dem Hofe zu , belegen war . Die Räume gingen ineinander , das vordere Gemach diente zum Speisen , das mittlere der Musik , und in dem Zimmer , von wo das Auge über den sturmdurchtosten Park schweifen konnte , versammelte Fanny am liebsten ihre Freunde um sich . Die Lese- und Malstunden hatten ihr zu sehr gefallen , um sie jetzt aufzugeben , wo die Winterruhe in Feld und Haus ihr viel mehr freie Zeit ließ . Magnus , der treffliche Recitator , war nach der Residenz übersiedelt , zum großen Jammer der Pastorin , die steif und fest glaubte , er habe sich ihrer Bevormundung entziehen wollen und sich deshalb hinter Fanny gesteckt . Fanny ließ sie bei diesem heilsamen Glauben , in der Hoffnung , sie werde sich künftig zusammennehmen ; denn alles , was Magnus je an Leichtfertigkeit beging , hatte stets seine tiefsten Wurzelfasern im Trotz gegen das ewige Bewachen , Ermahnen und Befehlen . Es galt , einen Ersatz für Magnus zu finden . Lanzenau als Vorleser zu denken , war lächerlich , auch pflegte dieser der Mittagsruhe , wenn man lesen hören wollte , und just diese Stunde mußte es sein , weil Fanny das Licht zum Malen brauchte . Joachim sagte , wenn er vorlesen solle , würde er vorziehen , auszuwandern . So mußte Severina denn lesen , und es ging sehr gut . Jeden Mittag sah das große , helle Zimmer das gleiche Bild zwischen seinen Wänden . Fanny saß , mit einer enormen Schürze und Malärmeln umkleidet , eifrig vor ihrer Staffelei , die an dem einen Fenster stand . Am andern saß ihr » Opfer « , wie er sich nannte , Joachim , und hielt nie still . Adrienne und Severina saßen in Joachims Nähe an einem Tischchen , erstere machte Handarbeit . Und wie früher Magnus für Adrienne gelesen , so las jetzt Severina für Joachim . Diese Gelegenheit , ihm die glühendsten Geständnisse zu machen , ward ihre Lehrmeisterin ; sie las oft mit solchem Schwunge , mit so tiefinnerster Erregung , daß Fanny den Pinsel ruhen ließ und fortgerissen zuhörte . Die melodische Stimme tönte durch den Raum , in dem auch alles bereitet schien , einer weihevollen , der Poesie gewidmeten Stunde den rechten Rahmen zu geben . Reichtum und Verständnis hatten ihn mit einer gewissen , zurückhaltenden Pracht geschmückt . Die reichgefüllten Blumentische , in denen Frühlingsblumen unter Fächerpalmen blühten , fügten der Pracht die Anmut hinzu . Lanzenau meinte einmal im Scherz , Fanny sei da unvorsichtig und zettle etwas an , wofür sie dann die Verantwortung trage . Das Hineinlesen in die Herzen sei seit Francesca und Paolo da Rimini eine bekannte Form des Verliebens , und wenn Severina und Joachim sich verliebten , müsse Fanny als die Veranstalterin auch für das weitere sorgen . Dabei hatte er Fanny scharf angesehen . Aber sie sagte mit der größten Ruhe : » Ach - Unsinn ! Joachim muß eine reiche Frau und Severina einen reichen Mann haben . Joachim ist ja viel zu vernünftig und sie auch - dergleichen fällt ihnen nicht ein . « Es fiel nämlich Fanny nicht ein , an solche Möglichkeit zu denken . Die Aeußerung glitt an ihrer Ahnungslosigkeit so ab , daß sie nicht einmal bei der nächsten Vorlesung mehr daran dachte . Joachim fühlte sich ungeheuer wohl bei der Sache . So dazusitzen und ungefährdet , durch das Medium irgend eines Poeten , sich von Severina in allen Tonarten sagen zu lassen , daß er unendlich geliebt sei , und das in Gegenwart der beiden anderen Frauen hatte jedenfalls einen pikanten Reiz . Und das konnte noch eine gute Weile so fortgehen , denn Fanny traf immer und immer nicht die Züge , in denen sie mit der größten Vertiefung las . Wenn Joachim nicht zugegen war , schien es ihr , als wisse sie sein Gesicht auswendig , und wenn er dann so vor ihr saß , entdeckte sie jeden Tag etwas Neues in seinen Zügen , und jeder Zug erschien ihr von vollkommener Schönheit . Das erste Porträt ward von allen für so unendlich geschmeichelt und deshalb nicht ganz ähnlich erklärt , daß sie ein zweites sogleich begann . So endete der Oktober und Lanzenau rüstete sich mit schwerem Herzen zur Fahrt nach der Taißburg . Freilich , verändert hatte sich hier nichts , Fanny war noch ebenso unbefangen , fast naiv in den Aeußerungen ihres Wohlgefallens für Joachim , und diesen hatte er mehr wie einmal bei Zeichen heimlichen Einverständnisses mit Severina ertappt . Auch verhießen seine Bemühungen , für Joachim eine auskömmliche Stellung zu finden , Erfolg . Er hatte durch den Grafen Taiß erfahren , daß die gräflich Itzelburgischen Güter wahrscheinlich in Administration kommen würden , weil der Graf - ein einstiger Regimentskamerad Lanzenaus bei den Gardes du Corps , wo beide bis zum Premier dienten - plötzlich verstorben sei , die Erben aber erst in zehn Jahren majorenn würden . Lanzenau knüpfte sofort die längst erkalteten oder eingeschlafenen Beziehungen zu der Familie des Verstorbenen wieder an und war gewillt , im Notfall selbst nach Pommern zu reisen , um an Ort und Stelle für seinen Schützling zu wirken . Wenn Joachim die Administration bekam , konnte er alsbald heiraten und sah sich bei vernünftiger Wirtschaft nach zehn Jahren im Besitz eines Kapitals , welches ihm gestattete , dann eine Pachtung anzufassen . Trotz all dieser Gründe zur Ruhe war Lanzenau dennoch von dumpfen Ahnungen erfüllt und reiste mit einem so sichtlichen Schmerz ab , daß Fanny fast peinlich davon berührt wurde . Sie stand noch eine Weile in dem Beischlag vor ihrem Hause und schaute seinem davonrollenden Wagen nach , dann ging sie lange im Park spazieren , eng in das große weiße Wolltuch gewickelt , das sie um die Schultern geschlagen , als sie Lanzenau an den Wagen begleitete . Ihre Fußspitzen stießen raschelnd die feuchten gelben Blätter empor , sie ging , wie Kinder wohl im