mit hundert starken Armen der Natur zog es sie nieder , damit sie dort auf der heiligen Stelle ihr Leid ausweine , demütig , sehnsüchtig und inbrünstig . Aber der Stolz hielt sie aufrecht , und der Trotz stieß sie von hinnen . Sie verbarg das Gesicht in den Arm und weinte in den Ellbogen . » Und gerade in einem solchen Augenblick « , schluchzte sie , » wo man meint - wo man glaubt , - wo man das Glück - « Dann tauchte sie in die Dämmerung , längs dem Rebberg hinab in gleichmäßigem Geschwindschritte , den Abend mit dem tiefen , sonoren Wohlklang ihres Trauergeheuls erfüllend . Bald aber entstieg dem Schmerze der Zorn . » Warum kommt man denn « , meuterte sie , » und sucht mich auf und bittet und bettelt himmelhoch , daß ich die Gefälligkeit haben möchte ? Ich war ja im Kurbad vortrefflich aufgehoben . Dort ehrt man mich und weiß mich zu schätzen . Ja , wenn ich wollte , wenn ich nur im mindesten ein Zeichen gäbe ! « - » Intrigantin ! - Mannsschleicherin ! Wer ? Ich ? Ich bin nicht darauf angewiesen , Herrschaft zu erschleichen ; ich könnte sie auf dem Teller haben und noch dazu eine vornehmere als den Pfauen - und habe auch nicht nötig , einen Mann zu erschnappen ; sie bieten sich mir ja alle an ! Aber ist denn das meine Schuld ? Ich bin wahrlich nicht diejenige , die ihnen entgegenkommt . Ich begehre nur einen einzigen , den ich gern habe und den ich achten kann ; und dazu habe ich das heilige Recht , so gut wie jede andere . - Es ist wahr , sie hat die Vollmacht , sie hat die gesetzliche Befugnis und Berechtigung , sie kann mir das Haus verbieten , obschon , obschon - es kostete mich ja bloß ein Wörtchen , und er stellte mich öffentlich als seine Braut vor , er hatte ja die Absicht ! Ich hätte dann sehen mögen , wer mir meinen gebührenden Platz an der Leiche meines Bräutigams verwehrt hätte ! Ihn nicht einmal mehr sehen und anrühren zu dürfen ! nicht einmal einen Kuß auf seine bleichen Lippen zu drücken ! - den ersten und letzten ! - Doch verlobt oder nicht verlobt , gleichviel , es gibt eine Wahrheit und eine Treue . Ein Wort ist ein Wort , ob nun öffentlich gesprochen oder unter vier Augen . Und wenn einmal zwei Worte sich gekreuzt haben , unter rechtschaffenen Menschen , so gilt es , auch ohne Ring und Zeugen oder Pfarrer und Zivilpfarrer . Mir hat er das Versprechen gegeben , das heißt , auf ehrlich , er gehört mir , mir allein , in alle Ewigkeit , tot oder lebendig , und keiner anderen , mag sie noch so sehr einen lächerlichen Abgott aus ihm machen ! Daß er mich zuletzt nicht wiedererkannte , das beweist nichts , gar nichts , nicht das mindeste , denn das begreift sich doch : wer mit dem Tode zu kämpfen hat , der hat genug zu tun , er kann nicht den Geist auswärts beschäftigen . « Dann kam ein neuer Schub von Jammer , so daß sie laut aufstöhnte ; in das Stöhnen aber mischte der Zorn bellende Laute . Plötzlich hielt sie an und drehte sich um , das Gesicht nach dem Pfauen emporgerichtet . » Übrigens , ist sie denn verlobt ? « Sie schloß gewaltsam die Lippen und zerdrückte ein böses Wort zweimal und dreimal . Endlich konnte sie sichs doch nicht versagen : » Wenn eine Gewisse wüßte « , entfuhr es ihr , » was ein gewisser Doktor mir für Augen gemacht hat . « - Hernach reiste sie weiter . - » Ich gehe einfach wieder ins Kurbad « , schloß sie ab . Unten im Rank , wo die Herrlisdörferreben sich nach den Rubisthaler Flühen zurückziehen , folgte ihr ein kicherndes Hohngelächter aus dem Weinberg . Kein Zweifel , es waren die Wagginger , denn nur der Feind triumphiert über ein Weh . Flugs machte sie Front und wetterte mit mähenden Armen wie der Pfarrer in der Kirche eine Buß- und Karfreitagspredigt in den Weinberg : » Fluch und Schande über euch gottvergessene Mordbuben ! Möge jedem von euch dereinst in der Sterbestunde das Gewissen in die Gurgel steigen , daß euch die Hölle , der ihr sicher nicht entrinnt , schon auf dieser Welt den Borst sengt und brenselt . Ich bete nicht , der Donner des Himmels möge euch erschlagen , denn unseres Herrgotts gesunder , reinlicher Blitz ist viel zu sauber für schmutzige Wiedehopfe eurer Gattung . Er würde ja zeitlebens stinken , der Blitz , wenn er euch anrührte ! - Männer will das vorstellen ? Männer , dieses krumme , mißgeborene Bastardgezücht , diese siechen Hämlinge ohne Mut , ohne Kraft , ohne Muskel , ohne Stimme ? Aber getrost . Ich habe es mit eigenen Augen gesehen , wie er ihn gestochen hat und wer ihn gestochen hat , und mit mir hundert andere . Man kennt ihn , und man kann ihn nennen . Der Matthiesen-Michel von Niederwaggingen ists und niemand sonst . Ich habe ihm im Tanzsaal die Hand übers Maul geschlagen , ich werde ihm im Gerichtssaal den Zeigefinger in die Augen stecken und sagen : Du bists , und ich mache mich anheischig , es eidlich zu beschwören . Und wenn - gesetzt der Fall - die eigene Familie nicht klagen will , so klage ich und gehe zum Staatsanwalt und lasse nicht nach und verlange Recht und Sühne . Und wenn er nicht will , so zwinge ich ihn mit seiner Pflicht und seinem Beruf und mit dem Regierungsrat und mit der Zeitung , bis er muß . « Und als jetzt zur Warnung ein Kieselsteinchen an ihr vorbeitänzelte , ersprang sie über zwei Stapfeln das Mäuerlein , riß einen Stecken von den Reben und