bei steigendem Wohlstand sich geistig weiterzuentwickeln , so hatte er nun immer ein Gefühl der Scheu und Befangenheit in seinem neuen gesellschaftlichen Leben ; dazu hatte er seine alten Gewohnheiten zum Teil beibehalten , die er als ganz armer Mensch gehabt , und hielt viel von dem alten Aberglauben fest , der sich bei den Juden aus dem Osten untrennbar mit ihrer Religion gemischt hat . Dergestalt trat er in seinem Hause nicht hervor , denn die Frau , die er geheiratet , als er schon wohlhabend war , mochte im Grunde wohl auch nicht mehr Bildung besitzen wie er , hatte sich aber die äußeren Formen angeeignet und zeigte eine verwirrte Freundschaft zu vielen unzusammenhängenden Dingen , mit denen man sich in der gebildeten Gesellschaft beschäftigt , und leitete nach diesen Wünschen das Haus . Unter solchen Verhältnissen waren zwei gute und brave Kinder aufgewachsen , ein Sohn und eine Tochter , und hatte der Sohn , der jetzt ein junger Student war wie Hans , schon von Kindheit an eine sonderbare Neigung für ganz entlegene Gelehrsamkeit gehabt und vermochte es durchzusetzen bei dem bekümmerten Vater , der in seines Herzens Grunde alle Leute , die nicht viel Geld verdienen , trotz vieler Mühe zum Gegenteil für dumm halten mußte , daß er Vorlesungen über orientalische Sprachen hören durfte ; die Tochter aber , die vor Fremden Luise genannt wurde , war ein fünfzehnjähriges Mädchen von früher Entwicklung , die eine große Liebe für die Dichtung aufwies . Bei diesen Leuten war Krechting sehr bekannt , und als Hans hier das erstemal einen Besuch machte , mit großer Schüchternheit , und empfangen von einem erstickten Lachen der lustigen Luise , da traf er den dort an . Krechting war gleichfalls jüdischer Abkunft und mochte damals achtundzwanzig Jahre zählen . Vor etwa zehn Jahren war er als Student nach Berlin gekommen und hatte sich einer Gesellschaft gleichalteriger Schriftsteller angeschlossen , in der er nach kurzem berühmt geworden als Dichter von ganz besonderer Begabung , indem er auf eine neue und unerhörte Art sah und darstellte . Dann hatte er ein Büchlein drucken lassen , und weil dieses gerade in die Zeit kam , wo immer Neues sich ablöste , und die Kunstrichter , einmal aus ihrer alten Ruhe geschreckt , gegen sich mißtrauisch geworden waren und begannen , alles Neue und Unerhörte ebenso hoch zu preisen , wie sie es bis vor kurzem verhöhnt hatten , so fehlte es ihm nicht , und der verwachsene junge Mann wurde als der Begründer einer besonderen Richtung gepriesen und als ein solcher sogleich den übrigen jungen Größen der Dichtkunst beigezählt . Seit dieser Zeit aber hatte er kein weiteres Buch geschrieben ; und zwar folgten ihm nun andere Neutöner und wurden neben ihn gestellt , aber sein Name war befestigt und blieb , gerade durch sein Schweigen , indem die Leute zwar mehr und mehr vergaßen , was er eigentlich damals gesagt hatte . Dann sammelte von den jüngeren Kunstrichtern , die zu jener Zeit den Ton angegeben , allmählich einer nach dem andern seine Aufsätze , und in jeder solcher Sammlung war auch ein Aufsatz über ihn , darauf erschienen zusammenhängende Bücher über die geistige Bewegung jener Zeit , und in jedem hatte er eine besondere Stelle ; und so bekam sein Ruhm bereits eine gewisse geschichtliche Art , und war anzunehmen , daß man auch weiterhin über ihn schreiben werde wie bis jetzt , und nach langer Zeit , etwa einige fünfzig Jahre später , würde dann ein jüngerer Gelehrter Quellenstudien über sein Leben machen , seine Briefe herausgeben und auch sein alsdann sehr selten gewordenes Buch ( denn nur wenige Abzüge waren verkauft ) neu drucken lassen . Seine Eltern hatten ihn nach Berlin geschickt , damit er Rechtswissenschaft studiere und dann Anwalt werde und als solcher einen großen Namen bekomme und viel Geld verdiene , er aber hatte das Berufsstudium bald aufgegeben und allerlei anderes getrieben , um seine Persönlichkeit auszubilden . Da er von ärmlichem Herkommen war , so blieben endlich die Zuschüsse von zu Hause aus , und indem er trotz seiner Berühmtheit und seiner vielen und verschiedenen Kenntnisse und Fähigkeiten doch nicht viel verdienen konnte , außer etwas Geringes durch Musikstunden , so gelangte er zu der Meinung über sein Schicksal , die er mit der Redewendung ausdrückte , er sei unter den Frachtwagen gekommen . Den meisten Menschen war es wunderbar , wie er sich zu ernähren vermochte , indessen hatte er sich doch immer durchgeschlagen bis jetzt , vornehmlich durch Bekanntschaft in wohlhabenden Kaufmannsfamilien , dann durch Unterstützungen , die er sich so geschickt zu verschaffen wußte , daß sie nicht kleinlicher Art waren und von vielen kamen , denn geringe Summen , die er geliehen , zahlte er pünktlich zurück . Unter solchen Umständen hatte er jene zehn Jahre verbracht , die in eine wichtige Lebenszeit fielen , wo sich Wesentliches im Menschen bildet . Als er noch Kind war , machte einmal auf ihn eine Stelle aus dem Talmud einen besonderen Eindruck , wo geschrieben stand : Wer eine gerechte Handlung tut , ist ein Geselle Gottes in der Weltschöpfung . Solange er an Gott glaubte , hatte er diesen Gedanken als seinen Mittelpunkt , und seinetwegen glaubte er später nicht mehr an Gott , denn solches Wort ist ja nur ein mythischer Ausdruck der Gottlosigkeit , die aus dem Hochmut kommt . Deshalb hatte er nachher überhaupt keinen Mittelpunkt mehr für sein Selbst , und das einzige Feste in ihm war der Hochmut . Seiner Eltern schämte er sich bald , die ordentliche Leute waren nach ihres Volkes Art , denn er schämte sich auch seines Volkes , ja er legte den Namen seiner Eltern ab und nahm einen fremden an . Dabei fühlte er aber wohl , daß er immer mit sich tragen mußte , was er hierdurch fliehen wollte , nämlich das Erbteil der Schlechtesten unter ihm , den Sinn eines frechen Knechtes . Dem hatte das Schmarotzerleben seine