dem Chinesen zu sagen , daß er sofort kommen solle . Die Herren Fu und Tsi in Kairo hatten nach abendländischer Weise gelebt und kein Eingehen auf ihre heimatlichen Gewohnheiten erwartet ; hier aber war mir eine Karte geschickt worden , und so wünschte ich nicht , ganz und gar als » westlicher Barbar « zu gelten . Der Tee wurde von der Etikette vorgeschrieben . Man pflegt ihn zwar nicht zu trinken , aber sobald der Besuchte oder der Besucher die Tasse an den Mund führt , ist dies das Zeichen , daß er die Visite zu beenden wünscht . Der Tee wurde gebracht , aber der Chinese kam nicht . Wollte er mich etwa probieren ? Ich schickte ihm Omar noch einmal , und als er auch dann noch nicht kam , so mußte der Sejjid zum dritten Male hin , und ich ging selbst mit , doch nur die Hälfte des Weges . Dort blieb ich stehen , um meinen Besuch zu erwarten . Nun trat er endlich aus dem Zimmer und näherte sich mir mit fortgesetzten , tiefen Verbeugungen . Ich verneigte mich ebenso und führte ihn nach meiner Tür , an welcher ich mich so stellte , daß er auf ihrer linken Seite , der » Seite der Höflichkeit « , eintreten mußte . Dann folgten wiederholte Verbeugungen , ehe ich ihn dazu brachte , sich eher als ich niederzusetzen , worauf dann auch ich Platz nahm , und zwar zu seiner rechten Hand , denn in China ist links der Ehrenplatz . Omar stellte die Tassen vor uns hin und ging dann hinaus . Bisher war kein Wort gesprochen worden , und ich verhielt mich auch jetzt noch still , weil der Höherstehende das Gespräch zu beginnen hat . Es gab nun einen schweigsamen Wortstreit zwischen der morgen-und der abendländischen Höflichkeit , und ich war fest entschlossen , Sieger zu sein . Es vergingen drei , vier , fünf Minuten , welche unter anderen Verhältnissen höchst peinlich gewesen wären ; hier aber machten sie mir Spaß . Er schien ebenso wie ich sich fest vorgenommen zu haben , der Höflichere zu bleiben , und so könnten wir als charakterstarke Männer noch heute miteinander dort in Point de Galle sitzen , ohne den Mund aufgetan zu haben , wenn ich nicht unwillkürlich mit der Hand nach der vor mir stehenden Tasse gegriffen hätte . Das geschah , wie gesagt , ganz ohne Absicht , nur um irgend Etwas zu tun . Aber er sah mich an , ob ich wohl trinken würde . Als ich das nicht tat , legte er die Hand auch an seine Tasse und trank aber auch nicht . Da kam mir ein köstlicher Gedanke . Wer den Andern sprechen läßt und selbst aber schweigt , ist der Höflichere . Wie nun , wenn ich diese Visite beendete , ohne überhaupt gesprochen zu haben ? ! Aber da mußte ich trinken , um den Besuch zu beenden , und das war doch wohl nicht höflich ! Jedoch , er hatte auch schon die Hand an seiner Tasse . Wollte etwa er der Unhöfliche sein ? Jedenfalls nicht . Oder aber hatte er etwa meine Bewegung nachgemacht , um mit mir zu gleicher Zeit zu trinken ? Wenn er das beabsichtigte , so ging diese Visite ohne irgend ein Wort zu Ende , und da Keiner das Zeichen des Aufbruches allein gegeben hatte , so war jeder von uns Beiden ein wahrer Ausbund der allergrößten chinesischen Höflichkeit ! Ich versuchte es , indem ich die Tasse ein Wenig hob ; er tat sogleich dasselbe . Ich führte sie zum Mund , er auch . Ich trank , er ebenso , mit mir zu gleicher Zeit . Dann stand ich auf , und er in demselben Tempo mit mir . Dann verneigten wir uns gegenseitig so lange , bis er , der sich nach rückwärts » dienerte « , das Zimmer verlassen hatte . Ich bekam ihn dann während des Vormittages nicht wieder zu sehen . Am Nachmittage kam er mir da , wo die breite Hauptstraße der Eingeborenenstadt sich in zwei schmälere spaltet , in einer Rickschah entgegen . Als er mich sah , ließ er halten , stieg aus und verneigte sich , indem ich an ihm vorüberfuhr , so tief , daß ihm sein kleines , schwarzes Käppchen vom Kopfe fiel . Hier , außerhalb der Heimat , trug er weder Hut noch Mandarinenknopf . Ein Glück für sein gesellschaftliches Gewissen , daß ich kein Chinese war , weil sonst in dieser , wenn auch unverschuldeten Entblößung seines Hauptes eine schier unverzeihliche Beleidigung für mich gelegen hätte ! Warum aber diese Höflichkeit gegen mich , die nach europäischen Begriffen fast als übertrieben bezeichnet werden konnte ? Warum vor mir extra aus dem Wagen steigen ? Der Aufschluß hierüber sollte mir später werden . Es war ihm und mir ein schnelleres Wiedersehen bestimmt , als er wohl ebenso wie ich gedacht hatte . Nämlich als ich dann am Abend in Colombo auf mein Zimmer kam , lagen die inzwischen eingegangenen Briefe da , unter ihnen einer , dessen Inhalt mich bestimmte , die von mir geplante Reiseroute dadurch zu verlängern , daß ich ihr die Strecke Ceylon-Sumatra einfügte , und diese Fahrt mußte möglichst sofort , mit dem nächsten Schiffe , unternommen werden . Auf Befragen erfuhr ich , daß heute ein deutscher Lloyddampfer nach Singapore abgegangen , übermorgen aber ein Oesterreicher fällig sei , welcher auch in Penang anlege . Ich beschloß , auf diesem Passage zu nehmen . Am nächsten Tage teilte ich meinem Sejjid Omar diesen Entschluß mit , sagte ihm , wie weit Sumatra von Ceylon liege und um welche Zeit unsere Reise verlängert werde , und fragte ihn , ob er mitfahren wolle ; wenn nicht , so könne er heimkehren ; die Seereise nach Suez würde ich ihm natürlich bezahlen und auch das Gehalt für die Zeit bis zu seiner Ankunft in Kairo . Da