in ihm schon einen halb Verlorenen sah , stellte er sich vor , daß er damit einen unglücklich Irrenden wieder auf die gebahnten Wege des Lebens führen könne . Der gute Caspar ermangelt vielleicht nur einer männlichkräftigen Hand , sagte er sich ; die Faseleien von Übernatur und Ausnahmswesen , das beständige Bestarrt- und Bewundertwerden , alles das war ihm verderblich ; Einfachheit , Ordnung , überlegte Strenge , kurz , die Prinzipien einer gesunden Zucht werden ihm heilsam sein . Probieren wirs ! Herr von Tucher hatte sich also hier eine Aufgabe gestellt , und das war das wichtigste . Er erklärte : »