war ich , gleich allen , die nur noch des Endes harren . Da kamen Sie . Wie soll ich das schildern , was unbewusst , ungesucht geworden , woran ich nie rührte , was ich nicht sehen wollte . Die wir viel gelitten , wir scheuen uns davor , die dunkelsten , verborgensten Tiefen des eigenen Herzens zu durchleuchten , wir gehen rasch an diesen Schlupfwinkeln alter und neuer Leiden vorbei , wie Kinder schnell durch ein finsteres Zimmer laufen . Das Leben hat uns Angst vor dem Unbekannten gelehrt , wir wissen , dass es meist neues Weh bedeutet , drum rühren wir nicht daran , schreiten vorsichtig und reden leise . Mutlos war ich geworden . Wollte nicht sehen , dass wir nach allem Erlebten , doch immer noch Träger vieler Möglichkeiten sind , die verborgen in uns ruhen , harrend nur einer gewaltigen Kraft , die sie unter Schmerzen ins Leben rufe . Ich wähnte , mein Tag ginge schon zur Neige , und es ward noch einmal Licht . Ist es eine gütige , wärmende Sonne , die den Abend reicher und goldener bescheinen wird als es der ganze müde Tag je gewesen ? Ist es ein grell sengender Blitz , der aus dunklem Gewölk niederfährt und das verwüstete Land noch einmal fahl bescheint ? Ich weiss es nicht . Weiss nicht , welch Himmelszeichen über uns steht . Kann nicht der Zukunft Schleier durchdringen . Aber die gewaltige Kraft , die Verborgenes , Schlummerndes ins Leben ruft , sie ist gekommen in Sorgen und Bangen ; sie drückt mir die Feder in die Hand zu Worten , die ewig ungeschrieben geblieben wären , ohne diese Angst um Sie ! Äusseren Schicksalszwanges hat es bedurft , der Not dieser Tage , die mich in mir sehen lehrten . Heute weiss ich , was Sie mir geworden . 50 New York , den 29. Juni 1900 . Die Seymoursche Kolonne ist nach Tientsin zurückgekehrt - und sie ist nie nach Peking gekommen ! Alles Hoffen , dass sie doch dahin gelangt sei , war vergeblich . Nichts , nichts über Peking ist bekannt - und ich weiss nur , dass Sie dort sind . Es heisst , chinesische Vizekönige im Süden hätten Telegramme erhalten , dass die Gesandtschaften sich am 25. Juni noch hielten . Und die ganze Welt lässt sich das bieten , dass den chinesischen Beamten in Schanghai andauernd Nachrichten zugehen über das , was in Peking geschieht , dass die Fremden aber kein Telegramm von dort erhalten können ! Warum bemächtigt man sich denn nicht des Telegraphen-Taotais Sheng in Schanghai und sagt ihm : Binnen vier Tagen erhalten sämtliche Regierungen Chiffre-Telegramme ihrer Gesandten , oder du wirst geköpft ! Das würde wirken . Aber gegen grosse Mandarine ist man ja noch nie scharf aufgetreten ! 51 New York , den 3. Juli 1900 . Heute sagt ein Telegramm , in Tientsin sei ein Bote Sir Robert Harts aus Peking eingetroffen , der einen vom 25. Juni datierten Zettel gebracht habe , die Lage sei verzweifelt , die Fremden in der englischen Gesandtschaft vereinigt , wo sie beschossen würden . O Gott und zu wissen , dass Sie dort sind ! Ob es noch andere Menschen gibt , die dieselbe Verzweiflung empfinden können wie ich ? Und die Empörung , wenn man dann in derselben Zeitung , wo dieser Notschrei steht , spitzfindige Erörterungen darüber liest , ob eigentlich ein Krieg mit China bestände oder nicht , sowie Äusserungen des langjährigen Bewohners und Kenners Pekings , Herrn von Soundso , der erkläre : Prinz Tuan könne unmöglich so gehandelt haben , wie erzählt werde , er sei zwar rauh , aber ehrlich und gutmütig . Ich glaube wahrhaftig , es gibt noch Leute , die sich was darauf einbilden , so einen chinesischen Prinzen gekannt zu haben . Oh über den unvertilgbaren Snobismus der Welt ! 52 New York , den 6. Juli 1900 . Diese entsetzlichen Nachrichten in den Zeitungen - ein Martyrium , sie lesen zu müssen . Die schauerlichsten Einzelheiten , die auf dunklen Wegen über die letzten Kämpfe in Peking bekannt geworden , werden herausgegriffen und dann in riesigen Lettern fett gedruckt als Überschriften , die Leiden all der Unglücklichen zur geschäftlichen Spekulation ausgenutzt , die auf das Sensationsbedürfnis der Menge rechnet . Und nicht nur die Gleichgültigen lesen das , nein auch die , denen es an die innersten Wurzeln alles Lebens und Empfindens greift . Sie sehen all die furchtbaren Bilder vor den inneren Augen , Tag und Nacht ! Wird nichts sie je mehr verwischen ? Und sie müssen auch lesen , dass man die Gesandtschaften als verloren aufgegeben und sich damit abgefunden hat . Es sei überflüssig , heisst es , nochmals Leben zu riskieren , um ihnen zu Hilfe zu eilen , da doch alles längst vorbei sein müsse . Man spricht sogar davon , Tientsin zu räumen . Im Herbst , wenn Hitze und Regenzeiten vorüber , solle dann ein schöner , grosser Strafzug ausgeführt werden . Was liegt uns an Strafe , die wir um unsere Liebsten bangen ! wir wollen Rettung ! 53 New York , den 12. Juli 1900 . Heute besuchten mich ganz fremde Leute , ein alter Mann und eine alte Frau . Sie sagten , sie hätten einen Sohn in Peking gehabt - und das genügte mir ; die fremden Leute standen mir mit einemmal ganz nah . Aber sie sagten , sie hätten ihn gehabt , nicht , dass sie ihn hätten . Sie sind ganz überzeugt davon , dass dort hinter den hohen Mauern alles zu Ende ist , dass keiner mehr lebt . Beide hatten etwas Resigniertes , wie alte Leute , denen ihre Liebsten einer nach dem andern weggestorben sind , bis Unglück schliesslich als das allein Selbstverständliche erscheint . Die alte Frau hatte etwas frischen Krepp auf ein schäbiges schwarzes Kleid gesetzt , das aussah , als sei es in einer Reihe von