ihren Gedanken anklagen und sich einreden , daß sie ihn hasse und daß sie nichts mehr von ihm wissen wolle ; das glaubte sie ja alles selber nicht . Er war und blieb ihr Gustav , ihr Einziger , ihr Herzallerliebster . Morgen würde sie sich aufmachen , ihn aufzusuchen und ihn zur Rede stellen , sei es wo es sei . So scheu und zurückhaltend das Mädchen sonst war , davor hatte sie keine Angst . Es war nicht das erste Mal , daß sie ihn zu sich zurückgeführt hatte . Nachdem dieser Entschluß in ihr gereist war , fühlte sie sich sehr ruhig , glücklich geradezu . Sie erhob sich , nahm das Kind aus dem Korbe , hielt es ab und machte sich dann ans Auskleiden . Schnell in die Federn ! Die Glieder waren ihr steif geworden vom langen Aufsitzen in der Kälte . Sie hatte sich das Deckbett bis an den Hals gezogen und die Augen geschlossen zum Schlummer , als ein leichtes Geräusch an ihr Ohr schlug , draußen von der Hauswand kam es her . Sie fuhr im Bette in die Höhe ; den Ton kannte sie . Alles Blut war ihr in einer starken Welle zum Herzen gedrungen . Noch einmal dasselbe Klopfen an der Lehmwand ! Sie war schon am Fenster und schob den Schieber beiseite . Richtig ! da draußen stand eine dunkle Gestalt . » Gustav ? « - » Ja ! « - » Ich kumme ! « Schnell ein Tuch über die bloßen Arme geworfen ! etwas an die Füße zu ziehen , nahm sie sich nicht erst die Zeit . Dann die Kammertür nach dem Hausgang geöffnet ! so leise wie möglich die hintere Haustür aufgeriegelt und aufgeklinkt ! Im Rahmen des Türstocks erschien jetzt seine Gestalt . Sie griff nach Gustavs Hand , leitete ihn , damit er in der Dunkelheit nicht zu Falle komme . Erst als sie ihn drinnen hatte bei sich in der Kammer , den Geliebten , warf sie sich ihm um den Hals , wie sie war , nichtachtend der Kälte und Nässe , die er aus der Nacht mit hereinbrachte . XII. Die von Edmund Schmeiß versprochenen Dünge- und Kraftfuttermittel trafen in einem großen Brettwagen auf dem Büttnerschen Gehöfte ein . Der Fuhrmann übergab einen Lieferschein , der am Kopfe die Firma Samuel Harrassowitz trug . Der Büttnerbauer begriff nicht , was das heißen solle . Er hatte doch mit Edmund Schmeiß gehandelt und nicht mit Harassowitz . Der Kutscher , den der Bauer darüber ausfragen wollte , wußte auch keinen Bescheid zu geben . Er sei von der Firma S. Harrassowitz beauftragt , seine Fracht hier abzuladen . Es waren Säcke mit Chilisalpeter und Knochenmehl und ein Haufen Erdnußkuchen . Der Fuhrmann ließ sich Empfangnahme vom Bauern quittieren und übergab dann einen Brief . Darin bekannte Samuel Harrassowitz , Bezahlung für gelieferte Dünge- und Kraftfuttermittel durch ein von Herrn Edmund Schmeiß an seine Order remittiertes Akzept des Bauerngutsbesitzers Traugott Büttner in Halbenau empfangen zu haben . Der Büttnerbauer stand ratlos vor dem Papiere . Was bedeutete nun das wieder ! Wieviel schuldete er nun eigentlich und für was ? Und wessen Schuldner war er ? Der künstliche Dünger wurde vom Wagen genommen und in einer Ecke des Schuppens untergebracht . Der alte Bauer empfand nichts als Verachtung diesen Säcken gegenüber mit ihrem salzartigen Inhalte . Was sollte dieses Zeug seinen Feldern nützen ? Das war ja auch nur so neumodischer Unsinn . Wie konnten einige Handvoll solchen Pulvers ein Fuder Mist ersetzen , wie neuerdings gelehrte Leute aus der Stadt behaupteten . Mit Ingrimm betrachtete er sich diese Säcke , in denen sein gutes Geld steckte . Gustav dachte anders darüber als der Vater . Er war während seiner Dienstzeit in vorgeschrittenere Wirtschaften gekommen , als die väterliche war , und hatte die Vorzüge der künstlichen Düngung mit eigenen Augen wahrgenommen . Er wußte auch , zu welcher Jahreszeit und auf welche Böden man die verschiedenen Düngerarten anzuwenden hatte . Der Vater überließ es ihm , mit dem » Zeugs « anzufangen , was er wollte . Über dreißig Jahre hatte er gewirtschaftet ohne dergleichen . Er war zu alt , um darin noch umzulernen . Auch in anderer Beziehung machte sich Gustavs Einfluß geltend . Die Kartoffelernte hatte inzwischen ihren Anfang genommen . Der Büttnerbauer wollte , wie in den Jahren bisher , das Ausmachen der » Apern « mit den Seinigen bezwingen . Gustav redete ihm zu , er solle Tagelöhner aus dem Dorfe annehmen , wie die anderen Bauern es taten . Aber der Alte sträubte sich dagegen , er scheute die Ausgabe ; außerdem , behauptete er , würden ihm Kartoffeln gestohlen . Die Ernte zog sich dadurch endlos in die Länge , denn außer dem Alten , der die Furchen anfuhr , standen nur acht Hände für das Lesen der Früchte zur Verfügung . Dabei konnte man Toni , die nicht mehr allzuweit von der Entbindung stand , kaum mehr als volle Arbeitskraft rechnen . Der alte Bauer zankte und wetterte , daß es nicht vorwärts rücke . Nächstens werde es frieren , und die Hälfte der Kartoffeln stecke noch im Acker . Dabei war doch sein eigener kurzsichtiger Geiz und Starrsinn der Hauptgrund der Verzögerung . Da kam Gustav auf einen Gedanken ; er schlug vor , Kinder von armen Leuten , Häuslern , Einliegern , Handwerkern , die selbst kein Land hatten , zum Kartoffellesen anzunehmen und sie mit einem bestimmten Maß von Kartoffeln zu bezahlen . Der Gedanke leuchtete dem Alten ein . Auf diese Weise brauchte kein bar Geld ausgegeben zu werden , mit dem er in letzter Zeit karger umging denn je zuvor . Die paar » Apern « , welche die Kinder mit fortnahmen , fehlten kaum am Ertrage , und am Stehlen wurden die Kinder auch verhindert , denn sie hatten genug zu schleppen an dem ihnen Zuerteilten . Gustavs Plan kam zur Ausführung . Eine