Dicht an den Tisch gepreßt , beide Hände vor dem Gesicht , saß die Frau über dem Bilde , und ihre Schultern zuckten im Weinen . Eine unbegrenzte Traurigkeit hatte sie befallen angesichts dieser Qualbeladenen , und sie hatte alles vergessen , sich selbst , Hovannessian , Georges , die Kinder , das Zimmer , in dem sie sich befand - alles . Die Luft um sie war voller Stöhnen , und ihr Herz schien zu bluten , als sei hineingestochen worden . Sie fuhr mit der Hand nach der Brust - da ! da ! da preßte der entsetzliche Riemen und schnitt in das weiche , zuckende Fleisch . Wo war das Kreuzchen ? Da sollte doch ein Kreuzchen hängen an einer Schnur ? Sie tastete danach , als müsse sie auf ihrer Brust das Kreuzchen finden , das jenem Jüngling in der Mitte des Bildes , dem jungen Empörer im roten zerrissenen Kaftan , unter dem Riemen hervor auf der Brust hing . Ach nein , sie hatte nichts vergessen ! Sie wußte alles deutlicher als je . Sie wußte : das ist das Leben , meines auch ! meines auch ! Gerade die zwingende Symbolik des Bildes , diesem Bilde eigen wie allen Werken großer Kunst , gerade diese zwingende Symbolik hatte sie überwältigt , ins Herz getroffen . Alle so ! Alle so ! Sie selbst , Georges , die Kinder , die Kranken . Nur - - Nein , er nicht - der Mann mit dem strahlenden Lächeln war nicht unter dieser Gruppe ! Hovannessian nicht ! Sie blickte ein wenig seitwärts , sie wollte diese großen Züge sehen , auf denen das Leiden keinen Raum hatte ... Aber ein ganz Neues durchbebte sie , als ihre Augen ihn gefunden - halb abgekehrt stand er , sinnend , und große klare Tropfen rannen ihm aus den weit offenen Augen in den Bart ... Sie fühlte eine geheimnisvolle Anwesenheit . Etwas Unsichtbares war hier im Zimmer zwischen ihnen , zwischen jenem weinenden Manne und ihr selbst , die ihre Tränen wie einen heißen Quell strömen fühlte . Sie hielt den Atem an , und eine leichte Bewußtlosigkeit überkam sie : Funken und Sterne umtanzten sie , eine schwere dröhnende Musik betäubte ihre Ohren . Sie flog weg , über dunkle , unabsehbare Tiefen , rasend schnell - - Dann empfand sie eine leichte Berührung , ihre Haare sträubten sich , ein Schauder überlief ihre Kopfhaut , ihre Arme : sie war wach . Neben ihrem Stuhl , in den sie zurückgesunken war , stand Hovannessian , streichelte ihr Haar und murmelte , sich zu ihr niederbeugend : » Das ist jetzt nicht mehr ! Das machen jetzt die kleinen Schleppdampfer ! « Sie lächelten sich an wie zwei Auferstandene , mit Tränen an den Wimpern , ungläubig und erstaunt , umgeben von einer Fülle überirdischer Glückseligkeiten ... » Zum erstenmal sehe ich , daß Sie viel gelitten haben , « flüsterte Josefine und forschte auf seinem ihr jetzt nahen Gesicht . » Es ist das , was Sie so ... « Sie wollte sagen , was Sie so schön macht , aber sie konnte es nicht sagen , sie errötete . Hovannessian hielt ihre Hand , seine Wimpern zitterten wie die Flügel eines dunklen Schmetterlings . » Ich habe in letzter Zeit sehr viel über die Frauen nachgedacht , « sagte er mit fremd klingender Stimme . » Was haben Sie gedacht ? « Er wurde sehr blaß , eine schüchterne Anmut breitete sich über seine männlichen Züge . Er schloß die Augen , preßte stumm ihre Finger . Plötzlich trat ihm das Blut ins Gesicht - er beugte sich tief auf ihre Hand , schamhaft in übermächtigem Gefühl : » Verzeihen Sie ! Verzeihen Sie ! Ich habe nicht so von den Frauen gedacht ! Nicht so hoch ! Verzeihen Sie , Sie haben mich gelehrt ! verwandelt ! ganz verwandelt ! Ich habe nicht gehofft , daß ich finde - - Ich habe nicht geglaubt - oh , verzeihen Sie ! verzeihen Sie ! « Er stürzte auf die Knie , den Kopf an ihr Kleid gedrückt . Dann erhob er sich , hastig und verwirrt , und verließ wortlos das Zimmer . Zwischen den Seelen , die sich anziehen , wächst eine zarte , seidenfeine , lichtscheue Vegetation , wie weiße Algenfäden , wie tastende Wurzelglieder , hinüber , herüber . Zitternd und leicht zerbrechlich , und doch straff die Röhrchen gefüllt mit dem besten Safte des Lebens . Leise , verborgen dem Tage , suchen einander die schwirrenden blinden Fädchen , die seiner Seele , die ihrer Seele entsprossen , und wenn die Stunde erfüllt ist , wenn sich die zarten Munde berühren , die tastenden Glieder aneinander gleiten - dann blüht eine Blume auf , groß und duftend und leuchtend in allen Farben des Himmels und der Erde , genährt von den süßesten und erhabensten Träumen , vom feinsten Herzblute , und ihrem Kelch entsteigen Wolken von Duft , die Leben spenden und Tod , untrennbar , so ineinander gemischt , daß beides eins ist . Und beides ist gleich süß , erhaben und erwünscht , Leben und Tod . Die Stunde war erfüllt , die Blume war erblüht . - - Sterben ! dachte die Alleingebliebene in ihrer Verzückung , sterben in dieser Minute ! Du ! du ! du ! Ich habe ja nicht gewußt , was für Menschen leben ; ich habe ja nicht geahnt , daß es einen Menschen gibt , tausendmal größer , höher , teurer als die ganze Welt . Und du redest von mir , du ! du ! Was bin ich ? Wie kannst du zu mir sprechen , wie du gesprochen hast ? Ich lebe ja nur , seit ich dich kenne ! Ich bin ja nichts ohne dich ! Ich habe ja erst durch dich Sinne , Gefühl , eine Seele bekommen ! Ich sehe erst jetzt die unbeschreibliche Schönheit der